Osnabrück Leise Musterschülerin: Wie eine junge Ukrainerin erfolgreich werden konnte
Immer wieder wurde berichtet, dass ukrainische Schüler den Unterricht boykottieren. Am Osnabrücker Berufsschulzentrum am Westerberg ist das anders. Das zeigt die Geschichte der 18-jährigen Daryna Dudukova.
An ihren ersten Schultag in der neuen Heimat erinnert sich Daryna Dudukova kaum. Weil sich ein Krieg nicht an Ferienzeiten hält, betrat die 18-jährige Ukrainierin im November vergangenen Jahres das erste Mal ein deutsches Klassenzimmer. „Ich weiß nur noch, dass ich sehr unsicher war. Ich kam viel später als die anderen, kannte niemanden und konnte nur ,Hallo’ auf Deutsch sagen“, sagt Daryna fließend auf Deutsch.
Sie ist eine von mehr als 200.000 ukrainischen Schülern, die seit Beginn des russischen Angriffskriegs von deutschen Schulen aufgenommen wurden. Nicht immer scheint die Integration zu glücken. Zuletzt beklagten Lehrer, dass Schüler aus der Ukraine sich nicht am Unterricht beteiligen. Von Jugendlichen, die über Tische und Bänke gehen und respektlos gegenüber den Lehrkräften auftreten, war die Rede. Eine Lehrerin, die anonym bleiben wollte, sagte unserer Redaktion: „Es ist nicht einfach. Es gibt sehr viel Verweigerung im Schulalltag.”
Dass das nicht überall so ist, zeigt der Schulweg von Daryna. Man kann sie als Musterschülerin bezeichnen. Ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, saß sie in ihrer Klasse. Acht Monate später erzählt sie schüchtern und sehr leise von ihren Zukunftsplänen. Sie will eine Ausbildung zur Gestaltungstechnischen Assistentin machen. „Ich bin kreativ, male und bastel gern. Deswegen passt das sehr gut”, sagt sie.
Daryna flog quasi durch das sorgsam geplante Konzept zum Berufseinstieg. Nach wenigen Wochen wechselte sie in eine Klasse für fortgeschrittene Deutschschüler, legte alle Sprachtests ab und schnupperte in Ausbildungsberufe. Bis vor kurzem hatte sie außerdem parallel noch Online-Unterricht auf Ukrainisch. Seit einigen Wochen hat sie den Abschluss in ihrem Heimatland in der Tasche.
Ob ihre Zukunft in Deutschland liegt, kann die Jugendliche nicht sagen. „Ich versuche mich auf mein Leben hier zu konzentrieren, aber ich denke immer an meine Familie in der Ukraine.” Sie müsse ihre Sorgen ausblenden, sagt sie. Dudukova ist allein mit ihrer Tante aus Sumy im Nordosten der Ukraine nach Osnabrück geflohen, ihre Eltern blieben zurück.
In der Schule ist man stolz auf Daryna. „Das ist natürlich der Königsweg”, sagt der ständige Vertreter des Schulleiters Ulf Zumbrägel und meint damit: Sprachförderklasse, Ausbildung, Beruf. „Aber natürlich verläuft das nicht bei allen so. Einige brauchen länger und das ist auch völlig normal.“ Mehr als 200 zugewanderte Schüler werden in 14 Sprachförderklassen unterrichtet. „Bei uns geht niemand ohne eine Anschlussperspektive, und wenn es ein weiteres Jahr in einer Berufseinstiegsklasse ist“, sagt Zumbrägel.
Daryna ist nicht die einzige Schülerin, die ohne Eltern in Deutschland lebt. Welche Rolle spielt die Schule, wenn alles Vertraute plötzlich weg ist? „Wir sind hier mehr als nur Lehrer“, sagt Arbresha Nikqi. Die Lehrerin ist selbst als Kind aus dem Kosovo nach Deutschland gekommen, ihre Kollegen haben Wurzeln in Russland und der Türkei. „Die eigenen Erfahrungen helfen natürlich, wir können die Schüler besser verstehen“, sagt sie und meint damit nicht unbedingt die sprachlichen Barrieren. Es geht auch um das Einfühlungsvermögen in die Situation der Migrantenkinder.
Auch die Schule lernt dazu, sagt Nikqi. Zu Beginn des Krieges seien viele ukrainische Schüler in einer Klasse gewesen. „Da haben wir gemerkt, dass sie fast nur in ihrer Muttersprache sprechen, und haben die Klassen stärker durchmischt.” Daryna sieht das als Gewinn: „Ich war nicht in vielen Ländern in meinem Leben, aber ich habe in Deutschland viele Länder kennengelernt.“
Lehrerin Nikqi sagt: „Manchmal denke ich: Wenn die Welt so funktionieren würde, wie unsere Klassen, wäre sie ein besserer Ort.“ Leicht sei es dennoch nicht. „Mich macht es traurig, wenn ich sehe, wie schnell die Schüler in den Sprachförderklassen erwachsen werden müssen. Ich glaube, das liegt auch an den vielen Sorgen, die sie haben.“
Auch Daryna wirkt erwachsen. Sie wägt ihre Worte sorgsam ab. Sie hat ihr Ziel klar im Blick, nur wenn sie von ihrem Hobby Tanzen erzählt, erahnt man jugendliche Ausgelassenheit. Immer wieder betont sie, wie dankbar sie für die Unterstützung ist.
Lehrerin Nikqi hat das nächste Projekt schon im Blick. Sie möchte die Schüler aus den Sprachförderklassen mit den Schülern aus den Regelklassen der Berufsschule zusammenbringen. „Dass es ausschließlich Klassen für zugewanderte Schüler gibt, ist zwar richtig. Die Klassen sind klein und wir können individuell fördern”, sagt sie. Aber man bleibe eher unter sich, mit deutschen Schülern gebe es wenig Austausch. Vor der Corona-Pandemie sei das anders gewesen. Da seien leistungsstarke Schüler zum Beispiel für einige Fächer in den Regelunterricht gegangen. „Dahin wollen wir wieder zurück.“
Für ihre Schüler hat sie aktuell einen Tipp: „Wir raten unseren Schülern deswegen auch, sich in Sportvereinen anzumelden, um den Austausch zu fördern.“
Daryna wäre keine Musterschülerin, wenn sie das nicht schon längst getan hätte. Sie tanzt Hip-Hop in einem Osnabrücker Studio. „Ich lerne am besten Deutsch, wenn ich es viel sprechen muss”, sagt sie.