Schanghai  LGBTQ+ in China: Warum Präsident Xi Jinping die queere Bewegung fürchtet

Matthias Kamp
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Von Matthias Kamp
| 15.07.2023 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Dem chinesischen Regime um Alleinherrscher Xi Jinping ist die organisierte queere Bewegung ein Dorn im Auge. Foto: Unsplash/William Fonteneau
Dem chinesischen Regime um Alleinherrscher Xi Jinping ist die organisierte queere Bewegung ein Dorn im Auge. Foto: Unsplash/William Fonteneau
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Die chinesische Regierung geht derzeit mit drastischen Maßnahmen gegen die organisierte LGBTQ-Szene vor. Wie ist es, als queerer Mensch in China zu leben? Eine Begegnung mit Shanghais bekanntester Dragqueen.

Fragt man Wang Yihao nach seiner sexuellen Orientierung, muss er einen Moment lang überlegen. „Ich glaube, ich bin queer“, sagt der junge Chinese. Er definiert sein Geschlecht also sehr weit und sieht sich nicht als heterosexuell. Aber die sexuelle Orientierung ist für ihn ohnehin nicht das Entscheidende. „Viel wichtiger sind die Inhalte, die ich meinem Publikum vermitteln will.“

Wang ist eine der bekanntesten Dragqueens Chinas. Zurzeit tritt er im Schnitt zweimal pro Woche in Shanghaier Underground-Klubs auf. Sein Vorname ist gleichzeitig sein Künstlername – Yihao ist in der LGBT-Szene ein fester Begriff. Und darüber hinaus: Internationale Brands lieben ihn. So hingen etwa kürzlich an der Shanghaier Einkaufsmeile Huaihai Lu überall Werbeplakate des Sportartikelherstellers Adidas mit Yihaos Konterfei.

Seine farbenprächtigen Kostüme entwirft Yihao allesamt selbst. Dabei kombiniert er konventionelle Stoffe mit chinesischen Materialien wie Bambus. Auch seine Shows, zu denen sich regelmäßig zwischen 200 und 400 Zuschauer einfinden, choreografiert der 22-Jährige im Alleingang. „In diesem Jahr ist mein Motto ‚Befreie deinen Geist, befreie deinen Körper‘“, sagt Yihao.

Doch auch wenn Yihao nicht auftritt, fällt er in der Öffentlichkeit auf. Zum Gespräch in einer Shanghaier Hotellobby erscheint er in einem fast bodenlangen schwarzen Ledermantel. Über den sonst kahl rasierten Kopf ziehen sich der Länge nach zwei je einen Zentimeter breite Haarstreifen. Seinen Hals ziert ein Tattoo in Gestalt eines Spinnennetzes. Yihaos Begleitung, die von sich sagt, sie habe zwei Comingouts gehabt, eines als queer und eines als Homosexueller, trägt einen schwarzen Rock; die Haare sind pink gefärbt. Ein Paar, darauf bestehen die beiden, sind sie nicht.

Yihao zeigt seine sexuelle Orientierung offen und selbstbewusst. „Im Alltag hat man hin und wieder mit Vorurteilen und Diskriminierung zu tun“, sagt er. „Beleidigt, gar angegriffen, wurde ich noch nie.“ Sollte das passieren, wüsste er sich zu wehren. Die chinesische Gesellschaft, meint Yihao, sei eben „noch nicht sehr inklusiv“. Gemäß einer Studie aus dem Jahr 2020 erfährt ein substanzieller Teil der sexuellen Minderheiten Chinas regelmäßig Diskriminierung.

Yihaos Mut ist bewundernswert, denn Chinas LGBT-Szene steht unter Beschuss der Regierung wie lange nicht mehr. Mitte Mai schloss in Peking das LGBT-Center. Das Zentrum war 2008 im Zuge eines um sich greifenden Optimismus, dass China sich politisch weiter öffnen würde, gegründet worden. Die Organisation setzte sich für die Rechte sexueller Minderheiten ein und bot Beratungsdienste an. Im Jahr 2014 gewann das LGBT-Center einen Gerichtsprozess gegen eine Klinik, die Elektroschock-Therapien anbot, mit deren Hilfe homosexuelle Chinesen „konvertiert“ werden sollten.

Eine Begründung für die Schließung nannte das LGBT-Center nicht. In der schriftlichen Erklärung ist lediglich von „höherer Gewalt“ die Rede – ein Euphemismus, der regelmäßig bemüht wird, wenn Institutionen der Zivilgesellschaft schließen müssen, seit Staats- und Parteichef Xi Jinping 2013 die Macht übernommen hat.

Auch an anderer Stelle verengen sich die Freiräume für sexuelle Minderheiten zusehends. Im Jahr 2017 verbannte eine staatlich anerkannte Industrievereinigung homosexuelle Inhalte aus Online-Übertragungen. 2020 kündigten die Organisatoren der Shanghai Pride an, die Veranstaltung werde dauerhaft eingestellt. Von 2009 an hatte sich die Shanghai Pride zum führenden Event der chinesischen LGBT-Szene entwickelt.

Auch Chinas Universitäten gehen immer rabiater gegen sexuelle Minderheiten vor. Im vergangenen Jahr belegte die renommierte Tsinghua University in Peking zwei Studierende mit Disziplinarstrafen, weil sie Regenbogen-Fähnchen auf dem Campus verteilt hatten. In der Begründung hieß es, die Studierenden hätten „nicht autorisiertes Werbematerial“ verbreitet, welches eine „negative Wirkung“ habe.

Die beiden Chinesen haben Anfang des Jahres beim Bildungsministerium eine Klage gegen die Strafen eingereicht. Ende Mai erklärte ein Pekinger Gericht, das Ministerium werde die Klage nicht annehmen. Doch die beiden Studierenden wollen nicht aufgeben und, wie sie sagen, sämtliche Rechtsmittel ausschöpfen. Ebenfalls im Mai nahm die Polizei sechs homosexuelle Chinesen für 13 Tage fest. Begründung: Sie hätten sich an „unzüchtigen Aktivitäten“ beteiligt.

Den chinesischen Machthabern ist inzwischen jede Art von organisiertem zivilgesellschaftlichem Engagement, das außerhalb der staatlichen Kontrolle stattfindet, zuwider, fürchtet Peking doch, daraus könnte womöglich eine breitere politische Bewegung entstehen. Xi will nun auch eine mögliche Institutionalisierung der LGBT-Szene bereits im Keim ersticken. Für Chinas Alleinherrscher sind anders liebende Gruppierungen offenbar ein nationales Sicherheitsrisiko.

Der Performancekünstler Yihao kann bis jetzt noch im Großen und Ganzen ungestört arbeiten. Doch Erfahrungen mit Eingriffen der Behörden hat auch er bereits gemacht. Im vergangenen Jahr verbot die Polizei ohne Angaben von Gründen einen seiner Auftritte in Hangzhou, der Hauptstadt der Provinz Zhejiang. Dabei habe Chinas LGBT-Community gerade in den vergangenen Jahren große Fortschritte erzielt, was die Akzeptanz in der Gesellschaft angeht. Doch Yihao fürchtet: „Wenn die Politik das jetzt erstickt, war alles umsonst.“ Vor allem in Shanghai und Peking hat sich in den vergangenen Jahren eine lebhafte Drag-Szene entwickelt. Zu den Stars gehört neben Yihao auch Lian Longqing.

Neben Xi Jinpings Furcht vor einer organisierten LGBT-Bewegung gibt auch das überkommene Weltbild vieler Regierenden Anlass zu Beunruhigung. In Xis Koordinatensystem haben Männer männlich zu sein, Frauen sollen vor allem Kinder für das Vaterland gebären. In der jüngsten Vergangenheit gingen die Behörden immer wieder gegen sogenannte Sissyboys vor, feminin aussehende junge Männer, deren Shows im TV und im Internet äußerst populär waren. Inzwischen sind sie verboten.

Die Vorbehalte haben ihren Ursprung in der Reformperiode des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Damals wurden angeblich verweichlichte chinesische Männer als Ursache für die Demütigungen durch das Ausland, die China ertragen musste, dargestellt. „Es ist eine verrückte Debatte“, findet Xiang Biao, Soziologe am Max-Planck-Institut für Ethnologie in Halle an der Saale. Xiang beobachtet mit Sorge, wie die chinesische Regierung immer stärker den Lebensstil der Chinesen zu kontrollieren versuche. Er sagt: „Autoritäre Systeme tolerieren keine Diversität.“

Weiterlesen: „Taiwan gehört China seit dem Altertum“, sagt die Regierung in Peking – ohne Belege dafür

In China stand Sex in gleichgeschlechtlichen Beziehungen bis 1997 unter Strafe. Inzwischen können sich Partner in homosexuellen Beziehungen sogar gegenseitig als gesetzlicher Vormund einsetzen. Dabei machen sie sich ein Gesetz zunutze, das ursprünglich für Chinas Senioren konzipiert worden war.

Im Alltag können LGBT-Menschen ihre sexuelle Orientierung immer noch relativ offen zeigen, solange sie sich nicht organisieren oder politische Forderungen stellen. In Pekings Straßen und Klubs sind immer öfter homosexuelle Paare zu sehen, die ihre Orientierung auch durch körperliche Zuneigung demonstrieren. In Klubs wie dem Kai Club im Pekinger Stadtteil Sanlitun oder im Destination nahe dem Arbeiterstadion trifft sich die Szene zu ihren Partys und bleibt dabei unbehelligt.

An einem schwülwarmen Maiabend sitzen auf der Terrasse des Destination mehrere homosexuelle Paare, vor sich Bier und Cocktails. Der Platz ist mit Regenbogenflaggen ausgeschmückt, Poster mit dem Schriftzug „Rainbow Pride“ werben für die Drag-Shows am Wochenende.

Die Atmosphäre ist gelöst, von möglichen Einschränkungen ist nichts zu spüren. Auf einem mit einer Lichterkette geschmückten Tisch am Rande der Terrasse haben zwei junge Frauen Utensilien wie Peitschen aus Leder, schwarze Masken und Handschellen ausgebreitet. Sie bieten die Spielzeuge zum Verkauf an. Ein junger Mann kommt und probiert ein Lederhalsband, entscheidet sich am Ende aber doch gegen den Kauf.

Der Künstler Yihao schätzt, dass zwischen drei und sieben Prozent aller Chinesen queer sind. Allein sechs seiner fünfzig früheren Mitschüler arbeiteten heute als Dragqueen, erzählt er. Trotz allen Widrigkeiten ist Yihaos Optimismus unerschütterlich. „Die Szene entwickelt sich in die richtige Richtung“, glaubt er, „und solange es Menschen wie uns gibt, wird das so weitergehen.“ Mit seiner Arbeit will er jetzt eine Verbindung zwischen der LGBT-Szene und der Welt der Heterosexuellen herstellen, auch um das gegenseitige Verständnis zu fördern.

Yihao kann inzwischen gut von seiner Arbeit leben. Sein Label „Queer“, dessen Name er sich über der rechten Augenbraue hat tätowieren lassen, beschäftigt vier Mitarbeiter. Einer von ihnen ist seine Begleitung. Während der Pandemie mit den vielen Lockdowns lief das Geschäft eher schlecht, doch jetzt gehe es wieder voran, sagt Yihao.

Geboren wurde der Künstler in der zentralchinesischen Megastadt Chongqing. Bereits mit vierzehn Jahren verließ er sein Elternhaus und zog nach Chengdu, die Hauptstadt der Provinz Sichuan. Chengdu gilt als Hochburg der chinesischen LGBT-Community, es wimmelt von Klubs und Szene-Cafés. Zunächst arbeitete Yihao als Make-up-Künstler, später lernte er Modedesign. Vor gut drei Jahren zog es ihn dann nach Shanghai, sicherlich auch der Geschäftschancen wegen, aber auch, „weil hier mehr Kreative leben“.

Dass Yihao in so jungen Jahren sein Elternhaus verließ, hatte auch damit zu tun, dass es ihm bei Mutter und Vater zu eng wurde, auch wenn die Eltern ihn bis heute bei seinen Vorhaben unterstützen. Probleme mit seiner sexuellen Orientierung hatten sie nie. Yihao ist ein Freigeist. Irgendwann will er einmal für ein paar Jahre im Ausland leben; seine Zukunft, so beteuert er, sieht er aber in China.

Ein Teil seines noch jungen Lebens hat ein amerikanischer Dokumentarfilmer festgehalten. Über vier Jahre begleitete er Yihao und seine Freunde bei deren nächtlichen Zügen durch die Underground-Szene von Chengdu. Im März wurde The Last Year of Darkness am Copenhagen Film Festival in der Kategorie „Wave“ ausgezeichnet.

Als Yihao von dem Film erzählt, wird er dann doch etwas nachdenklich, und für einen Moment scheint sein sonst so unerschütterlicher Optimismus zu schwinden. Yihao sagt: „In China wird der Film wohl nicht gezeigt werden.“

Dieser Artikel erschien zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung.

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