Hamburg Selbstversuch: Einen Tag mit dem EPa überleben
Die Einpersonenpackung der Bundeswehr enthält um die 4000 Kalorien und soll Soldaten im Einsatz für einen Tag versorgen. Unsere Autorin hat es getestet – und war nach Tüten-Thunfisch, Dosenleberwurst und Exotic-Getränkepulver zum ersten Mal seit Jahren um 22 Uhr im Bett.
Um genau 13:51 Uhr ist es mit der Disziplin vorbei: Ich brauche einen Kaffee. Einen richtigen. Mit schlechtem Gewissen schleiche ich zum Vollautomaten und mache mir einen Flat White. Das Geräusch, das mich sonst nervt, weil es so rumpelig-laut ist, klingt wie Musik: Das Mahlen der Bohnen, das Zischen der Milchdüse. Der Duft. Der Schaum. Ein Himmelreich.
Angefangen hatte ich morgens um 7.30 Uhr mit einer Tüte „Kaffee-Extrakt“, den ich im Becher mit kochendem Wasser übergoss. Das Tütchen Kaffeeweißer verschluckte die schwarze Brühe völlig ungerührt, an der dunklen Farbe änderte sich: nichts. Es war ein Bedienungsfehler, wie sich bei der nächsten Tasse herausstellte. Man darf den Kaffeeweißer nicht zu früh hineingeben, sonst vermischt er sich am Becherboden mit dem noch nicht ganz aufgelösten Kaffee-Extrakt und bildet mit ihm einen brockigen hellbraunen Schleim. Rühren bringt in diesem Stadium nichts mehr, der Schleim bleibt unten, der Kaffee schwarz.
Sich einen Tag nur aus der Einpersonenpackung der Bundeswehr, kurz EPa, zu ernähren, das war der Plan. Aussichtslos, alles wirklich aufzuessen, denn ein EPa enthält gute 4000 Kalorien. Es ist dafür gedacht, Soldaten im Einsatz einen Tag lang zu verpflegen. Ich war zwar im Einsatz, allerdings im Home Office und der körperliche Einsatz hält sich an solchen Tagen in engen Grenzen: Die einzige wirkliche Bewegung ist das Winken am Ende einer Videokonferenz.
Frühstück also. Das esse ich unter der Woche sonst nie, normalerweise reichen ein paar Becher Kaffee. Der ist wie alles im EPa aber limitiert: Lediglich zwei Tütchen Kaffee-Extrakt finden sich darin und außerdem noch Tee und eine Tüte „Typ Cappuccino“.
Beim Anblick des offenen Kartons, in dem all die Tütchen und Dosen verstaut sind, wird klar: Messbecher und Wasserkocher sind heute meine besten Freunde. Mehr braucht es nicht zum Essenkochen. Den Umweg über den Esbit-Kocher, den die Soldaten im Einsatz nutzen, spare ich mir heute. Auch esse ich meine Mahlzeiten von einem Teller und nicht aus einem blechernen Essgeschirr.
Zum Kaffee gibt es eine Tüte Müsli Schweizer Art, das man mit 150 ml Wasser aufgießen muss. Die zuvor trockenen beigen Brocken quellen auf, das Gericht nimmt langsam das Aussehen eines Müslis an. Und es schmeckt. Dazu eine Scheibe Dosenbrot, Vollkornschrot, mit einem Döschen Aprikosenmarmelade. Keine Butter, die gibt es im Epa verständlicherweise nicht, aber das inzwischen fast drei Jahre alte Brot ist saftig und es geht auch ohne.
Es ist 9 Uhr und ich bin pappsatt. Kampfbereit? Eher nicht. Mühsam schleppe ich mich zum Rechner und fange an zu arbeiten. Nach der zweiten Konferenz ist es mittags Zeit für die nächste Mahlzeit. Ich bin in Verzug, der Epa-Karton ist immer noch randvoll, vor allem die ganzen Zwischenmahlzeiten machen mir Sorgen. Schokolade, Cookies, Kekse, Trockenfrüchte, Sesamriegel – wann soll ich das alles noch essen?
Erstmal ist eine von zwei warmen Mahlzeiten dran, ich wähle Bohnentopf mit Kasseler aus der Tüte. Die erwärme ich im Wasserbad, der Eintopf ist überraschenderweise rot und nicht grün, wie ich erwartet hatte: Es sind Baked Beans mit Kasseler. Sie haben eine ordentliche Konsistenz und sind gut gewürzt. Dazu rühre ich mir eine Tüte „Isotonisches Getränkepulver Exotic-Geschmack“ in 500 ml Wasser an. Ich bin misstrauisch, wie immer, wenn etwas „Exotic“ oder „Tropical“ heißt, denn was man sich hierzulande darunter vorstellt, ist meistens mit Vorsicht zu genießen.
Das quietschorange Getränk schmeckt wie verdünnter Multivitaminsaft, gar nicht übel. Der Cappuccino nach dem Essen enthält laut Verpackung „Spuren von Gluten, Krebstiere, Eier, Fische, Sojabohnen, Schalenfrüchte, Schwefeldioxid und Sulphite“. Klingt fast wie eine eigene Mahlzeit, etwas eigenwillig zusammengestellt, egal. Augen zu und durch.
Dann müssen noch die Schokoladencookies dran glauben. Die schmecken super, die ganze Tüte ist innerhalb von Sekunden leer, es bleibt nicht mal Zeit für ein Foto. An der nächsten Konferenz nehme ich quasi im Wachkoma teil. „Wie geht’s dir?“, schreiben mir anteilnehmende Kollegen im Chat. „Hab’ Sodbrennen“, antworte ich, während mir einfällt, dass ich vergessen habe, die „Dessertcreme Orange“ zu essen.
Am frühen Abend ist der Epa-Karton immer noch voll. Ich weiß nicht, was ich tun soll und lasse auf Instagram abstimmen: Dort folgen mir nur Leute, die ich kenne, mein Konto ist privat. Ein Safe Space ist es nicht, wie mir dann klar wird. Vier abendbrottaugliche Gerichte stehen zur Wahl, und ich kann live dabei zusehen, wie der Abstimmungsbalken des „Dosenbrot mit Dosenleberwurst“ den von mir insgeheim favorisierten „Gemüsereis mit Hachröllchen“ überholt. So fies, für das „Pork Jerky“ zu stimmen – gedörrte Schweinescheiben mit Currygeschmack –, sind zum Glück nur wenige. Mit ihnen habe ich noch eine Rechnung offen. Auch die Tüte „Thunfisch mit Limette und Pfeffer“ schafft es nicht auf die vorderen Plätze.
Am Ende esse ich trotzdem einfach alles, immerhin soll das hier ein Test sein – von jedem ein bisschen, mein Hund ist vor allem beim Leberwurstbrot und dem Pork Jerky eine große Hilfe. Der Tüten-Thunfisch ist gar nicht übel, ihn teile ich nicht.
Übrig sind im EPa-Karton jetzt: Der Rest Dosenbrot, ein Döschen Geflügellyoner, schwarze Johannisbeerkonfitüre, Schokolade, Trockenfrüchte, Sesamriegel, Dessertcreme Orange, Tee, fast alle Kekse, Getränkepulver Grapefruit und Orange.
Um das alles zu essen, müsste ich mit dem Hund und einem Fallschirm vermutlich aus einem Flugzeug springen und tagesfüllend Taliban oder andere Finsterlinge überwältigen. Nach einem Tag EPa im Home Office hingegen bin ich einfach todmüde und gehe zum ersten Mal seit Jahren um 22 Uhr ins Bett.