Verschenkte Chance  Bohlenweg am Ewigen Meer – Ruine statt Klimahoffnung

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 04.07.2023 18:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
24 Jahre alte und nie ersetzte Schautafeln, Brombeeren und ein größtenteils gesperrter und verfallener Bohlenweg empfangen die Besucher an Deutschlands größtem Hochmoorsee bei Aurich. Foto: Böning
24 Jahre alte und nie ersetzte Schautafeln, Brombeeren und ein größtenteils gesperrter und verfallener Bohlenweg empfangen die Besucher an Deutschlands größtem Hochmoorsee bei Aurich. Foto: Böning
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Moore gelten als Hoffnungsträger im Klimaschutz. Ist der verrottete Moorerlebnispfad am Ewigen Meer bei Aurich ein Symbol dafür, dass die Politik vergisst, die Bevölkerung auf diesem Weg mitzunehmen?

Aurich - Nur ein paar hundert Meter sind geblieben vom einstigen Vorzeigeprojekt am Ewigen Meer nahe Aurich – dem immerhin größten Hochmoorsee Deutschlands. Der größte Teil des ehemals 1,9 Kilometer langen Bohlenweges aus den 80er Jahren im Norden des Sees ist seit Jahren mit Balken abgesperrt. Dahinter überwuchern Bäume die verrottenden Holzplanken. Das Ewige Meer ist die Kernzone des 33 Quadratkilometer großen Moorkomplexes „Großes Moor“.

Was und warum

Darum geht es: Wie will die Politik die Bevölkerung auf den Weg zu mehr Klimaschutz durch Moorentwicklung mitnehmen? Ein Symbol für eine verschenkte Chance ist der Bohlenweg am Ewigen Meer.

Vor allem interessant für: Naturfreunde, Verantwortliche und Klimaschützer

Deshalb berichten wir: Eine Exkursion der Reihe „Prima Klima“ der Ländlichen Erwachsenenbildung (LEB) führte ans Ewige Meer.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de

Um den 1999 hier aufgebauten Moorlehrpfad steht es nicht besser als um den Weg. Die am verbliebenen intakten Rest des Bohlenweges stehenden Schilder zeigen deutlich, in was für eine Mottenkiste die Bundesregierung bei der Suche nach Lösungen für den Klimawandel gegriffen hat, als sie auf Moore als CO2-Senken stieß. Sinnbildlich.

Die Schilder des Lehrpfades wurden nie erneuert

Die Kunststoffoberfläche ist von der Witterung ausgebleicht, blättert ab, Besucher haben ihren Namen eingeritzt. Davor steht Hermann Ihnen, der früher für die Untere Naturschutzbehörde des Landkreises Aurich gearbeitet hat. Jetzt ist er in Rente und schon lange für den Naturschutzbund Deutschland (Nabu) in Aurich aktiv. Er hat in dieser Funktion auch die Entwicklung der an das Ewige Meer angrenzenden mehr als 50 Hektar großen Wiedervernässungsflächen in Tannenhausen begleitet, die 2018 bis 2020 umgesetzt wurde.

Hermann Ihnen vom Nabu kennt sich am Ewigen Meer aus. Er hat die Vernässung der angrenzenden Moorflächen in Tannenhausen betreut. Im Hintergrund Jan Fuchs von der Nabu-Geschäftsstelle Ostfriesland. Foto: Böning
Hermann Ihnen vom Nabu kennt sich am Ewigen Meer aus. Er hat die Vernässung der angrenzenden Moorflächen in Tannenhausen betreut. Im Hintergrund Jan Fuchs von der Nabu-Geschäftsstelle Ostfriesland. Foto: Böning

An diesem Tag soll er den Teilnehmern des Workshops „Klimaschutz und Klimaanpassung im Moor“ den Wert der Moore für den Kampf gegen den Klimawandel nahebringen. Das ist ein Angebot der Reihe „Prima Klima“ der Ländlichen Erwachsenenbildung (LEB). Darin eingeschlossen ist der Ausflug ans Ewige Meer und am Ende auch nach Tannenhausen.

Besucherbereich hat sein Gesicht verloren

„Ich hätte gerne etwas gezeigt, was einen besseren Eindruck von einem Hochmoor vermittelt“, sagt Ihnen und streicht sich über das Kinn, während er auf die Flächen entlang des Weges blickt. Hinter der Absperrung war es früher leichter, ein Gefühl dafür zu bekommen, was ein Hochmoor ausmacht, erzählt er. Das war, bevor der Weg wegen Baufälligkeit im Jahr 2018 nach einem Unfall gesperrt wurde. Erst 2020 wurde der jetzt zugängliche Abschnitt wieder freigegeben und ist bei Touristen und Ausflüglern beliebt – trotz seiner Kürze und fehlenden pädagogischen Inhalten.

Hermann Ihnen vom Nabu kennt sich am Ewigen Meer aus. Er hat die Vernässung der angrenzenden Moorflächen in Tannenhausen betreut. Im Hintergrund Jan Fuchs von der Nabu-Geschäftsstelle Ostfriesland. Foto: Böning
Hermann Ihnen vom Nabu kennt sich am Ewigen Meer aus. Er hat die Vernässung der angrenzenden Moorflächen in Tannenhausen betreut. Im Hintergrund Jan Fuchs von der Nabu-Geschäftsstelle Ostfriesland. Foto: Böning

Hier bietet sich allerdings kaum noch der Anblick, der einem „Hochmoorerlebnis“ gerecht wird. Neben dem Schild am Ende des Pfades wachsen Brombeersträucher. Die Tümpel, die früher den Charme des Areals ausmachten, sind größtenteils ausgetrocknet und eingefallen. Statt Torfmoosen wachsen hier Binsen. Immer mehr Bäume erobern das für ein Hochmoor zu trockene Areal. Ist also das Moor als Hoffnung für den Klimaschutz in Deutschland bereits selbst ein Opfer des Klimawandels geworden?

Moore als Hoffnung für den Klimaschutz

Moorflächen spielen beim Klimaschutz eine Schlüsselrolle. Im Moor sind große Mengen Kohlendioxid gespeichert, allerdings nur im nassen Moor. 92 Prozent der Moore in Deutschland sind jedoch entwässert. Dadurch wird der gespeicherte Kohlenstoff wieder freigesetzt. Um diesen Prozess zu stoppen, muss das Moor in seinen Urzustand zurückversetzt werden.

Der größte Teil des Bohlenweges ist seit 2018 gesperrt und verfallen. Er wird weiter freigehalten, damit sich hier Kreuzottern sonnen können. Foto: Böning
Der größte Teil des Bohlenweges ist seit 2018 gesperrt und verfallen. Er wird weiter freigehalten, damit sich hier Kreuzottern sonnen können. Foto: Böning

Wie nach einem rettenden Strohhalm greift Hermann Ihnen nach einer typischen Moorpflanze, wie sie am Ewigen Meer vereinzelt zwischen den trockenen Bereichen mit aufkommenden Birken und Traubenkirschen wachsen. Er knipst ein Stück ab und reicht es der Gruppe. Dabei ist an diesem Tag auch Hanna Wolken, die in Wiesmoor in der Bürgerinitiative aktiv ist, die sich wegen der geplanten Wiedervernässung von 100 Hektar Moorfläche am Ottermeer gegründet hat.

Bürgerinitiative aus Wiesmoor informiert sich

„Wir sind nicht grundsätzlich dagegen, wollen aber dass es transparent abläuft und keine wertvollen Ökosysteme dabei zerstört werden“, hatte sie in der Vorstellungsrunde erklärt. Die Projektidee am Ottermeer war beim Nabu Deutschland für eine Förderung durch dessen Klimafonds angemeldet worden. Am Ottermeer soll es immerhin ein Einsparpotenzial durch wiedervernässte Moorflächen von 350.000 Tonnen Kohlendioxid geben. Der Nabu hatte das Planungsbüro Hofer & Pautz aus Altenberge bei Münster mit den ersten Planungen beauftragt, ohne dass die Menschen in Wiesmoor zuvor darüber informiert worden waren.

Die Wiedervernässungsflächen in Tannenhausen standen wegen der vielen Binsen in der Kritik. Hermann Ihnen (rechts) ist aber zuversichtlich, dass sie hier nicht bestehen können. Foto: Böning
Die Wiedervernässungsflächen in Tannenhausen standen wegen der vielen Binsen in der Kritik. Hermann Ihnen (rechts) ist aber zuversichtlich, dass sie hier nicht bestehen können. Foto: Böning

Einige aus der Bürgerinitiative sind jetzt beim Workshop dabei, um mehr über Moore und die Wiedervernässung ehemaliger Moorflächen zu erfahren. Genau dafür wäre der Bohlenweg wie gemacht, wenn er noch intakt wäre, die Tafeln erneuert und um Informationen zum Klimaschutz ergänzt werden würden, findet auch Ihnen. Darüber schwelt aber seit der Schließung ein Streit – unter anderem um Zuständigkeiten, aber auch darüber, wie der Weg gestaltet werden soll. Die Vorstellungen der Beteiligten klaffen auseinander: Es geht von der Touristenautobahn ins Moor bis zu einem klaren Nein zum Schutz des Moores und seiner Bewohner.

Man muss die Menschen mitnehmen

„Aber wie soll man etwas schützen, das man nicht kennt und liebt?“, fragt Sandra Dunkmann. Die Nationalpark- und Wattführerin hat dieses Motto verinnerlicht. Es ist der Leitsatz, mit dem Menschen wie sie Touristen und Einheimische mit in den Nationalpark Wattenmeer nehmen und erklären, was diesen Lebensraum so schützenswert macht. Zu diesem Motto würde bei Moorschutz und Wiedervernässung auch ein intakter Bohlenweg mit Informationstafeln passen, findet sie.

In Niedersachsen nehmen Hoch- und Niedermoore etwa acht Prozent der Landesfläche ein. Hier liegen 73 Prozent der Hochmoore, wie das am Ewigen Meer, und etwa 18 Prozent der Niedermoore Deutschlands. „Damit trägt Niedersachsen eine bundesweite besondere Verantwortung“, hieß es schon in dem Programm zur Entwicklung und Erhaltung der Moorlandschaften aus dem Jahr 2016. Neu ist das Thema also nicht.

Die Moore sollen Kohlenstoff speichern

Jetzt sollen aus lange vergessenen Moorflächen wieder hochfunktionale Kohlenstoffsenken werden, in denen die Torfmoose zwar langsam, aber stetig Jahr für Jahr Biomasse aufbauen und Kohlenstoff aus der Luft dauerhaft in sauerstoffarme Bodenschichten einlagern. Wie eine wieder vernässte Fläche aussehen kann, sehen die Teilnehmer am Ende des Tages. Dann geht es für die Gruppe nach Tannenhausen.

Seit 2012 wurden die Planungen hier mit der Unterstützung des Deutschen Moorschutzfonds des Nabu-Bundesverbandes vorangetrieben. In einem Gutachten wurde 2014 ermittelt, dass vor der Maßnahme pro Jahr über 700 Tonnen klimaschädlicher Treibhausgase aus den Projektflächen entwichen und dazu beitrugen, das Klima weiter aufzuheizen. „Jetzt sind wir hier so weit, dass diese Ausgasung auf den Flächen langsam zum Stillstand kommt“, sagt Ihnen. In ein paar Jahren sollen die Flächen die nächste Stufe erreichen und selbst Kohlendioxid einlagern.

Man hat nur eine Chance

Und wie groß ist jetzt die Gefahr für das Ewige Meer und die an den Bohlenweg angrenzenden Flächen durch den Klimawandel? Die Zuständigkeit für den Bewuchs direkt am Weg – inklusive des gesperrten Bereichs – liegt bei der Moorverwaltung Weser-Ems. Die muss die Holzplanken für die Kreuzottern zum Sonnen freihalten. Dessen Leiter Michael Diekamp bestätigt, dass die Pflege des Gebietes durch die geänderten klimatischen Bedingungen schwerer geworden ist. Ohne einen im Winter gefrorenen Boden könne man die Bäume nur schwer beseitigen.

Dafür sei aber jenseits des Weges die Ökologische Nabu-Station in Südbrookmerland zuständig. Er macht Hoffnung auf eine Zukunft für das Areal – auch im Norden des Sees. Wenn das Wassermanagement angepasst würde, könnten sich auch die Flächen am Bohlenweg wieder besser entwickeln – trotz Klimawandel. Aber dafür sei die Biologische Station in Südbrookmerland zuständig. Was dort geplant sei, könne er nicht beantworten. Aber schnell würde es nicht gehen. „Die Planungen dafür sind langwierig“, erklärte er. „Man hat schließlich nur eine Chance, alles richtig zu machen.“

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