Hamburg  „Sing meinen Song“-Star Alli Neumann über ihre Herkunft, Emanzipation und Nina Hagen

Daniel Batel
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Von Daniel Batel
| 13.07.2023 06:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Singer-Songwriterin und Schauspielerin Alli Neumann war zuletzt in der Vox-Sendung „Sing meinen Song“ im Fernsehen zu sehen. Foto: imago-images/Guido Schiefer
Singer-Songwriterin und Schauspielerin Alli Neumann war zuletzt in der Vox-Sendung „Sing meinen Song“ im Fernsehen zu sehen. Foto: imago-images/Guido Schiefer
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Erster Plattenvertrag mit 14, Schulabbruch und Nachhol-Abi, plötzlich auf großen Bühnen. Alli Neumann hat im Alter von 28 Jahren schon viel erlebt. Als Teilnehmerin der Vox-Erfolgssendung „Sing meinen Song“ wurde sie jetzt einem breiteren Publikum bekannt. Wer ist die vielseitige Sängerin?

Alli Neumann mag Schubladen. Aber nur solche, die man in alten Kommoden auf Trödelmärkten findet. In eine Schublade gesteckt werden möchte sie dagegen nicht. Dem Musikmagazin „Diffus“ sagte sie einmal: „Ich habe keinen Bock, eine weitere glattgebügelte, angepasste Frau in unserer Musikindustrie zu sein.“ Im Interview erklärt die Sängerin, die auch auf Polnisch und Jiddisch singt, wie sie Vergleiche mit Nina Hagen empfindet.

Frage: Frau Neumann, Sie haben in der aktuellen Staffel von “Sing meinen Song - das Tauschkonzert” mitgemacht. Was war das für eine Erfahrung?

Antwort: Eine der schönsten Zeiten meines Lebens! Wir haben uns so gut mit der Gruppe verstanden, dass es so ein richtiges Klassenfahrtsgefühl war. Und ich habe unfassbar viel gelernt. Ich hatte davor ganz viele Annahmen darüber, was ich kann und was nicht, aber bei “Sing meinen Song” bin ich total aus meiner Komfortzone rausgekommen und habe gemerkt, dass da noch viel mehr geht. Ich habe zum Beispiel polnische folkloristische Musik gemacht, wo ich sonst wohl nie drauf gekommen wäre.

Frage: Was bedeutet es Ihnen, auf polnisch zu singen, der Sprache des Landes, in der Sie Ihre frühe Kindheit verbracht haben?

Antwort: Ich habe in meinem Leben lange versucht, so zu tun, als wäre ich nur deutsch. Dann bin ich mit 18 aber nach Hamburg gezogen und habe Freunde mit kurdischen oder türkischen Wurzeln kennen gelernt, die mich zu Events auf ihrer Muttersprache mitgenommen haben. Und dann dachte ich, ich möchte auch, dass das Polnische weiterhin Teil meines Lebens ist. Seitdem habe ich bei meinen Auftritten einfach mal auf polnisch gesungen und das wurde super angenommen. Dadurch habe ich auch ganz viele Polen kennengelernt. Heute freue ich mich total darüber und schäme mich nicht mehr.

Frage: Was löst der Begriff Heimat in Ihnen aus?

Antwort: Ich habe erst mal unangenehme Gefühle beim Begriff Heimat. Ich glaube, das ist für mich ein hoch politisierter Begriff. Es gibt viele Orte, an denen ich mich wohlfühle, und ich freue mich, wenn ich irgendwo Leute kenne. Aktuell bin ich viel unterwegs und der Tourbus ist leider meine Heimat, würde ich sagen (lacht).

Frage: Sie sind neben der Musik auch als Schauspielerin erfolgreich, haben schon mit Detlev Buck gedreht. Wie sind Sie zu Ihrer ersten Rolle gekommen?

Antwort: Ich hatte nie geplant, Schauspielerin zu werden. Aber ich kenne den Regisseur Kim Frank (den früheren “Echt”-Sänger, Anm. d. Red.). Der hat sich damals einfach bei mir gemeldet und sagte, er hätte eine Rolle für mich. Ich habe dann geantwortet, dass ich gar nicht schauspielern kann. Aber er hatte so viel Vertrauen. Ich bin unfassbar dankbar dafür, weil es inzwischen eine Leidenschaft von mir geworden ist, die auch die Musik befruchtet.

Frage: Im Musikvideo zu “Frei”, Ihrem aufrufstärksten Song auf YouTube, schlüpfen Sie in die Rolle einer Feuerwehrfrau. Welche Botschaft steckt dahinter?

Antwort: Ich habe versucht, mich von sexistischen gesellschaftlichen Strukturen und Gedankengängen zu befreien. Die Idee bestand darin, alle Berufe, von denen mir als Kind gesagt worden ist, dass ich sie als Frau nicht ergreifen könne, wie Richterin, Footballspielerin oder Geschäftsführerin, damit aufzuräumen und zu zeigen: Doch, das geht.

Frage: Wie wichtig ist Ihnen Selbstbestimmung? 2021 haben Sie Ihr eigenes Label gegründet.

Antwort: Mir geht es darum, die Handhabe über meine Musik und die Rechte zu haben, weil mich das unabhängiger macht. Was ich super finde, ist, dass ich mir jetzt immer die richtigen Menschen für neue Projekte aussuchen kann, mit denen es einfach passt.

Frage: In Fresenhagen ist die Band Ton Steine Scherben bis heute allgegenwärtig. Wie hat Ihnen der Ex-Bassist Jochen Hansen geholfen, Ihren Stil zu finden?

Antwort: Als ich elf oder zwölf Jahre alt war, habe ich mal ein Konzert auf einem Stadtfest mit Coversongs gespielt. Da hat er mich gefragt, ob ich auch eigene Songs schreibe. Dann habe ich ja gesagt, obwohl das gelogen war, und habe schnell welche geschrieben. Er hat mich von der ersten Sekunde an total ernst genommen und hat dann sogar einen Raum für mich geschaffen, in dem ich Musik machen konnte.

Frage: Wie empfinden Sie es, wenn man Sie heute mit Nina Hagen vergleicht?

Antwort: Anfangs war ich noch sehr bemüht, in einem Genre zu bleiben. Aber ich habe gemerkt, dass ich mich da nicht einschränken lassen möchte. Dadurch kann ich eben auch musikalische Ausflüge machen und bin echt froh darüber, dass meine Band und meine Fans das alles mitmachen. Wenn dann solche Vergleiche aufkommen, macht mir das nichts aus.

Frage: Abschließend gefragt: Was fasziniert Sie so an Antiquitätenläden?

Antwort: Meine Eltern sind Antiquitätenhändler und ich bin auf solchen Märkten groß geworden. Dieser Fluch ist jetzt an mir hängen geblieben. Ich bin immer überall am Gucken: Ist da noch irgendwo etwas zu holen? Ich finde es auch schön, dass es nachhaltig ist, also Sachen wieder aufzuarbeiten und sie weiterzureichen, anstatt immer alles neu zu kaufen.

Frage: In Ihrem Keller stapelt sich Krimskrams also bis an die Decke?

Antwort: Ich wünschte, es wäre nur ein Keller (lacht).

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