Paris Schreib-Maschine der Freiheit: Auf Heinrich Heines Spuren in Paris
15 Umzüge in 25 Jahren: Als erster literarischer Emigrant erfindet Heinrich Heine in Paris das politische Feuilleton. Wo lebte, liebte und starb der Dichter? Ein Gang auf Heines Stadtkarte von Paris.
Könnte er das nicht sein? Sitzt er nicht ganz außen in der Sitzreihe, den Kopf auf die Hand gestützt, auf seinen Lippen ein leises Lächeln, mokant und melancholisch? Wippt er nicht unmerklich mit der Fußspitze? Heinrich Heine würde der Jazz gefallen, den die Band von der Robert-Schumann-Hochschule aus seiner Heimatstadt Düsseldorf spielt. Er würde belustigt zuhören, wie die Schauspieler Jasmin Varul und Victor Maria Diderich aus jenen Briefen vorlesen, die er einst an seine Mutter im fernen Hamburg schreibt. Polizei und Zensoren vertreiben ihn aus Deutschland. Aber am Ende hat er recht behalten: Das Haus Deutschlands, in dem er mit der Soirée geehrt wird, trägt seinen Namen – die Maison Heinrich Heine in der Cité Universitaire, der internationalen Universitätsstadt am Südrand von Paris.
1797 am Rhein geboren, 1831 nach Paris gegangen, 1856 dort gestorben: Heinrich Heine ist der erste literarische Emigrant. Deutschland schläft den Dämmerschlaf der Unfreiheit. Heine lässt Zensur und Publikationsverbot hinter sich, reist nach Paris, der Hauptstadt der Revolutionen, wie zu einem neuen Jerusalem der Freiheit. Er lebt „auf der Spitze der Welt“, atmet „holdselige civilisierte Luft“.
Heine flieht – und wird er selbst. In Frankreich schreibt er sein schönstes Deutsch. Und erfindet eine neue Publizistik und ihre Rollen: den Feuilletonisten, den Korrespondenten, den Journalisten als Kritiker und Mittler. Heine verkehrt im Salon der Rothschilds, schreibt für die „Allgemeine Zeitung“, platziert Bücher wie „Französische Zustände“ bei seinem Hamburger Verleger Julius Campe. Heine, das ist die Schreib-Maschine einer Demokratie, die es noch nicht gibt.
„Heinrich Heine ist in Paris ein unglaublich verjüngter und produktiver, am Ende aber auch leidender Mensch“, bilanziert Sabine Brenner-Wilczek, Direktorin des Heinrich-Heine-Instituts in Düsseldorf. Der junge Dichter bezaubert mit dem romantischen Ton seiner Gedichtsammlung „Buch der Lieder“, mit den spitzen Spötteleien seiner „Reisebilder“. Aber in Paris hat er sein „kulturelles Erweckungserlebnis“, sagt Brenner-Wilczek und ergänzt: „Dort wird seine Sprache freier, seine Bilder heiterer, seine Kritik zugleich schärfer, weil er sich endlich frei fühlte“.
Um die Porte St. Denis, das 1672 für den Sonnenkönig Ludwig XIV errichtete Siegestor, brandet heute der Verkehr. Als Flaneur liebt Heinrich Heine den unablässigen Strom der Menschen. 700.000 Einwohner zählt Frankreichs Kapitale zu seiner Zeit, zwölf Millionen drängen sich heute im Großraum Paris. Mit der Fahrt durch die Porte St. Denis hebt 1831 sein neues Leben an. Als er 1856 in Hausnummer drei der Avenue Matignon stirbt, hat er nicht nur jahrelange Leiden hinter sich, sondern auch 15 Wohnungswechsel. Paris mit Heine kartieren – das funktioniert noch heute, im Rösselsprung.
Sabine Brenner-Wilczek führt eine Reisegruppe an, die sich zum 225. Geburtstag des Dichters und Publizisten auf den Weg nach Paris gemacht hat. „Heine war rastlos“, sagt sie, während sie ihre Gruppe durch das sommerlich heiße Paris lotst. Es geht zur Rue d´Amsterdam, unweit des Bahnhofs St. Lazare. Das Haus Nr. 50, in dem Heine damals wohnt, steht nicht mehr. An gleicher Stelle sind gerade neue Häuser entstanden. Hinter spiegelblanken Glastüren werden wohl Geschäfte einziehen. Die Menschen, die hier vorüberhasten, haben keinen Gedanken mehr dafür, dass hier Alexandre Dumas zu Besuch war. Heine ist begeisterter Leser seiner „Drei Musketiere“.
„Es war nicht einfach, in Heines Nachbarschaft zu leben“, berichtet Sabine Brenner-Wilczek, „denn Heine war ausgesprochen geräuschempfindlich“. Jahrelang habe Heine gesucht, was es in Paris kaum gibt – ein Domizil, das ruhig und doch mittendrin gelegen ist.
Besucher wundern sich meist über die ärmlichen Zimmerchen, in denen der finanziell oft klamme Heine lebt. Er hangelt sich durch. Verlagshonorare, die Almosen seiner reichen Verwandten, es reicht so gerade hin. Dafür hat Heine seine „pacifike Mission“ jener Völkerverständigung zwischen Deutschen und Franzosen, die Vorurteile abbauen und damit die Sache der politischen Freiheit fördern will.
„Ich bin daher der inkarnirte Kosmopolitismus, ich weiß, daß dieses am Ende die allgemeine Gesinnung wird in Europa, und ich bin daher überzeugt, daß ich mehr Zukunft habe, als unsere deutschen Volksthümler, diese sterblichen Menschen, die nur der Vergangenheit angehören“, proklamiert er 1833 in einem Brief. Ein Mann, ein Credo.
Heinrich Heine hat Recht behalten, findet Sabine Brenner-Wilczek. „Er ist weiter ein gelesener Autor, auch in Frankreich“, stellt sie dem „französischten aller deutschen Dichter“, wie Heine sich selbst nennt, das schönste Zeugnis aus. Wer ihn in Paris finden will, muss sich in Bewegung setzen. Zur Kirche St. Sulpice etwa, wo Heine 1841 Augustine Constance Mirat heiratet, die er zärtlich Mathilde nennt: „Ich liebe sie über alle Sinne“.
Oder zum Palais Royal, unweit des Louvre, wo Heine in Cafés Zeitung liest, neueste Nachrichten aus Politik und Kultur diskutiert. „Heine erkundet flanierend seine Welt. Paris ist für ihn ein einziges kulturelles Erweckungserlebnis“, macht Expertin Brenner-Wilczek klar, was sich bei Heine so anhört: „Es ist die Zeit des Ideenkampfes, und Journale sind unsere Festungen“.
Heine kämpft, Heine leidet. In Paris gehört für ihn beides dazu. So sehr er als Publizist triumphiert, so sehr schmeckt er auch die Bitternis der Emigration. In seinem Brief vom 18. September 1843 nennt er die ferne Mutter Betty „alte süße Katze“. Es ist die Zeit, in der er noch einmal nach Hamburg reist, heimlich und zur Sicherheit über den Seeweg, weil er wegen seiner freiheitlichen Schriften die Festnahme fürchten muss. Es ist die Zeit von „Deutschland, ein Wintermärchen“ und von Gedichtzeilen, die in die Alltagssprache eingehen: „Denk ich an Deutschland in der Nacht“.
Heinrich Heine schreibt so gut, dass er sprichwörtlich wird. Ausgerechnet er, der lebenslang ausgegrenzte und über den Tod hinaus befehdete Emigrant, Jude, Freigeist. Ausgerechnet dieser Außenseiter avanciert zum Repräsentanten. Zum Begräbnis auf dem Friedhof Montmartre verbittet er sich Grabreden. Unter einer schlichten Platte ruht er zunächst, der Dichter und Journalist, der in seinen letzten Leidensjahren noch den Gedichtband „Romanzero“ und sein Reportagebuch „Lutetia“ schreibt.
Heute pilgern Heine-Enthusiasten zu dem Grab, auf dem erst seit 1901 das imposante Marmorstandbild thront. Der Dichter neigt sein Haupt mit geschlossenen Lidern, halb Seher, halb Melancholiker. Sabine Brenner-Wilczek legt Rosen nieder. Ein Schauspieler rezitiert Verse Heines. Vögel zwitschern, durch die Baumkronen fährt sachter Sommerwind. Autoverkehr, ein Zug, hier sind sie fernes Rauschen. Mit einem Mal ist er ganz nah, Heinrich Heine. Es scheint, als ginge er rasch vorüber und sagte mit einem Augenzwinkern: „Wenn der liebe Gott sich im Himmel langweilt, dann öffnet er das Fenster und betrachtet die Boulevards von Paris“.