Osnabrück  Höhenflug der AfD: Mehr als nur ein Protest-Phänomen

Thomas Ludwig
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Von Thomas Ludwig
| 23.06.2023 13:17 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Bittere Wahrheit: Die AfD ist längst nicht mehr nur für Protestwähler attraktiv, sondern in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Foto: picture alliance/dpa/Sebastian Gollnow
Bittere Wahrheit: Die AfD ist längst nicht mehr nur für Protestwähler attraktiv, sondern in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Foto: picture alliance/dpa/Sebastian Gollnow
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Die AfD erreicht bei Wählerbefragungen immer neue Höchstwerte. Das ist beängstigend. Denn der Aufwind der Brandstifter im Biedermeiergewand steht für einen drohenden Rückbau unserer liberalen Gesellschaft.

Die Anhänger der Partei sind wie im Rausch, ihre Kritiker wähnen sich in einem Albtraum. Mit einem Wahlsieg im thüringischen Landkreis Sonneberg könnte der Höhenflug der AfD am Sonntag ihren vorläufigen Höhepunkt erreichen; zehn Jahre nach ihrer Gründung würde die Partei erstmals einen Landkreis regieren – und einen weiteren Schritt hin zur Normalität machen. Das heißt aber nicht, dass man zur Tagesordnung übergehen sollte.

Denn die Beliebtheit der mindestens in Teilen rechtsextremen AfD immer nur mit angeblichen „Protestwählern“ zu erklären, die den etablierten Parteien einen Denkzettel verpassen wollten, ist nicht länger zielführend, ja verharmlost gar die Entwicklung.

Tatsächlich sehen wir nämlich, dass autoritäres und illiberales Gedankengut in der Breite der Gesellschaft anschlussfähig geworden ist. In Sonneberg schwadronieren einfache Bürger ganz unverhohlen von „Ausländer raus“ und führen gar Hitlers NSDAP im Mund, wenn es darum geht, Deutschland vom Kopf wieder auf die Füße zu stellen. Das ist beängstigend.

Die AfD stehe für einen „autoritären Nationalradikalismus“, sagt der Soziologe Wilhelm Heitmeyer. Sie strebe ein verändertes Ordnungsmodell an, geprägt von einem „Wir gegen die“-Weltbild, in dem sich eine weit verbreitete „rohe Bürgerlichkeit“ widerspiegele, die Schwächere verachte und sich hinter glatten Fassaden verberge. Treffender kann man es kaum ausdrücken.

Wenn die Unionsparteien nun behaupten, der Aufstieg der AfD sei allein eine Folge der miserablen Ampel-Regierung in Berlin, macht sie es sich zu einfach. CDU/CSU müssen sich als größte Opposition durchaus fragen, ob denn ihr Auftritt den Erwartungen der Bürger entspricht.

Hatte nicht CDU-Chef Friedrich Merz die Hoffnung genährt, mit ihm an der Spitze würden die Christlichen das Wählerpotenzial der AfD halbieren? Das ist gründlich in die Hose gegangen.

Einfache Protestwähler hätte die CDU vielleicht einfangen können. All jene aber, die sich vom freiheitlich-demokratischen Grundkonsens immer weiter entfernen, die sich im scharfen sozioökonomischen gesellschaftlichen Wettbewerb auf der Verliererseite sehen, docken nicht mehr bei den Konservativen an. Genau das macht die Lage so prekär.

Lange haben vor allem die einstigen großen Volksparteien sich eingeredet, das mit der AfD werde sich schon erledigen. Inzwischen zeigt sich: nein, wird es nicht, zumindest nicht von allein. Der Rückbau offener Gesellschaften vollzieht sich schleichend, das konnte man in Ungarn beobachten, in Polen und auch in den USA unter Donald Trump.

Dass Deutschland diesen Weg nicht beschreitet, liegt in der Verantwortung des Einzelnen. Deshalb sollte jeder, der mit der AfD sympathisiert, ganz genau hinschauen, wofür diese Partei steht – und sich dann fragen: Will ich das wirklich? Damit es nicht plötzlich ein böses Erwachen gibt.

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