Zwei Feuerwehrfrauen unterwegs an der Küste  Sie wandern gegen den Feuerkrebs

Susanne Ullrich
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Von Susanne Ullrich
| 23.06.2023 13:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Zusammen legen Jaquelina Lubina (rechts) und Jasmin Schwannecke 90 Kilometer zu Fuß in fünf Tagen zurück. Der Weg ist das Ziel. Und möglichst viele, gute Gespräche über die Gefahren von Feuerkrebs. Foto: Ullrich
Zusammen legen Jaquelina Lubina (rechts) und Jasmin Schwannecke 90 Kilometer zu Fuß in fünf Tagen zurück. Der Weg ist das Ziel. Und möglichst viele, gute Gespräche über die Gefahren von Feuerkrebs. Foto: Ullrich
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Diese Einsatzkräfte zeigen Einsatz, um Aufmerksamkeit auf die Gefahren von Feuerkrebs zu lenken. Dafür gehen sie 90 Kilometer in fünf Tagen. Vergangenes Jahr zog Jaqueline Lubina noch allein los.

Tossens - Zwei Frauen wandern auf dem Deich. Ihre Blicke gehen in die Ferne, raus auf die Nordsee, manchmal fokussieren sie auch Ziele landeinwärts. Jaqueline Lubina und Jasmin Schwannecke gehen Seite an Seite. Meist schweigend. Gespräche führen sie vor allem dann, wenn ihnen andere Fußgänger oder Radfahrer begegnen. Dann erzählen sie denen davon, warum sie fünf Tage lang an der Küste der Nordsee entlangwandern. Dass sie pro Tag zwischen 14 und 24 Kilometern zurücklegen. Und davon, warum sie in ihren 13, vielleicht 14 Kilo schweren Rucksäcken all das auf dem Rücken tragen, was sie für diese Woche brauchen.

Was und warum

Darum geht es: Jaqueline Lubina und Jasmin Schwannecke aus Stadtoldendorf wandern den Deich entlang. Sie haben eine gemeinsame Mission, über die sie reden, wann immer sich ihnen die Gelegenheit dazu bietet.

Vor allem interessant für: Jeden, da er vermutlich irgendwann in seinem Leben einmal auf die Unterstützung von Feuerwehrleuten angewiesen sein wird. Wir sollten uns vor Augen führen, dass Einsatzkräfte stets die eigene Unversehrtheit zum Wohle anderer aufs Spiel setzen.

Deshalb berichten wir: Jaqueline Lubina wanderte auch schon im vergangenen Sommer 100 Kilometer die Küste entlang. Damals startete sie in Norddeich und führte viele spannende Gespräche mit Ostfriesen.

Die Autorin erreichen Sie unter: s.ullrich@zgo.de

In der Wesermarsch aber sind diese Begegnungen rar. „Manchmal sind da kilometerweit nur Schafe“, verrät die 32 Jahre alte Schwannecke lachend. „Und kaum Menschen am Deich“, ergänzt ihre 30-Jährige Begleiterin. Es ist erst der Beginn der Sommerferien und somit in der weniger touristischen Region vergleichsweise ruhig. Dann aber komme eine Frau aus Bayern allein mit ihrem Fahrrad daher. Auch die habe seit Kilometern niemanden gesehen. Sofort entwickelt sich ein Gespräch über ein für diese Situation ungewöhnliches Thema: eine schwere Krankheit, die Feuerwehrleuten im Einsatz droht. Und vor der dennoch nur wenige Menschen überhaupt gehört haben.

Die Gefahren von Feuerkrebs

Lubina und Schwannecke sind Feuerwehrfrauen. Sie gehören der Wehr Stadtoldendorf an. Damit leben sie laut einer Statistik des Deutschen Feuerwehrverbands wie mehr als eine Million Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehren allein in Deutschland und weiteren über 35.000 Berufsfeuerwehrleuten mit dem Risiko, möglicherweise selbst einmal an Feuerkrebs zu erkranken. Einige Feuerwehrleute sind es bereits. Als Berufskrankheit anerkannt ist diese Einsatzfolge allerdings nicht. Die Organisation „Feuerkrebs“ will das ändern. Lubina und Schwannecke reden über den Krebs, die Initiative – und nehmen auch Spenden für deren Arbeit entgegen. „Es kann ja jeden treffen“, stellt Schwannecke klar.

Die Rucksäcke der Frauen wiegen je 13 bis 14 Kilogramm. Foto: Ullrich
Die Rucksäcke der Frauen wiegen je 13 bis 14 Kilogramm. Foto: Ullrich

Und nicht zuletzt wollen sie einfach mehr Aufmerksam auf das Thema lenken: Denn noch weiß längst selbst nicht jeder Retter, welche leisen Gefahren im Einsatz drohen – und wie diese durch die persönliche Einsatzhygiene minimiert werden können. Es sind Spätfolgen des Helfens, die erst Jahre oder Jahrzehnte in gesundheitlichen Beschwerden gipfeln können. Marcus Bätge ist geschäftsführender Gesellschafter von „Feuerkrebs“. Er sagt: Feuerwehrleute haben internationalen Studien zufolge ein bis zu 30 Prozent erhöhtes Krebsrisiko. Denn: „Der Brandrauch enthält giftige und krebserzeugende Stoffe.“ Die Feuerwehrfrauen steuern daher nicht nur zum Übernachten die Feuerwehrhäuser entlang ihrer Strecke an. Sie sitzen dort zudem mit denjenigen zusammen, die ihren Dienst bei den jeweiligen Wehren versehen. Sie schauen sich an, wie dort gearbeitet wird. Tauschen sich über Einsätze aus. Und sie erzählen von ihrer Mission, das Leben von Einsatzkräften sicherer zu machen.

Ein Stück der Strecke gemeinsam gehen

Gut drei Kilometer Strecke haben die drei Frauen zusammen zurückgelegt, als sich ihre Wege wieder trennen. Doch alle sind um diese Begegnung reicher. Die Bayerin schwingt sich wieder auf ihr Rad. Die beiden Frauen wandern weiter. Auch Feuerwehrleute haben sich ihnen vereinzelt angeschlossen. An einem Tag waren es zwei, an einem anderen wanderte einer mit. 90 Kilometer in fünf Tagen haben sie in den vergangenen Tagen auf diese Weise zurückgelegt. Immer möglichst nah am Wasser entlang, meist auf dem Deich. Reine Laufzeit: vier bis fünf Stunden am Tag. Teilweise war es „schwül, stickig, warm“, resümiert Lubina. Am Mittwoch beispielsweise zwischen 26 bis 28 Grad. „Das Wetter haut schon rein“, gibt Schwannecke zu. Die Frauen haben sich Blasen an den Füßen erlaufen. Bei Lubina zwickt es in den Hacken. Aufgeben will sie nicht, sagt sie bestimmend. Stattdessen besteht ihr erstes Frühstück an diesem Tag aus zwei Schmerztabletten. „Und ganz wichtig ist morgens die Dosis Magnesium“, ergänzt sie.

Eines ihrer Etappenziele war Tossens. Dort haben die Frauen auf Feldbetten übernachtet. "Das kennen wir vom Zeltlager", versichert Jasmin Schwannecke (rechts). Jaqueline Lubina stellt nur drei Bedingungen an die Feuerwehren, die sie besucht: "Feldbetten, Dusche, Strom." Foto: Ullrich
Eines ihrer Etappenziele war Tossens. Dort haben die Frauen auf Feldbetten übernachtet. "Das kennen wir vom Zeltlager", versichert Jasmin Schwannecke (rechts). Jaqueline Lubina stellt nur drei Bedingungen an die Feuerwehren, die sie besucht: "Feldbetten, Dusche, Strom." Foto: Ullrich

Von Wilhelmshaven ging es für sie los. Rund um den Jadebusen in Himmelsrichtung Osten. Über Dangast liefen sie beispielsweise nach Reitland. Dort wurden die Frauen spontan zu einem Polterabend eingeladen. Im weiteren Verlauf der Tour kamen sie auch nach Tossens. Ihr Ziel ist der Nordenhamer Stadtteil Blexen: Ihre Reise im Zeichen des Feuerkrebses wollen sie an Bord der Fähre nach Bremerhaven beschließen. Wilhelmshaven war für Lubina die logische Ausgangssituation. Dort war sie im Juni vergangenen Jahres nach 100 zurückgelegten Kilometern angekommen. In Norddeich war sie gestartet, über Westerbur, Neuharlingersiel und das Wangerland schließlich an der Jade angekommen. In Ostfriesland habe sie deutlich mehr Unterhaltungen mit Passanten unterwegs geführt, erinnert sie sich. Hauptsächlich mit Urlaubern. Damals war Lubina noch als Einzelkämpferin unterwegs. „Da wollte ich es alleine durchziehen“, sagt sie.

Ihre Kindheitsfreundin hätte sie schon damals gern begleitet, sagt die. Diesmal bekam sie grünes Licht. Und schon jetzt ist klar: Im kommenden Jahr wollen beide weiterwandern. In Bremerhaven anknüpfen und weiter am Meer entlang. Und dann? Vielleicht sogar an der Ostsee weitermachen, verrät die 30-Jährige. „Man muss schon etwas verrückt sein, um das zu tun“, fasst Jasmin Schwannecke zusammen. Es ist eine Woche Urlaub, der es in sich hat. Wenn sie im Sommer 2024 erneut loswandern, werden voraussichtlich noch weitere Feuerwehrleute dabei sein. Viele hätten schon erklärt, zumindest einzelne Etappen begleiten zu wollen. Lubina hat bereits eine Idee für das kommende Jahr, die schon auf den ersten Blick für noch mehr Aufmerksamkeit sorgen dürfte. Statt in normalen Klamotten wollen die Frauen samt ihrer Begleiter dann nämlich in Einsatzkleidung wandern.

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