Volkswagen in Nöten Leiharbeiter bei VW Emden sitzen auf heißen Kohlen
Offenbar haben im VW-Werk Emden Entlassungsgespräche begonnen. Die Sorgen wachsen. In bestimmten Szenarien könnten Tausende Jobs in Ostfriesland auf dem Spiel stehen.
Emden - Die Zeit der Unruhe im Emder Volkswagenwerk reißt nicht ab. Hunderte Leiharbeiter sitzen auf heißen Kohlen. Einer von ihnen – er möchte anonym bleiben – berichtet, dass am Mittwoch Einzelgespräche gestartet worden seien – „nach dem Motto ‚last in, first out‘“. Damit ist gemeint, dass die zuletzt angestellten Mitarbeiter als erstes gehen müssen.
Emder VW-Leiharbeiter berichtet vom Warten auf die Entlassung
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Er sei noch nicht an der Reihe gewesen, so der Leiharbeiter am Donnerstag im Gespräch mit unserer Redaktion. Nach seinem Wissen sollen „Stand jetzt 308 Ende August gehen“ und der Rest – also etwa 1000 Leute – bis Ende Dezember. Das sei sicher. Unterschrieben hatte er den Leiharbeitsvertrag für ein Jahr. Im Dezember wäre für ihn demnach also ohnehin Schluss.
Nur noch halb so viele Mitarbeiter im E-Auto-Bereich
„In dieser Woche fahren wir in der Früh- und in der Spätschicht mit halber Geschwindigkeit, um so schon mit Umschichtungen und Qualifizierungen zu beginnen“, erläuterte der Emder Betriebsratschef Manfred Wulff die aktuelle Situation im Werk. Ab nächster Woche entfalle dann wegen der weggebrochenen Auftragseingänge für den ID.4 die Spätschicht. Eine zunächst geplante dritte Schicht, also eine Nachtschicht, stünde nicht mehr zur Diskussion.
Mit anderen Worten: Ab Montag arbeiten nur noch halb so viele Beschäftigte an den Elektro-Fahrzeugen ID.4 und ID.7 wie zuvor. Dazu Wulff: „Durch das Abmelden der Leiharbeiter ab August werden die Lücken geschlossen in der Verbrennerwelt – mit dem Personal aus der Streichung der Spätschicht.“ Laut Wulff wurden bis vor Kurzem täglich 500 E-Fahrzeuge in Emden produziert. „Die angepasste Fahrweise gilt vorerst bis zum Jahresende“, teilte eine Sprecherin des Werks unserer Zeitung mit. Laut der Sprecherin sind mehr als 8000 Menschen bei VW in Emden beschäftigt – der Großteil davon in der Produktion von Elektrofahrzeugen.
Mehr Umweltbonus, weniger Umsatzsteuer?
Derweil ist eine Debatte um neue Kaufanreize für den schwächelnden Markt für E-Autos aufgekommen. Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) hatte bereits Anfang der Woche angeregt, über veränderte staatliche Förderungen nachzudenken.
Das stößt nicht überall auf offene Ohren. „Meine Einschätzung ist, dass eine pauschale Senkung der Mehrwertsteuer oder ein Umweltbonus auf alle E-Autos nicht die Lösung sein kann“, so die Landtagsabgeordnete Meta Janssen-Kucz (Grüne, Borkum). „Aus ökologischer Sicht wäre es sinnvoller, eine zielgenauere Förderung für elektrische Kleinwagen zu haben.“ Hier stoße VW aber an seine Grenzen, weil der Konzern diesen Markt bislang zu sehr vernachlässigt habe. „Das ist aus meiner Sicht das tieferliegende Problem in der aktuellen Absatzdelle“, so Janssen-Kucz.
Preise an Einkommen anpasen?
„Die Mehrwertsteuer zu senken, ist aus meiner Sicht nicht richtig“, sagt Franziska Junker (Leer), Landesvorsitzende der Linken. „Damit sich möglichst viele Menschen ein E-Auto leisten können, wäre eine einkommensabhängige Förderung sinnvoll.“ Einen höheren Umweltbonus für E-Autos hält sie aber für richtig – nur müsse auch der vom Einkommen abhängig sein.
Wiard Siebels (Aurich), Landtagsabgeordneter der SPD, ist wie Parteikollege Lies erwartbar ebenfalls für Kaufanreize. „Ich bin dafür, das zu machen, aber wir müssen jetzt schnell machen“, forderte Siebels im Gespräch. Sonst seien die Verbraucher verunsichert und würden weiter mit einer Kaufentscheidung warten. Hartmut Neumann, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Ostfriesland, befürwortet ebenfalls Kaufanreize, „um das E-Auto als Alternative zum Verbrenner zu stärken“. Auf eine Höhe will sich die IHK nicht festlegen.
CDU befürchtet das Schlimmste
Der CDU-Landtagsabgeordnete Ulf Thiele (Stallbrüggerfeld) betrachtet Umweltbonus und gesenkte Mehrwertsteuer hingegen als dauerhafte Subventionen, die er ablehnt. Für ihn ist die derzeitige Lage „eine Entwicklung mit Ansage“. Er habe schon vor vier Jahren die Befürchtung geäußert, dass der Umbau des VW-Werks auf E-Mobilität in der Region 4000 bis 5000 Arbeitsplätze kosten könne. Diese Entwicklung habe nun begonnen.