Wittmund Swatting: Wie kriminelle Hacker mit Fake-Notrufen Einsatzkräfte reinlegen
Wenn Einsatzkräfte wegen eines Fehlalarms ausrücken müssen, ist das ärgerlich genug. Doch nun haben Kriminelle über vorgetäuschte Notrufe gezielt ehrenamtliche Einsatzkräfte in Ostfriesland angegriffen. Ein Einzelfall?
Internet-Kriminelle haben kürzlich Feuerwehrleute und Sanitäter im ostfriesischen Wittmund um den Schlaf gebracht. „Ein skurriler Einsatz ereignete sich am Montag gegen 3 Uhr“, berichtete der Pressesprecher der Wittmunder Feuerwehr am Dienstag, 27. Juni: „Gegen 3 Uhr wurde die Ortsfeuerwehr Leerhafe-Hovel in die Brinkerstraße alarmiert.“
Über die Nora-Notruf-App sei ein Notruf abgesetzt worden. „An der Einsatzadresse konnte jedoch der vermeintliche Notrufabsetzer nicht angetroffen werden, da er dort nicht wohnhaft ist“, so die Feuerwehr. „Im weiteren Verlauf konnte festgestellt werden, dass der Notruf aufgrund eines Hackerangriffes stattgefunden hat.“ Gegen vier Uhr sei der Einsatz für die Kräfte von Feuerwehr und Rettungsdienst beendet worden.
Der Notruf über „Nora“ ist über die Kooperative Regionalleitstelle Ostfriesland (KRLO) eingegangen, wie die Kreisverwaltung Wittmund auf Anfrage der Redaktion mitgeteilt hat. Wie der gefälschte Notruf konkret beschaffen war, darüber wollte die Verwaltung nicht informieren: „Dieser Fall wurde sowohl dem Land Niedersachsen gemeldet als auch zur Strafanzeige gebracht. Somit ist dies ein laufendes Verfahren.“ Und in laufenden Verfahren brauchen die Verwaltungen keine Presseauskünfte zu erteilen. Aber soviel noch: „Die KRLO wurde bis dato kein Opfer von Hackerangriffen.“
Nachfrage beim niedersächsischen Innenministerium: War der Hack bezüglich des ostfriesischen Notrufs ein Einzelfall oder gibt es weitere Fälle? Aus der Antwort ergibt sich ein veränderter, aber trotzdem krimineller Sachverhalt: „Entgegen der ersten Meldung der Feuerwehr Wittmund gab es keinen Hackerangriff durch einen Eingriff in das Datenverarbeitungs-System der App. Es handelte sich bei den aufgetretenen Fällen um das sogenannte Swatting oder Phishing.“ Hierbei würden Nutzerdaten abgefangen und ohne Wissen des Opfers verwendet, um ihm zu schaden.
Das Bundeskriminalamt erklärt auf seiner Internetseite, was Phishing ist und welche Ziele Kriminelle damit verfolgen: „Gestohlene digitale Identitäten wie Passwörter, E-Mail-Adressen oder Bankdaten sind häufig Ausgangspunkt weiterer Straftaten. Um an diese digitalen Identitäten zu gelangen, setzen Cyberkriminelle oft auf Spam- und Phishing-Mails“, die Schadprogramme im Anhang haben.
„Die versendeten E-Mails sollen dabei die Opfer zum Herunterladen oder anklicken der Schadsoftware verleiten“, erläutert das BKA. Cyberkriminelle nutzen demnach aktuelle Themen, um die Zielpersonen neugierig zu machen. Oder die Täter geben sich als Behörde oder gar einen bekannten Mail-Kontakt aus, so das BKA.
Als Swatting werden Straftaten bezeichnet, bei denen ein Notfall per Notruf vorgetäuscht wird – um im Extremfall eine polizeiliche Spezialeinheit zum Opfer der Attacke zu schicken. Im Wittmunder Fall waren es Feuerwehr und Rettungsdienst. Und das in einer Zeit, in der die Rettungsdienste in Ostfriesland ohnehin personelle Kapazitätsprobleme haben. „Über die Hintergründe des Notruf-Missbrauchs liegen keine Erkenntnisse vor“, schreibt das Innenministerium.
„Derzeit liegen keine weiteren Meldungen zu vermeintlichen Missbräuchen des Notrufs über Nora vor“, so das Innenministerium. Es betont: Grundsätzlich werde jeder Notruf „mit der gleichen Ernsthaftigkeit behandelt“. Alle Notrufe werden demnach „ordnungsgemäß disponiert“ und es werden „entsprechende Einsatzmittel alarmiert“ – und im Fall eines falschen Alarms Rettungskräfte gebunden.
„Ein Missbrauch des Notrufs wird in der Regel zur Anzeige gebracht und den zuständigen Strafermittlungsbehörden übergeben“, erklärt das Innenministerium. „Die Ermittlungsbehörden arbeiten weiter darauf hin, Täter zu identifizieren und zur Rechenschaft zu ziehen, die vorsätzlich die für die Bevölkerung wichtige und für Menschen mit Hör- und Spracheinschränkungen notwendige Notruf-App ausnutzen und missbrauchen.“
„Nora“ ist eine App, über die Notrufe abgesetzt werden können, ohne dass man sprechen muss. „Das ermöglicht Menschen mit eingeschränkten Sprach- und Hörfähigkeiten den direkten Kontakt zu den Leitstellen von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst“, heißt es auf der Internetseite der „offiziellen Notruf-App der Bundesländer“ .
Weiter heißt es auf der Info-Seite: „Nora nutzt die Standort-Funktion Ihres Mobil-Geräts, um Ihren genauen Standort an die zuständige Einsatzleitstelle zu übermitteln. So können Einsatzkräfte Sie besser finden, auch wenn Sie selber nicht genau wissen, wo Sie sind.“
Dieser Artikel erschien zuerst in der Ostfriesen-Zeitung in Leer.