Vilnius  Russland in Sichtweite: Wie Deutschland in Litauen zur „Schutzmacht“ wird

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 27.06.2023 13:10 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
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Bei einer gemeinsamen Übung zeigte sich, dass es zwischen den Deutschen und den Litauern schon jetzt angesichts der russischen Bedrohung passt. Doch ist ein Daueraufenthalt von 4.000 Bundeswehr-Soldaten künftig wirklich möglich? Eindrücke von einem Truppenübungsplatz wenige Kilometer vor der Nato-Ostgrenze.

Dröhnende Kettenpanzer fahren vorbei und wirbeln Staub auf, hunderte Meter entfernt sind Schüsse zu hören. Auf der „VIP-Tribüne“, auf der hochranginge internationale Politiker und Militärs Platzgenommen haben werden die Ferngläser gezückt. In der ersten Reihe: Verteidigungsminister Boris Pistorius: Der will sich hier im litauischen Pabradė , wenige Kilometer vor der Grenze zu Belarus überzeugen, wie litauische und deutsche Streitkräfte gemeinsam auf dem Schlachtfeld agieren.

Wenige Stunden zuvor war es an Pistorius selbst, das litauisch-deutsche Verhältnis wieder etwas gerade zu rücken. Das kleine baltische Land zwischen der russischen Enklave Kaliningrad und Belarus hatte den Nato-Partner Deutschland zuletzt immer wieder mit Forderungen nach einem stärkeren militärischen Engagement vor sich hergetrieben.

Denn für Litauen haben die Deutschen innerhalb der Nato eine hohe Verantwortung. Und als Rechtfertigung für das Engagement hebt Pistorius zudem hervor, dass Deutschland hier an der Nato-Ostflanke auch seine eigene Freiheit verteidige.

Und dann folgt der Satz, der umgehend national und international Schlagzeilen machte und die Bundeswehr noch Jahre beschäftigen wird. „Wir sind bereit, dauerhaft eine robuste Brigade in Litauen zu stationieren.” Jetzt also doch. 4.000 Bundeswehr-Soldaten werden künftig mit ihren Familienangehörigen direkt an die Nato-Ostflanke ziehen. Die Familien werden komplett auswandern, die Kinder lernen litauisch, die Partner suchen sich im Land Jobs. Die dauerhafte Stationierung ist nicht vergleichbar mit einem Auslandseinsatz, bei die Soldaten irgendwann heimkehren.

Es erinnert viel mehr an das Prinzip der US-Amerikaner in Deutschland. Mehr als 18.000 amerikanische Soldaten sind derzeit dauerhaft in Deutschland stationiert, um bei einem Angrif auf die Nato schnell vor Ort zu sein.

Aus welchen Teilen der Republik die Soldaten kommen, ist noch nicht bekannt, auch sonst sind Details zu dieser wegweisenden Entscheidung vorerst Mangelware. Von einer „großen Herausforderung“ sprach Pistorius. Nicht nur, weil der Bundeswehr ohnehin an vielen Ecken Soldaten fehlen. Sie muss nun auch erst einmal Tausende Soldaten zum dauerhaften Wegzug mit den Familien überzeugen. Denn der Wechsel nach Litauen lässt sich nicht anordnen, sondern beruht auf der Freiwilligkeit der Soldaten.

Die genießen in Litauen bei der Bevölkerung zwar eine hohe Wertschätzung, wie die Soldaten vor Ort berichten. Aber die sprachlichen Barrieren könnten eine Integration erschweren. Die kommenden Jahre - so viel ist jetzt schon klar - wird die Bundeswehr sehr viel für dieses dauerhafte Abenteuer in Litauen werben müssen. Sonst bleibt es beim aktuellen Stand. Bundeswehr-Soldaten halten sich in dauernder Bereitschaft, sind aber in Deutschland stationiert.

Dass auch das funktionieren kann zeigte sich wenige Stunden nach der großen Pistorius-Ankündigung. Bei der Übung „Griffin Storm” zeigten deutsche Soldaten, wie schnell die Bundeswehr von Deutschland aus an die Nato-Ostflanke verlegt werden kann, um dort gemeinsam mit Litauen einer möglichen Bedrohung aus dem Osten entgegenzutreten.

In den vergangenen zehn Tagen zogen 1000 Bundeswehrsoldaten ins Baltikum, zahlreiche Fahrzeuge wurden mit der Fähre transportiert. Jubelnd seien sie von der zivilen Bevölkerung begrüßt wurden, berichten Soldaten stolz.

Was dann auf dem Truppenübungsplatz Pabradė von 1000 deutschen und 200 litauischen Soldaten präsentiert wurde, beeindruckte aber nicht nur Pistorius, sondern auch den litauischen Präsidenten Gitanas Nausėda und Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg.

In der Simulation eines Angriffs auf die Ostflanke übten die Soldaten mehrerer Nato-Staaten die Verteidigung. Mit nahezu allen Waffensystemen, die am Boden aufgeboten werden können. Die Panzerhaubitze 2000, der Minenräumer „Keiler“, der Radpanzer „Boxer“ , der Leopard 2 und viele weitere Fahrzeuge probten gemeinsam.

Wohl weniger überraschend holten die litauischen und deutschen Streitkräfte in der Panzerschlacht einen haushohen Sieg. Das Zusammenspiel klappte bei der Übung ganz so, wie es die Planer sich gewünscht hatten

„Wir waren in Deutschland einst die Nato-Ostflanke“ erinnerte Pistorius an die Zeit vor der Wiedervereinigung. Nun sollen sich die Nato und speziell Litauen, für dessen Sicherheit Deutschland innerhalb des Bündnisses primär verantwortlich ist, auf Deutschland verlassen können.

Trotz aller Bekundungen kommt die Ankündigung der dauerhaft stationierten Brigade überraschend, lange war die bekanntermaßen vorsichtige Bundesregierung zu diesem Schritt nicht bereit. Denn ungeachtet aller russischen Verbrechen der vergangenen Jahre gilt die sogenannte „Nato-Russland-Grundakte“ von 1997. Darin heißt es unter anderem, dass das Nordatlantikbündnis keine Truppen dauerhaft an der Grenze zu Russland stationiert. Dabei gibt es aber eine Einschränkung.

Der Passus beruft sich auf das „gegenwärtige und vorhersehbare Sicherheitsumfeld“, Also das von 1997. Spätestens seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 dürfte von diesem Sicherheitsumfeld nicht mehr viel übrig sein. Dennoch bleibt es ein schmaler Grat, Nato-Generalsekretär Stoltenberg ließ eine Frage zu dem Thema am Montagnachmittag dann auch lieber unbeantwortet.

Was auf dem Truppenübungsplatz Pabradė aber auch ersichtlich ist: Die Litauer sind offenbar sehr schnell, wenn es darum geht, die nötige Infrastruktur aufzubauen, wie ein Sprecher der Bundeswehr hervorhob. Genau das wird auch mit Blick auf die neue Brigade wichtig.

Denn die 4.000 Soldaten laut Pistorius nicht auf einen Schlag komplett nach Litauen kommen, sondern nach und nach. Das Tempo bestimmen die Litauer, die für die nötigen Unterkünfte sorgen. Eine Aufgabe, die für Litauens Präsident Nausėda von „hoher nationaler, sicherheitsrelevanter Bedeutung” ist, wie er in Pabradė sagte. Nun wollen die Litauer unter anderem Kasernen und weitere Unterkünfte für die Bundeswehr bauen. Bis 2026 soll für die deutsche Brigade alles fertig sein. „Aber ich bin nicht böse, wenn mein Verteidigungsminister es bis 2025 schafft”, fügte Nausėda noch schnell an. Denn die Bedrohung, die die Litauer durch Russland verspüren, ist schon lange kein abstraktes Szenario mehr.

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