Frankfurt Nationalspielerin Anyomi über Rassismus: „Habe direkt danach die Kommentarfunktion deaktiviert“
Fußball-Nationalspielerin Nicole Anyomi spricht im Interview über ihre gute Form in der WM-Vorbereitung, Erfahrungen mit rassistischen Kommentaren, die Toleranz der Stadt Frankfurt und die Vorfreude auf zwei Länderspiele gegen afrikanische Teams.
Nicole Anyomi ist eine feste Größe im deutschen Frauen-Nationalteam. Ähnlich wie die U21-Nationalspieler Youssoufa Moukoko und Jessic Ngenkam musste aber auch sie bereits Erfahrungen mit rassistischen Kommentaren machen. Im Interview spricht sie über den Umgang damit, ihre Rolle als Stürmerin und die anstehende WM.
Frage: Nicole Anyomi, Sie waren fast die einzige Spielerin, der Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg nach dem Länderspiel gegen Vietnam (2:1) öffentlich ein Lob ausgesprochen hat. Sind Sie einfach froh, dass Sie auch im Nationalteam wieder als Stürmerin auflaufen?
Antwort: Das liegt mir auf jeden Fall mehr. Ich bin eine Offensivspielerin, kann sicherlich auf mehreren Positionen spielen, vorne links oder rechts, aber auch auf der Zehnerposition, aber ich fühle mich in der Spitze am wohlsten.
Frage: Bei der EM im vergangenen Jahr haben Sie noch den Backup für Giulia Gwinn als Rechtsverteidigerin gegeben. Aber eigentlich waren Sie damit nicht glücklich?
Antwort: Für mich war es damals überraschend, eine ganz neue Position erlernen zu müssen, weil ich bis dahin nie als Außenverteidigerin gespielt hatte. Ich wollte dieses Projekt gerne bei der Nationalmannschaft annehmen, um zu spielen. Man hat mir dann angesehen, dass es nicht meine ideale Rolle ist.
Frage: Was können Sie jetzt bei der WM in Australien und Neuseeland dem Team sportlich und menschlich geben?
Antwort: Ich möchte mich noch mehr öffnen, will gute Laune verbreiten, damit sich alle wohlfühlen. Da geht es auch um den Spaßfaktor. Auf dem Platz will ich meine Stärken ausspielen, mein Tempo, meine Physis und mein Offensivspiel.
Frage: Sie haben zuletzt bei Eintracht Frankfurt enorm starke Leistungen gezeigt, beim 4:0-Kantersieg gegen den VfL Wolfsburg vor den Augen der Bundestrainerin überragend gespielt.
Antwort: Es hat nach einigen Verletzungspausen wirklich lange gedauert, bis ich wieder so gut in Form gekommen bin. Die letzten Wochen in Frankfurt sind für mich überragend gelaufen, das hat richtig Spaß gemacht.
Frage: Frankfurt ist eine multikulturelle Stadt, in der Menschen mit Einwanderungsgeschichte mittlerweile in der Mehrheit sind. Das spiegelt sich aber im Frauenfußball in Deutschland nicht wieder. Wie können mehr Frauen und Mädchen mit Migrationshintergrund gewonnen werden?
Antwort: Gute Frage. Viele verstecken sich noch, viele dürfen vielleicht auch nicht. Mir wurde damals von meiner Mutter auch gesagt, ich solle nicht Fußball spielen. Mein Vater hat sich dann durchgesetzt.
Frage: Warum hatte ihre Mutter denn Vorbehalte?
Antwort: Sie hat gesagt, ich sei ein Mädchen und wollte mich lieber zum Reiten schicken, sage ich mal. Aber ich bin mit zwei Brüdern aufgewachsen und habe viel Fußball gespielt – und das wollte ich weitermachen. Mein Vater hat dann wohl bei mir ein gewisses Talent gesehen und meiner Mutter gesagt: ‚Lass Sie weiterspielen!‘
Frage: Sehen Sie sich als Role Model?
Antwort: Doch, warum nicht? Ich glaube schon, dass mich einige als Vorbild ansehen. Ich möchte denen zeigen, dass es hier auch erfolgreiche Sportlerinnen mit Migrationshintergrund gibt.
Frage: Den deutschen Fußball haben gerade die rassistischen Beleidigungen in den Sozialen Medien gegen Youssoufa Moukoko und Jessic Ngenkam aus der U21-Nationalmannschaft erschüttert. Sie haben etwas Ähnliches nach dem EM-Finale gegen England (1:2 n.V.) vor einem Jahr auch erlebt.
Antwort: Ich habe in dem Finale einfach nach meiner Einwechslung kein gutes Spiel gemacht. Das hatte verschiedene Gründe, meine Handverletzung spielte eine Rolle, aber es lief einfach nicht. Nach dem Spiel habe ich keine schönen Kommentare bekommen, wo ich mir natürlich Gedanken gemacht habe. Gottseidank haben mich Mitspielerinnen unterstützt. Was bei Youssoufa Moukoko und Jessic Ngenkam passiert ist, war natürlich erschreckend. Da stimme ich beiden zu: Wenn es läuft, sind wir Deutsche, wenn es nicht läuft, gilt das nicht. Das ist sehr schade in der heutigen Zeit.
Frage: Haben Sie die Beleidigungen bewusst gelesen damals?
Antwort: Ich war nur kurz auf meinen Sozialen Medien, als kurz hintereinander das auftauchte. Man will das eigentlich nicht lesen, aber dann klickt man halt schon drauf. Ich habe direkt danach die Kommentarfunktion deaktiviert.
Frage: Öffentlich gesprochen haben Sie erst viel später in der Dokumentation „Born for this“ darüber. Haben Sie die Kommentarfunktion wieder aktiviert?
Antwort: Ja, denn ich bin da auch stärker geworden. Ich lasse so etwas nicht mehr so stark an mich ran, aber natürlich kann man das nicht ganz verhindern.
Frage: Wenn so etwas bei der WM wieder vorkäme, würden Sie das dann öffentlich machen?
Antwort: Das kommt auf die Situation an, dazu habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Früher habe ich so etwas nicht öffentlich gemacht. Da dachte ich immer: ‚ins eine Ohr rein, zum anderen wieder raus‘, aber manchmal muss man einfach etwas sagen. Insofern kann ich mit den beiden von der U21 voll mitfühlen.
Frage: Die FIFA will bei der Frauen-WM eine spezielle Software für Verbände und Spielerinnen einsetzen, die mittels künstlicher Intelligenz solche Kommentare anhand gewisser Schlüsselbegriffe unterbindet.
Antwort: Davon habe ich gehört, das wäre sicherlich ein Mittel, mit dem gearbeitet werden sollte.
Frage: Haben solche Beleidigungen zugenommen in letzter Zeit?
Antwort: Nein, gar nicht.
Frage: Sie haben früher von Diskriminierungen berichtet, wenn sich eine ältere weiße Frau von Ihnen weggesetzt hat. Kommt das noch vor?
Antwort: Solche Erfahrungen habe ich in Essen gemacht, wenn ich nach der Schule in die U-Bahn gestiegen bin. Aber jetzt nicht mehr: Frankfurt ist eine Stadt mit vielen Kulturen und Nationalitäten, da habe ich zum Glück so etwas noch nicht erlebt.
Frage: Auch die erstmals mit 32 Teams ausgespielte WM wird in Australien und Neuseeland ein Zusammentreffen der Kulturen. Deutschland hat mit Marokko, Kolumbien und Südkorea eine besonders bunte Gruppe erwischt.
Antwort: Ich freue mich deshalb sehr auf die WM, das ist unter diesem Aspekt noch mal etwas ganz anderes als eine EM, weil man auf Nationen anderer Kontinente trifft – auch unbekannte Gegner.
Frage: Und jetzt bestreiten Sie mit Deutschland die WM-Generalprobe gegen Sambia, das erste WM-Spiel gegen Marokko, was ja zu Ihrer Vita passt.
Antwort: Ja, irgendwie schon. Es ist schön, jetzt gegen zwei afrikanische Mannschaften zu spielen. Wobei ich aber über deren Spielweise gar nicht so viel sagen kann, weil ich noch nie gegen solche Teams gespielt habe. Aber ich weiß, dass wir auf schnelle, physisch starke Spielerinnen achtgeben müssen, die einen anderen Fußball spielen als wir Europäer.
Frage: Ihre Mutter kommt aus Togo, ihr Vater aus Ghana: Sind Sie schon mal in den Heimatländern Ihrer Eltern gewesen?
Antwort: Tatsächlich noch nicht, weil ja immer wieder ein Turnier gewesen ist. Ich habe jetzt wirklich im Winter vor, mit meiner Mutter oder allein dorthin zu fliegen. Das erste Mal mit 23 Jahren.