Sprengsatz gezündet Wieso explodierte in Wittmund mitten in der Nacht ein BMW?
Im Mai zerreißt eine Explosion in Wittmund die nächtliche Stille: Eine Bombe hat einen BMW zerfetzt. Die Ermittlungen leiten zwar Clan-Experten – aber die Hintergründe könnten andere sein.
Wittmund - Es ist fast Mitternacht, als am Sonntag, 14. Mai, in einem Wittmunder Wohngebiet ein Auto explodiert. Ein vom Täter oder einem Helfer selbst gebauter Sprengsatz zerfetzt den BMW und lässt Fensterscheiben in der Nähe bersten. In der Ledastraße, inmitten von gepflegten Vorgärten und rot geklinkerten Einfamilienhäusern, zerreißt ein ohrenbetäubender Knall die nächtliche Ruhe. Und nicht nur dort: Im rund zwei Kilometer entfernten Polizeikommissariat hören auch die Beamten der Nachtschicht die Explosion. Sie wissen sofort, dass etwas passiert sein muss, und machen sich mit einem Streifenwagen auf den Weg. Es dauert nicht lange, bis der Notruf eines Anwohners die Adresse liefert, an der in dieser Nacht ein Einsatz stattfinden wird, der alles andere als gewöhnlich ist für die ostfriesische Kleinstadt.
Die Beamten finden auf der grau gepflasterten Auffahrt nicht nur die zerstörte Limousine, sondern treffen auch auf eine Vielzahl von Menschen – ganz offenbar im Streit. Die Leute schreien sich an, beschimpfen sich. Fäuste fliegen nach unseren Informationen allerdings nicht. Die gerade von der Wache gekommenen Beamten und weitere hinzugerufene Polizisten schreiten schnell genug ein, um eine Prügelei zu verhindern. Eine erste Untersuchung des kaputten Autos ergibt: Hier hat es keinen Unfall gegeben, hier muss eine Bombe hochgegangen sein. Die Polizei ruft Spezialisten des Landeskriminalamts aus Hannover hinzu. Die intensive Spurensicherung am Fahrzeug ist nur mit deren Hilfe möglich – aus Sicherheitsgründen. Niemand weiß, wie gefährlich der BMW noch ist.
Polizei findet weiteren Sprengsatz
Wie sich herausstellt, ist die Vorsicht berechtigt: Die Polizei findet einen weiteren Sprengsatz, der nicht explodiert ist. Er wird in der Nähe des Tatorts kontrolliert gesprengt. Wenige Tage später gibt die Polizei erste Ermittlungserfolge bekannt: Es seien zwei Gebäude im Wittmunder Stadtgebiet nach Beweismitteln durchsucht und zwei Männer aus dem Landkreis Wittmund wegen des Verdachts des Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion festgenommen worden. Das Strafgesetzbuch sieht für eine solche Tat mindestens ein Jahr, in minder schweren Fällen wenigstens sechs Monate Haft vor. Die Männer werden allerdings wieder freigelassen, weil keine Haftgründe – etwa Flucht-, Verdunkelungs- oder Wiederholungsgefahr – vorliegen. Die Ermittlungen werden aber fortgeführt.Sprengstoff zerfetzt Limousine in Wittmund
Polizei hat zahlreiche Spuren sichergestellt
Durchsuchungen und Festnahmen in Wittmund
Staatsanwaltschaft erhebt Anklage nach Wittmunder Autoexplosion
Grundsätzlich zuständig für Strafverfahren im Landkreis Wittmund – wie in ganz Ostfriesland – ist die Staatsanwaltschaft Aurich, doch im Fall der Auto-Explosion leitet die Staatsanwaltschaft Osnabrück das Ermittlungsverfahren. Die Behörde hat eine Sonderzuständigkeit für den Bereich der Clan-Kriminalität – was ein Indiz dafür ist, dass der Wittmunder Fall im Bereich der organisierten Kriminalität angesiedelt sein könnte.
Erste Prognose: Clan-Kriminalität
Ein Pressesprecher der Staatsanwaltschaft hält sich bedeckt und will auf unsere Nachfrage weder bestätigen noch dementieren, dass die Bombe am BMW der Angriff eines Clans auf einen anderen gewesen sein könnte. „Ich kann in der Sache noch nicht mehr mitteilen, die Ermittlungen dauern an“, schreibt der Osnabrücker Staatsanwalt uns in einer E-Mail. Ein Informant sagt uns, dass die Osnabrücker Staatsanwaltschaft in der Regel dann eingeschaltet werde, wenn es ganz zu Beginn der Ermittlungen, also unmittelbar nach der Tat, eine Prognose in Richtung Clan-Kriminalität gebe. Selbst wenn sich dieser Verdacht nicht erhärte, werde das Verfahren üblicherweise weiterhin in Osnabrück bearbeitet, schließlich hätten sich die dortigen Beamten dann ohnehin schon mit dem Fall befasst.
Bedeutet für den Wittmunder Fall: Zumindest Mitte Mai haben die Ermittler einen möglichen Zusammenhang zum Clan-Milieu gesehen. Dass die Sache noch immer in Osnabrück liegt, heißt aber nicht zwangsläufig, dass die Ermittlungen das bestätigt haben.
Eine missglückte Denkzettel-Aktion?
Was also sind die Hintergründe der Bombe, die einen BMW mitten in einem ostfriesischen Wohngebiet zerfetzt hat? Unseren Informationen zufolge sind zwar einige Mitglieder der mutmaßlich beteiligten Familien in unseriöse Aktivitäten verwickelt – aber längst nicht der Großteil dieser Menschen. Quellen sagen uns, dass einige der Familienmitglieder in Sportvereinen und bei mindestens einer ehrenamtlichen Organisation aktiv seien. Seit den 80er Jahren lebt die Familie, auf deren Auffahrt das Auto explodiert ist, in Deutschland. Vor wenigen Jahren bezog sie das Grundstück, das Mitte Mai zum Tatort wurde. Bekannt sind einige der Familienmitglieder aus dem Gastronomie-Bereich, führten oder führen selbst beispielsweise Imbissbetriebe. Ein Nachbar bezeichnet die Leute als unscheinbar, „aber sie grüßen immer“. Ein anderer Wittmunder sagt: „Man kann den Menschen eben nur vor den Kopf gucken.“
Unseren Informationen zufolge gehen die Ermittler aktuell davon aus, dass die Explosion des BMW nicht das Ergebnis einer Fehde verfeindeter Clans ist, sondern vielmehr die Folge eines Streits über Geschäftliches. Ein – bereits vorbestrafter – Verdächtiger sei mit der Familie, der das gesprengte Auto gehört, sogar verwandt, heißt es. Die aktuelle Arbeitshypothese: Eine Denkzettel-Aktion, die eigentlich hätte deutlich kleiner ausfallen sollen, könnte aus dem Ruder gelaufen sein. Dass die Explosion auch zwei Kilometer weit noch zu hören sein würde, dürfte vom Täter oder von den Tätern nicht beabsichtigt gewesen sein. Von einer Autobombe im engeren Sinne ist ohnehin nicht zu sprechen – denn deren Ziel ist in der Regel die Ermordung des oder der Insassen. Der in Wittmund gesprengte BMW war leer, aber seine Denkzettel-Wirkung dürfte er erreicht haben.