Geplante Ansiedlungen  Lithium-Raffinerie und PV-Park – bekommt Emden ein Platzproblem?

Mona Hanssen
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Von Mona Hanssen
| 07.07.2023 16:54 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Um etwa den Bereich geht es beim Wybelsumer Polder. Foto: N-Ports
Um etwa den Bereich geht es beim Wybelsumer Polder. Foto: N-Ports
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Erste Lithium-Raffinerie Europas, größte Photovoltaik-Anlage Niedersachsens im einst größten Windpark Europas: Im Wybelsumer Polder treffen Superlativen aufeinander. Aber wie passt das alles?

Emden - Emdens Industrieflächen in Hafennähe, also insbesondere der Wybelsumer Polder und der Rysumer Nacken, sind beliebt. Vier bis fünf Anfragen pro Jahr bekommt die Stadt von Investoren und Unternehmen, sagte Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos) im Wirtschaftsausschuss des Emder Rats vor kurzem. Für einige Areale im Polder ist die Nachfrage sogar größer als das Angebot, so Kruithoff. Das erklärte auch Hanne Hollander vom landeseigenen Hafenbetreiber N-Ports im März. N-Ports gehören die Flächen, die nicht an Investoren verkauft, sondern nur langfristig verpachtet werden.

Was und warum

Darum geht es: die Entwicklung auf den Emder Industrieflächen in Hafennähe

Vor allem interessant für: Emderinnen und Emder, die sich für die wirtschaftliche Entwicklung ihrer Stadt interessieren; insgesamt Wirtschaftsinteressierte

Deshalb berichten wir: Zwei große Ansiedlungen sind im Wybelsumer Polder geplant. Wie passt das alles? Das hat sich nicht nur ein Leser gefragt, der sich bei uns gemeldet hat, wir hatten das auch schon auf dem Zettel und haben recherchiert.

Die Autorin erreichen Sie unter: m.hanssen@zgo.de

Nach rund drei Jahren Verhandlung wurde vor einer Woche mitgeteilt, dass eine Lithium-Raffinerie - die erste in Europa - in den Wybelsumer Polder kommen soll. „Endlich werden die Dinge sichtbar“, sagte Kruithoff dazu im Ausschuss. Aber was ist eigentlich mit dem im Februar angekündigten niedersachsenweit größten zusammenhängenden Photovoltaik-Park, der auch in den Polder kommen soll? Und was ist mit den Windkraftanlagen in dem Park dort, der vor ein paar Jahren als leistungsstärkster in Europa galt?

Was ist mit dem Windpark?

Westlich vom Larrelter Polder, wo auch das VW-Werk liegt, befindet sich der Wybelsumer Polder. Im Jahr 2002 wurden dort 54 Windkrafträder auf einer Fläche von rund 380 Hektar feierlich in Betrieb genommen. Umgerechnet sind das mehr als 530 Fußballfelder. Das Gebiet ist auch heute laut Rainer Kinzel, Leiter des Fachbereichs Umwelt bei der Stadt, „einer der wirtschaftlichsten Standorte Deutschlands“, wie er im Februar sagte.

In Zukunft dreht sich wohl alles um das Thema Repowering. Das heißt, alte Anlagen sollen durch neuere, sehr viel leistungsstärkere ersetzt werden. Ob dadurch mehr Anlagen weichen können bei trotzdem mehr Leistung - vielleicht zugunsten anderer Industrie -, ist noch unklar. Emden hat sein Soll an erneuerbarer Energie längst mehr als erfüllt. Das Land Niedersachsen soll insgesamt auf mindestens 2,2 Prozent des Gesamtgebiets den Ausbau bis Ende 2026 vorantreiben. Die Stadt Emden hat in ihrem Flächennutzungsplan derzeit 5,7 Prozent der Fläche des Stadtgebietes für die Windenergienutzung ausgewiesen. Das entspricht 640 Hektar, also umgerechnet fast 900 Fußballfeldern.

Was ist mit der geplanten Lithium-Raffinerie?

Außer dem Windpark gibt es bislang nur landwirtschaftlich genutzte Flächen sowie N-Ports-eigene Spülfelder im Wybelsumer Polder, erklärt N-Ports-Sprecherin Dörte Schmitz auf Nachfrage. Das kann sich aber bald ändern. Für eine etwa 60 Hektar große Fläche des Polders, die an die Wolfsburger Straße angrenzt, gibt es schon einen Bebauungsplan. Auf einem Teil der Fläche möchte das Unternehmen Livista Energy Europe ihre Lithium-Raffinerie bauen. Langfristig soll am Standort eine Milliarde Euro investiert werden. Mehrere hundert Arbeitsplätze sollen dort entstehen.

So stellt sich das Unternehmen Livista Energy Europe ihre Lithium-Raffinerie in Emden vor. Windkraftanlagen sind darauf nicht zusehen, die an der Stelle eigentlich stehen. Visualisierung: Livista
So stellt sich das Unternehmen Livista Energy Europe ihre Lithium-Raffinerie in Emden vor. Windkraftanlagen sind darauf nicht zusehen, die an der Stelle eigentlich stehen. Visualisierung: Livista

„Die benötigte Flächengröße wird noch ermittelt“, so Dörte Schmitz. Man befinde sich aktuell noch in Verhandlungen und könne daher keine Details nennen. Im Gespräch waren zuletzt rund 32 Hektar. Vor kurzem wurde zunächst eine Absichtserklärung von Livista und N-Ports unterschrieben. Mitte Juli könnte der finale Vertrag folgen, hieß es zuletzt. 2026 könnte die Raffinerie in Betrieb genommen werden, so die Hoffnung von Livista. Klar ist: In dem Bereich stehen schon Windkraftanlagen, auf einer Visualisierung der Raffinerie aber sind keine zu sehen. Was ist mit den Windkraftanlagen also? „Hierzu befinden wir uns derzeit in Gesprächen mit den Betreibern“, teilt Dörte Schmitz von N-Ports mit. Im März hieß es noch, dass für die Entwicklung des Areals im Wybelsumer und Larrelter Polder laut N-Ports einige Windkraftanlagen weichen müssen.

Was ist mit dem Photovoltaik-Park?

Im Februar wurden die Pläne vorgestellt, auf gut 90 Hektar des Wybelsumer Polders eine Photovoltaik-Freiflächenanlage zu errichten. 170.000 PV-Module sollen aufgebaut werden, erklärte Jens Rötteken von der Betreibergesellschaft Energiepark Emden. Der durch diese Anlagen erzeugte Strom könnte rein rechnerisch 27.300 Haushalte, also praktisch alle in Emden, versorgen. Die Fläche ist ganz westlich im Polder angedacht, also weit entfernt von der geplanten Lithium-Raffinerie. Ins Gehege kommen beide sich also nicht.

So ähnlich könnte es auch im westlichen Bereich des Wybelsumer Polders ab 2025 aussehen. Unter den bereits vorhandenen Windkraftanlagen sollen 170.000 Photovoltaik-Module aufgereiht werden. Foto: Daniel Reinhardt/dpa
So ähnlich könnte es auch im westlichen Bereich des Wybelsumer Polders ab 2025 aussehen. Unter den bereits vorhandenen Windkraftanlagen sollen 170.000 Photovoltaik-Module aufgereiht werden. Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Im Februar gab die Emder Politik dem Vorhaben ein erstes „Go“. Danach konnte es ins Bebauungsplan-Verfahren gehen. Er rechne mit etwa eineinhalb Jahren bis zur Baugenehmigung und auch der Erstellung aller nötigen Gutachten, so Rötteken. Wenn die Module dann zeitnah geliefert und installiert werden können, könnte 2025 der PV-Park in Betrieb genommen werden. Im Februar ging man davon aus, dass der Park die Gesellschaft rund 67 Millionen Euro kosten wird. Die Windkraftanlagen sollen auf dem Gelände stehen bleiben und auch repowert werden können, hieß es. Denkbar wäre auch, dass Schafe unter den PV-Modulen grasen oder die Grünfläche anderweitig extensiv genutzt werden könnte.

Eugen Firus (von links), Claas Mauritz Brons, Tim Kruithoff und Jens Rötteken stellten im Februar die Pläne zum Photovoltaik-Park im Wybelsumer Polder vor. Foto: Hanssen/Archiv
Eugen Firus (von links), Claas Mauritz Brons, Tim Kruithoff und Jens Rötteken stellten im Februar die Pläne zum Photovoltaik-Park im Wybelsumer Polder vor. Foto: Hanssen/Archiv

Durch den Strom aus der Photovoltaik-Fläche will die Energiepark-Gesellschaft eine Wasserstoff-Produktions-Anlage betreiben. Die Anlage könnte auf dem Gelände des Emder Biomasse-Kraftwerks im Hafen errichtet werden. Der PV-Park ist nämlich Teil des Gesamtkonzepts für die grüne Wasserstoff-Versorgungs-Infrastruktur in Emden und umzu, die parallel geschaffen wird.

Was ist mit anderen Industrieflächen?

Von den etwa 380 Hektar vom Rysumer Nacken, die N-Ports gehören, sind derzeit etwa drei Hektar vertraglich vergeben, schreibt Dörte Schmitz. Bislang hatte nur das Gas-Unternehmen Gassco aus Norwegen dort Fuß gefasst. Auf dem Wunschzettel der Stadtverwaltung steht eine Batteriezellenfabrik daneben. Zuerst muss aber die Infrastruktur geschaffen werden.

Diese Fläche beim Rysumer Nacken könnte noch industriell genutzt werden - beispielsweise für eine Batteriezellenfabrik. Das Grundstück befindet sich neben der Gassco-Niederlassung. Foto: N-Ports
Diese Fläche beim Rysumer Nacken könnte noch industriell genutzt werden - beispielsweise für eine Batteriezellenfabrik. Das Grundstück befindet sich neben der Gassco-Niederlassung. Foto: N-Ports

Ansonsten stünden im Bereich des Emder Hafens noch kleinere Flächen für Neuansiedlungen zur Verfügung, die sich zum Teil derzeit ebenfalls schon in der Ausschreibung befinden, so die N-Ports-Sprecherin. Kleinere freie Flächen im Binnenhafen gibt es noch im Bereich Nesserland (zwei Hektar), im Ölhafen (gut fünf Hektar) und im westlichen Bereich des Südkais (3,8 Hektar).

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