Nach gebrochener Speiche  Warum ein Radtourist in Wiesmoor den Auto-Abschlepper brauchte

Ole Cordsen
|
Von Ole Cordsen
| 11.07.2023 17:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Auf diesen Abschlepper wurde das Fahrrad geladen. Foto: Tomat
Auf diesen Abschlepper wurde das Fahrrad geladen. Foto: Tomat
Artikel teilen:

Speichenbruch am Sonntag: Radtourist Martin Tomat hatte eine Panne. Deren Reparatur wurde ganz schön umständlich und zeigt, wie viel Verbesserungspotenzial die Region hat.

Wiesmoor/Ostfriesland - Nein, dass er sein kleines Fahrrad auf den Zughaken eines ADAC-Abschlepp-Lasters schnallen lassen würde, der sonst Busse und schwere Lkw huckepack nimmt: Damit hatte Martin Tomat aus Fröndenberg/Ruhr bei Dortmund nicht gerechnet, als er vor einigen Tagen gemeinsam mit seiner Frau und einer Freundin von Leer aus aufgebrochen war, um zwei Tage lang die Deutsche Fehnroute zu erradeln. Und doch passierte ihm genau das.

Ruhetag: Ein Aufdruck in der Eingangstür von Fahrrad Block erklärt den Kunden, dass erst dienstags ab 9 Uhr wieder geöffnet ist. Foto: Cordsen
Ruhetag: Ein Aufdruck in der Eingangstür von Fahrrad Block erklärt den Kunden, dass erst dienstags ab 9 Uhr wieder geöffnet ist. Foto: Cordsen

„Um Staus und Anreiseverkehr aus dem Weg zu gehen, sind wir sonntags angereist, haben unser Auto in Leer stehen lassen und sind losgeradelt“, sagt er. Etappenziel: Wiesmoor. Doch etwa fünf Kilometer vor der Ankunft im Hotel, irgendwo in der Kanalidylle zwischen Spetzerfehn und Wilhelmsfehn II, erwischte Tomat eine harte Kante im Untergrund, zwei Speichen brachen. „Ganz vorsichtig bin ich dann weiter bis zum Hotel gefahren – in der Hoffnung am nächsten Morgen die Speichen in einer Fahrradwerkstatt vor Ort austauschen und weiterradeln zu können“, sagt er.

Zwei Radläden vor Ort – beide haben Ruhetag

Doch das erwies sich komplizierter als erhofft – denn beide Fahrradläden in Wiesmoor, Block an der Hauptstraße sowie Roßmüller am Neuen Weg – haben seit einigen Jahren montags Ruhetag. „Als ich das im Internet herausfand, habe ich schon geschluckt – und mich gewundert, warum die sich nicht absprechen, so dass an jedem Werktag wenigstens einer offen hat“, sagt Tomat. Er telefonierte herum, doch auch im Umkreis von 15 Kilometern, von Großefehn über Friedeburg bis Remels, aber auch in Leer, habe er bei Anrufen nur die Antwort bekommen, dass die Werkstätten gerade überlastet seien und leider gerade keine Kapazitäten hätten, ihn und sein speichenbrüchiges Rad dazwischenzuschieben.

„Dann blieb mir am Ende nichts anderes übrig, als den ADAC anzurufen, weil mir eingefallen war, dass mein Schutzbrief dort auch den Fahrradtransport bei einer Panne abdeckt“, sagt Tomat. „In der Zentrale in München haben sie auch etwas stutzig gelacht, dass ich wegen zwei gebrochener Speichen anrufe. Der Fahrer mit dem Abschlepper kam, hätte einen Fahrradschlauch als Soforthilfe gehabt, aber das brachte nichts. Und dann hat der Fahrer mein Rad aufgeladen – und ich habe gesagt: ,Bring mich gern einfach zu meinem Auto zurück nach Leer.‘ Und unterwegs fiel dem Fahrer ein, dass es ja noch einen Radladen an der Bundesstraße in Brinkum gibt. Dort haben sie sofort Zeit gemacht, haben uns empfangen, und noch während ich mein Gepäck ausgeladen habe, schon die erste Speiche getauscht. Und statt zurück nach Leer, bin ich von dort aus dann über Filsum und Stickhausen nach Elisabethfehn gefahren, wo ich meine Frau und ihre Freundin wiedergetroffen habe, auf dass wir gemeinsam zum nächsten Ziel in Ostrhauderfehn fahren konnten“, sagt Tomat.

Aufholbedarf in Ostfriesland?

Für ihn seien aber Fragen geblieben: „Mich wundert schon, wenn in Ostfriesland so mit Radtourismus geworben wird, wie wenig Infrastruktur es dafür zu geben scheint. In meiner Heimat, am Ruhrtal-Radweg, stehen alle paar Kilometer Schilder, auf denen die nächsten Fahrradwerkstätten beschrieben sind. Das finde ich touristenfreundlich. Es gibt Pauschalangebote, bei denen man im Pannenfall zur nächsten Werkstatt gebracht wird. Und auch ein Überblick, nicht nur mit allen Werkstätten, sondern auch allen Öffnungstagen wäre ein guter Service. Da ist man in Ostfriesland zum Teil schon auf sich allein gestellt.“ Er wolle niemandem daraus einen Vorwurf machen. „Aber es fällt auf. Und es ist hier ja schon so ländlich, dass man völlig verständlich seltener und weniger Fahrradläden entlang der Strecke findet als in städtischen Gegenden.“

Auf der Homepage der Ostfriesland-Tourismus GmbH (OTG) findet man durchaus eine Darstellung der Radläden und -werkstätten in der Region, indes braucht man schon ein wenig detektivisches Gespür, um den Punkt zu entdecken. Und Öffnungstage und -zeiten findet man dort nur sporadisch, mit Glück. „Das ist tatsächlich ein bisschen unglücklich positioniert“, sagt OTG-Chefin Imke Wemken. „Und die Anregungen sind wertvoll. Zumal das ein Thema ist, das sich grafisch gut aufbereiten lässt. Das nehme ich mit in unseren Rad-Arbeitskreis.“ Auch könnte es eine Möglichkeit sein, eine Liste beim Service-Center-Tourismus in Norden zu hinterlegen, wo, an welchen Tagen und zu welchen Zeiten es Pannenhilfe und Werkstätten gibt. Einen Pannen-Abhol-Service für ganz Ostfriesland habe es früher mal gegeben. „Das hat sich betriebswirtschaftlich nicht getragen, aber vielleicht kann man das im Miteinander ja noch mal neu denken und zu neuen Lösungen kommen“, sagt Wemken.

Wiesmoorer Radhändler sehen keinen Spielraum

Auch dass zwei Radläden in einer Stadt sich bei den Schließtagen nicht absprechen, will Tomat „gar nicht kritisieren“, sagt er. „Das ist ja deren Entscheidung. Aber verwunderlich finde ich es“, fügt der Fröndenberger an. Erich Wagner, Vorsitzender des Bezirksverbands Ostfriesland im Deutschen Hotel- und Gaststättenverband, pflichtet ihm bei: „Aus Sicht der Gäste wäre es natürlich schon wünschenswert, dass auch in Wiesmoor an jedem Werktag ein Fahrradladen mit Werkstatt erreichbar ist und beide Läden sich absprechen – so sehr das deren unternehmerische Entscheidung ist und so froh wir sein können, dass wir noch zwei handwerklich so gute Betriebe in der Stadt haben.“

Ruhetag: Ein Aufdruck in der Eingangstür von Fahrrad Block erklärt den Kunden, dass erst dienstags ab 9 Uhr wieder geöffnet ist. Foto: Cordsen
Ruhetag: Ein Aufdruck in der Eingangstür von Fahrrad Block erklärt den Kunden, dass erst dienstags ab 9 Uhr wieder geöffnet ist. Foto: Cordsen

Auf Nachfrage heißt es von den Betreibern von Roßmüllers Zweiradshop: „Wir sehen keine Alternative zum Montag als Ruhetag, wir sind ein kleiner Zweieinhalb-Mann-Betrieb, haben früher auch wegen der vielen Messen teilweise drei Monate lang kein Wochenende gehabt, haben nur zwei bis drei Wochen Urlaub im Jahr. Das ist anders nicht zu machen.“ Man habe früher den Mittwochnachmittag getestet, „aber das funktioniert nicht, man muss ja auch mal zum Arzt und Dinge erledigen“. Der Montag sei dafür auch wirtschaftlich der sinnvollste Tag. Zudem bemühe man sich auf Ansprache immer, Urlaubern zu helfen. Auch und gerade an Wochenenden. „Normale Kunden können sich drauf einstellen. Hier helfen wir schon, wo immer wir können, weil die Urlauber möchten ja weiter.“

„Hinweise sind eine Chance, Dinge noch besser zu machen“

Michaela Block, Chefin von Fahrrad Block in Wiesmoor, äußert sich ähnlich: „Viele Werkstätten sind aktuell überlastet, das ist ein branchenweites Problem, und auch wir arbeiten wegen knappem Personal als kleines Geschäft regelmäßig am Limit. Das sind wir schon, um unsere ostfriesischen Kunden gut bedienen zu können. Ich weiß selbst, wie das ist, als Urlauber eine Panne zu haben. Deswegen versuchen auch wir zu helfen, wo wir können. Aber für uns ist der Montag der wirtschaftlich sinnvollste Tag, um zu schließen.“ An vielen Orten, auch in Wiesmoor, gebe es zudem aber ja handwerklich geschickte Privatleute.

„Vielleicht gelingt es gemeinsam mit den Touristikern, die mit ins Boot zu holen – und dafür zu sorgen, dass die Kontaktdaten derjenigen, die vielleicht sogar Freude am Reparieren haben, gesammelt werden, so dass Touristen im Pannenfall so geholfen werden könnte.“ Potenzial zur Verbesserung scheint an einigen Stellen vorhanden, damit noch mehr Radtouristen Lust auf Ostfriesland bekommen. „Gerade deshalb sind Hinweise aber eine Chance, Dinge noch besser zu machen“, sagt OTG-Chefin Imke Wemken.

Ähnliche Artikel