Hemsloh  Mehr Tierwohl, weniger Energiekosten: Wie Bauer Sandering seinen Hof fit macht

Thomas Ludwig
|
Von Thomas Ludwig
| 04.07.2023 16:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Will etwas bewegen: Dirk Sandering, Landwirt aus Hemsloh. Foto: Thomas Ludwig
Will etwas bewegen: Dirk Sandering, Landwirt aus Hemsloh. Foto: Thomas Ludwig
Artikel teilen:

Aus Mist Strom und Wärme erzeugen. Das ist die Vision von Dirk Sandering – Besuch bei einem Landwirt, der mit tierfreundlicher Schweinemast das Energieproblem gleich mitlösen will.

Klar habe er schon schlaflose Nächte gehabt, einige. Das gibt Dirk Sandering unumwunden zu. Es geht schließlich um eine Millionen-Investition und die Zukunft seines Hofes. Doch bange machen lässt sich der 32-jährige Landwirtschaftsmeister aus Hemsloh im Landkreis Diepholz nicht.

Sanderings Projekt ist bis ins Kleinste geplant, nichts hat er dem Zufall überlassen. „Ich kann ganz gut überschlägig rechnen, und dann habe ich aber auch gern alle Zahlen genau im Blick“, sagt der zweifache Familienvater.

Demnächst steht die offizielle Inbetriebnahme seiner Stein gewordenen Vision ins Haus, und eine geladene Gesellschaft aus Politik, Landwirtschaft und lokaler Prominenz. „Der Countdown läuft“.

Getreide, Kartoffelanbau, Schweinemast – Hof Sandering ist das, was man einen Großbauern nennt. Ein Team von 13 Festangestellten, zwei Azubis und – wenn nötig – Aushilfskräften bewirtschaftet rund 750 Hektar Fläche. Kritiker würden wohl despektierlich von industrieller Landwirtschaft sprechen.

Mit der reinen grünen Lehre und „alles Bio“ hat Landwirtschaftsmeister Sandering tatsächlich nicht viel am Hut. Damit ließen sich acht Milliarden Menschen auf der Erde wohl kaum ernähren, gibt er zu bedenken. Dass die Verbraucher aber legitime Ansprüche an nachhaltig produzierte Nahrungsmittel hätten, dass Tierwohl und Klimaschutz heute eine hohe Bedeutung zukomme, ist Sandering nicht erst seit gestern klar.

„Mein Vater hat schon 1992 auf erneuerbare Energie gesetzt und ein Windrad am Hof installiert“, erzählt er. Andere Bauern hätten ihn damals mit den Worten für verrückt erklärt: „Wie kann man nur so einen Propeller in die Landschaft stellen.“

Drei Jahrzehnte später ist man schlauer, und der Sohn, leidenschaftlicher Landwirt in vierter Generation, dreht nun ein noch viel größeres Rad – und versucht damit, gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Die Schweinezucht stellt er auf mehr Tierwohl um. Und energietechnisch macht er den Hof weitgehend unabhängig.

Auf dem Hof Sandering bieten vier neue Ställe künftig Platz für 2400 Schweine auf Stroh, mit Frischluft und Tageslicht. Das entspricht der zweitfreundlichsten Haltungsform 3. „Und unser Futter ist frei von Gentechnik“, bekräftigt Sandering.

Auf den Pultdächern sind 4000 Quadratmeter Photovoltaik installiert. Eine Batterie mit rund 500kW Speicherkapazität rundet die Anlage ab. Damit deckt der Hof rund zwei Drittel seines Strombedarfs selbst.

Jährlich fallen in den neuen Ställen bis zu 1400 Tonnen Mist an. Hinzu kommt die Gülle von rund 2000 Tieren aus der konventionellen Mast. Damit wird die 99kW Biogasanlage in Form befeuert. Die dabei produzierte Wärme wird gespeichert und auf der Hofanlage genutzt.

Ursprünglich sei das Wärmenetzwerk gar nicht vorgesehen gewesen, erzählt Sandering. Doch dann habe der Ukraine-Krieg die Energie-Frage mit aller Macht auf den Tisch gebracht: „Darauf haben wir reagiert“.

Der in der Biogasanlage produzierte Strom wird künftig ins Netz eingespeist; der Produzent erhält eine entsprechende Vergütung. Das bei dem Gärprozess anfallende Substrat wandert schließlich als Dünger auf die Felder. „So schließt sich der Kreislauf“, sagt Sandering.

Damit müsste Bundesagrarminister Cem Özdemir eigentlich seine Freude an Landwirten wie Dirk Sandering haben. Auf dem Bauertag hat der Minister den Landwirten zuletzt Verlässlichkeit und eine begleitende Finanzierung bei der Umstellung zu mehr Klima- und Tierschutz zugesichert. 

Auf Hof Sandering laufen zeitgleich die Bauarbeiten auf Hochtouren. An diesem Tag werden die Außenflächen asphaltiert, es riecht nach Teer. Drinnen, in den neuen Ställen, sind Elektrotechniker am Werk, und Software-Spezialisten blicken in aufgeklappte Laptops. Ohne Hightech läuft in der Agrarwirtschaft nichts mehr.

Weil Bauer Sandering noch Termine mit Handwerkern hat, führt seine Frau Anne den Besucher übers Gelände. „Roboter sorgen künftig für Reinigung und Einstreu in den Ställen“, erzählt sie. Das Stroh gelangt von der Lagerhalle über Förderbänder in die einzelnen Stallungen. „Ansonsten wäre das in dieser Größenordnung alles gar nicht möglich“.

Sichtflächen ermöglichen den Blick in den Stall. In der Zukunft sollen sich dort auch Schulklassen und andere Besucher ein Bild von der landwirtschaftlichen Realität machen können. „Wir wollen transparent sein, den Menschen erklären, warum wir was machen“, sagt Anna Sandering, die sich ums Marketing und Social Media des Hofes kümmert.

Bei Joachim Rukwied dürfte die junge Frau damit offene Türen einrennen. Soeben hat der Verbandspräsident beim Deutschen Bauerntag erst wieder betont, wie wichtig es sei, das Image der Agrarwirtschaft zu korrigieren.

„Die Landwirtinnen und Landwirte der Zukunft zeichnet aus, dass sie die Anliegen der Menschen wahr- und ernst nehmen. Sie bringen mehr Tierwohl in die Ställe, haben den Klimaschutz im Blick und erzeugen natürlich hochwertige Nahrungsmittel“, sagte Rukwied jüngst im Interview mit unserer Redaktion. Es klingt, als habe er dabei Bauern wie Dirk Sandering vor Augen. Bauern mit Mut und unternehmerischer Weitsicht.

Versteht sich der Landwirtschaftsmeister also als Vorbild, seine millionenschwere Großinvestition als Leuchtturmprojekt – zur Nachahmung empfohlen? „Es ist eine Alternative, wir versuchen etwas von dem umzusetzen, was Verbraucher berechtigterweise erwarten“, sagt Sandering. Er weiß aber auch: Viele kleine Familienbetriebe stehen wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand und haben nicht die Kraft, Projekte für mehr Tierwohl und Klimaschutz zu stemmen.

Tatsächlich ist der Strukturwandel in der Agrarwirtschaft enorm. In den vergangenen 15 Jahren haben nahezu zwei Fünftel oder fast 40 Prozent der Höfe in der EU ihre Existenz verloren; betroffen sind mehrheitlich viehhaltende und Gemischtbetriebe. In Deutschland ist vor allem die Zahl der Schweinehalter drastisch gesunken – und mit ihr der Bestand.

„Die Ausstiegswelle in der Schweinehaltung rollt trotz der wiedererlangten Wirtschaftlichkeit unvermindert weiter. Hauptausstiegsursache ist die nach wie vor fehlende Planungssicherheit und Perspektive“, teilte die  Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands jüngst mit. Tatsächlich hat sich die Zahl der Schweinehalter im vergangenen Jahrzehnt knapp halbiert. Zwar sei das Ziel der Bundesregierung weitgehend klar, nämlich der Umbau der Tierhaltung – der Weg dahin jedoch noch lange nicht.

„Wir können als Schweinehalter unsere Betriebe nur dann weiterentwickeln, wenn wir die notwendige Sicherheit dafür bekommen. Das gilt sowohl für Genehmigungsfragen als auch für die Finanzierung des Ganzen“, sagt Heinrich Dierkes, Vorsitzender der Interessengemeinschaft.

Was Genehmigungsfragen für den Ausbau seines Hofes angeht, so hat Bauer Sandering gute Erfahrungen gemacht. „Die Behörden waren von Anfang an aufgeschlossen für meine Idee“.

Dennoch sind von der Vision bis zur bald bevorstehenden Einweihung rund dreieinhalb Jahre ins Land gegangen. Jahre, in denen Sandering Gutachten und Genehmigungen einholen, Gelder und Gewerke organisieren und weitreichende Entscheidungen treffen musste. Jahre, in denen es galt, schlaflosen Nächten Geduld und starke Nerven entgegen zu setzen.

Von der NBank des Landes Niedersachsen und der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe hat Sandering Investitionszuschüsse bekommen, unter anderem für den Batteriespeicher. Was den eigentlichen Ausbau der Ställe betreffe, so habe er auf finanzielle staatliche Förderung verzichtet, erzählt er: „Zu viele Auflagen, viel zu kompliziert, und mit Zeitplänen schwer zu vereinbaren – Deutschland halt“. Trotzdem machen, ist Sanderings Motto, immer nur schimpfen bringe doch nichts.

Nun hofft der junge Bauer, der auch für ein Umdenken in der Agrarbranche steht, dass sein Konzept aufgeht und langfristig Bestand haben wird. Voraussetzung dafür sei auch die Bereitschaft der Verbraucher, für Fleisch aus verbesserter Haltung etwas tiefer ins Portemonnaie zu greifen.

Dass er seine Vision einer innovativen Landwirtschaft überhaupt umsetzen konnte, verdankt Dirk Sandering auch einem glücklichen Umstand. „Wir haben von den niedrigen Zinsen profitiert. Bei den gestiegenen Zinsen von heute hätte ich das Projekt nicht mehr durchziehen können“ – und schlaflose Nächte hätte er dann vielleicht aus anderen Gründen.

Ähnliche Artikel