Osnabrück  Extremsportler Jonas Deichmann: „Ob man durchhält, entscheidet der Kopf“

Mona Alker
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Von Mona Alker
| 28.06.2023 12:18 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Auch bei Eis und Schneesturm unterwegs: Jonas Deichmann. Foto: privat
Auch bei Eis und Schneesturm unterwegs: Jonas Deichmann. Foto: privat
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Jonas Deichmann hat mit 120 Triathlons die Erde umrundet. Am heutigen Mittwoch bricht er zu seinem nächsten Abenteuer auf. Im Interview spricht der 36-Jährige über Einsamkeit, Motivation und sein großes Ziel.

Frage: Herr Deichmann, beim Laufen und Radfahren singen Sie gerne. Wie haben Sie da denn noch Luft für - und was singen Sie so? 

Antwort: Ich bin ja von der Puste her nie am Anschlag, weil ich mich in einem lockeren Ausdauerbereich bewege. Daher habe ich noch Luft zum Reden. Gerade beim Laufen, wenn ich durch die Wüste von Mexiko renne, singe ich am liebsten den Soundtrack von Forrest Gump. Das ist super.

Frage: In Mexiko sind Sie ja auch als „der deutsche Forrest Gump“ gefeiert worden. Wie war das im Kontrast zur Einöde in Sibirien?

Antwort: Tatsächlich habe ich mich in Mexiko einsamer gefühlt als in Russland. In Mexiko war ich irgendwann in jeder Tageszeitung. Polizeieskorten haben mich begleitet, in jeder Stadt gab es einen großen Empfang und Geschenke. Natürlich war das auch schön, aber alle kannten mich - und ich kannte niemanden. Für mich war es komplette Anonymität, auf die ich geprallt bin, und der stand ich allein gegenüber. In Sibirien, in der Wildnis, war das anders. Da war ich ganz bei mir. Ich hatte meine Aufgabe, mir fehlte niemand. Es war wunderschön, dort etwa auf dem zugefrorenen Baikalsee zu zelten. 

Frage: Wie sind Sie überhaupt auf die verrückte Idee gekommen, die Welt in 120 Ironmans zu umrunden?

Antwort: Ich war gerade in der Sahara unterwegs und habe überlegt, was ich als nächstes machen könnte. Ich wollte etwas Neues, nicht nur Radfahren - da kam die Idee mit dem Triathlon. Einen Triathlon um die Welt hatte noch keiner gemacht. Ich habe es analysiert, gesehen, dass es machbar ist - da wusste ich, das ist es.

Frage: Sie sagen, Sie denken immer bis zum nächsten Schokoriegel - im Sinne davon, dass Sie ein großes Ziel in kleinen Etappen angehen. Wie halten Sie die Motivation hoch?

Antwort: Es hat wirklich viel mit diesen kleinen Zielen zu tun. Distanzen finden in erster Linie im Kopf statt. Wenn ich denke: ‘Hey, es sind immer noch 100 Marathons’, ist das wahnsinnig demotivierend. Die große Kunst ist es, auf der einen Seite eine Vision zu haben, aber das in kleinen Etappen anzugehen. Sich zu sagen: Heute noch bis zur Mittagspause, und dann noch bis zum Abendessen.

Frage: Wird das niemals langweilig?

Antwort: Nein. Ich erlebe ja jeden Tag etwas Neues, Spannendes. Natürlich gibt es Tage, die sind eintöniger als andere - aber prinzipiell erlebe ich jeden Tag brutal viel. Das ist unglaublich schön.

Frage: Woran denkt man denn so, wenn man gerade Kilometer Nummer 4000 joggt?

Antwort: Das ist unterschiedlich. Manchmal bin ich so im Flow, dass ich überhaupt nicht groß nachdenke. Manchmal ist es härter, dann muss man sich gedanklich ablenken. Denn der Körper entscheidet darüber, wie schnell man ist – aber ob man durchhält, entscheidet der Kopf. Wichtig ist, sich mit etwas Positivem zu beschäftigen. Dem nächsten Projekt, dem Leben allgemein - grundsätzlich denke ich auch sehr viel über Essen nach. 

Frage: Was haben Ihre Familie und Freunde zu Ihrer Idee gesagt, die Welt zu umrunden?

Antwort: In meinem Freundes- und Bekanntenkreis haben alle gesagt: Jonas, mach das. Sagen wir es mal so: Ich umgebe mich nicht mit Zweiflern. Ich brauche Leute, die mich höher heben, die an mich glauben, und dann entsteht eine ganz tolle Energie.

Frage: Gab es irgendetwas, wovor Sie Angst hatten?

Antwort: Den meisten Respekt hatte ich vor Autos und LKWs. Klar gibt es wilde Tiere - an meinem Zelt hatte ich mal Schlangen und einen Löwen - aber statistisch passiert da selten was. Im Straßenverkehr sieht das anders aus.

Frage: Mussten Sie denn irgendwen auf dem Laufenden halten, so nach dem Motto: Ich lebe noch?

Antwort: Mit meinem Vater stand ich in Kontakt. Ich hatte auch einen Satellitentracker, der meine aktuelle Position anzeigt.

Frage: Was ist die wichtigste Erkenntnis, die Sie aus Ihrer Weltreise mitnehmen?

Antwort: Ich bin ja schon seit vielen Jahren unterwegs. Eine Erkenntnis ist: In über 100 Ländern habe ich überall nette, herzliche Leute getroffen. Das ist gerade in der aktuellen Zeit eine wichtige Botschaft. Und was ich noch erkannt habe: Als ich aufgebrochen bin, war ich kein Läufer und kein Schwimmer. Ich hatte gerade mal das Seepferdchen. Aber wenn man etwas wirklich will, kann man das auch erreichen.

Frage: Jetzt steht für Sie das nächste große Abenteuer an...

Antwort: Zu meiner nächsten Challenge „Trans Amercia Twice“ starte ich am 28. Juni in New York. Ich werde 5.500 Kilometer bis nach Los Angeles radeln und direkt am nächsten Tag zu Fuß zurück nach New York starten. Dabei werde ich im Schnitt jeden Tag einen Ultramarathon laufen und Anfang November wieder in New York eintreffen. Wie immer, werde ich auch diesmal ohne Begleitteam unterwegs sein, also mein Gepäck selber transportieren.

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