Besonderes Projekt  Fehntjer gewinnen Landespreis für ihre Bauernhof-Sanierung

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 23.06.2023 14:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Ein Schmuckstück: Die Frontansicht des denkmalgeschützten, 1914 errichteten Hofes. Fotos: Cordsen
Ein Schmuckstück: Die Frontansicht des denkmalgeschützten, 1914 errichteten Hofes. Fotos: Cordsen
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Wäre alles weitergelaufen wie bisher, hätte Familie Tjaden aus Wrisse ihren Gulfhof verloren. In einem Kraftakt hat sie das Haus saniert – und in einen besonderen Ort verwandelt.

Großefehn - Wäre alles so weitergelaufen wie bisher, Eielt und Gertrud Tjaden hätten im zurückliegenden Winter womöglich um die 1000 Euro pro Monat für Strom und Gas berappen müssen und womöglich nicht gewusst, woher auf Dauer nehmen. Das Paar lebt in einem denkmalgeschützten Gulfhof in Wrisse (Großefehn) aus dem Jahr 1914. Idyllisch gelegen, umrahmt von einem großen Garten, drohte das Gebäude zu einem so großen Kostenfresser zu werden. Die Hofeigentümer fürchteten schon vor Jahren, ihn nicht mehr halten zu können und verkaufen zu müssen, „weil die karge landwirtschaftliche Rente dafür kaum ausgereicht hätte“, sagt ihr Sohn Tjarko. Etwa acht Jahre ist es her, dass diese Gewissheit konkreter wurde und das Thema in der Familie zögerlich an Kontur gewann und angesprochen wurde.

Solarmodule sind unter anderem auf der Scheune des Gulfhofs angebracht worden.
Solarmodule sind unter anderem auf der Scheune des Gulfhofs angebracht worden.

Die ganze Familie hängt am Hof, ihn aufzugeben: undenkbar. Und so entschieden sich die Tjadens ab 2018 für reihenweise Brüche mit dem Gewohnten, räumten innere Schweinehunde aus dem Weg, ließen Komfortzonen hinter sich und stellten in einer gemeinsamen Hauruckaktion etwas auf die Beine, das jetzt in Hannover sogar preisgekrönt wurde. Für die Klimaschutz- und Energieagentur Niedersachsen ist es nicht weniger als das beste Haus-Sanierungsprojekt der vergangenen zwei Jahre in ganz Niedersachsen. „Grüne Hausnummer“ nennt sich der alle zwei Jahre ausgelobte Preis, bei dem die Tjadens Ende Mai den mit 1500 Euro dotierten 1. Platz erreicht haben

Gemüse und Getreide für rund 300 Menschen

Zu den Brüchen gehörte, dass Tjarko Tjaden samt Frau und seinerzeit einer Tochter die Hauptstadt Berlin verließ und nach Ostfriesland zog, „obwohl wir uns in Berlin toll eingelebt hatten und ich insbesondere beruflich auch sehr zufrieden war“, sagt er. Der 36-Jährige ist Ingenieur für regenerative Energiesysteme, arbeitete in Berlin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft eng mit dem in Energiefragen bundesweit bekannt gewordenen Professor Volker Quaschning zusammen. Zu den Brüchen gehörte, dass nicht nur der eigene Sohn samt Familie in den Hof in Wrisse eingezogen ist, „sondern dass wir zusätzlichen Wohnraum geschaffen und den ganzen Hof zu einer großen WG mit vier untereinander offenen Wohnungen umgestaltet haben – was natürlich auch bedeutet, dass Menschen von außen zu uns gezogen sind. Da gab es bei meinen Eltern anfangs schon große Skepsis“, sagt Tjarko Tjaden. Er selbst fand hier einen Job an der Hochschule Emden/Leer, half mit, den Studiengang „Regenerative Energien“ aufzubauen. Seit Mai ist er neuer Klimaschutzmanager der Stadt Aurich.

Zwei externe Paare bewohnen den Hof zusätzlich. Max Kühne und Sonja Filip sind seit etwa fünf Jahren dort, haben gemeinsam mit einem weiteren Paar seine solidarische Landwirtschaft unter dem Titel „Gröönlandhof“ aufgebaut. Sie bauen Gemüse und Getreide an, halten sechs Ziegen, wirtschaften auf etwa zehn Hektar Fläche und versorgen einen Kundenstamm von etwa 300 Menschen in etwa 120 Haushalten mit Lebensmitteln. Ein Paar hat den Hof im vorigen Jahr verlassen, doch die Vier-Parteien-WG ist geblieben. Über das Portal „Bringtogether.de“ – „eine Art Tinder für soziale Wohnprojekte“ – gelang es Tjarko Tjaden, ein neues Paar zu finden. Es siedelte aus Rheinland-Pfalz nach Ostfriesland über und ist kürzlich eingezogen: Daniela und Elton Eerkens, die in Teilzeit in der Landwirtschaft mitarbeiten, aber auch bildhauerisch tätig sind und den „Gröönlandhof“ nun um künstlerische Facetten bereichern. „Neben der energetischen Sanierung ist insbesondere der soziale Aspekt unseres Projekts in Hannover gewürdigt worden“, sagt Tjarko Tjaden. Dazu zählt auch, dass die Tjadens und ihre Mitbewohner „nur Kosten wälzen“, um gemeinschaftlich die Umbaukosten abzustottern, das Ganze aber ohne Gewinnabsicht. Die Mitbewohner teilen sich ein E-Auto, haben je nach Bedarf flexibel aufteilbare Wohnungen. „Und das Miteinander klappt wirklich toll“, sagt Tjarko Tjaden. „Meine Eltern, die skeptisch waren, sind froh, wie oft sie ihre Enkel sehen können.“ Seit dem vorigen Jahr sind es zwei: Mit seiner Frau Andrea hat Tjarko Tjaden neben Tochter Nele noch einen kleinen Sohn bekommen, Keno. Seine Mutter Gertrud gibt auch Kochkurse mit saisonalen, regional erzeugten Lebensmitteln.

Max Kühne verantwortet mit seiner Partnerin Sonja Filip die Solidarische Landwirtschaft auf dem "Gröönlandhof".
Max Kühne verantwortet mit seiner Partnerin Sonja Filip die Solidarische Landwirtschaft auf dem "Gröönlandhof".

Ein riesiger Hof als Energiesparhaus

Den Hof selbst hat die Familie auch dank des Fachwissens des 36-Jährigen in ein KfW-70-Haus verwandelt, also ein Energiespar-Gebäude, das sogar noch 30 Prozent weniger verbraucht als ein durchschnittlicher Neubau. Das Bodenfundament etwa ist mit Schaumglasschotter und Holzfasern isoliert worden, die Hohlschichten in den Außenwänden sind gedämmt worden, Solarmodule sorgen für Strom, eine Wärmepumpe beheizt das Gebäude, wobei über im Boden eingelassene Erdwasserkörbe auch das Regenwasser mit zur Wärmegewinnung genutzt wird, bevor es in einer Zisterne gesammelt wird. Während außen noch die Fenster von 1914 Wind und Wetter abhalten, sind von innen gut gedämmte Innenfenster dahintergesetzt worden.

Im kleinen, als Ferienwohnung genutzten Nebengebäude (vorn), hat Familie Tjaden 15 Monate lang eng auf eng gewohnt, während der Hof umgebaut wurde.
Im kleinen, als Ferienwohnung genutzten Nebengebäude (vorn), hat Familie Tjaden 15 Monate lang eng auf eng gewohnt, während der Hof umgebaut wurde.

Rund 750.000 Euro haben die Tjadens dafür in die Hand genommen, den kompletten Hof entkernt. Haben mühsam selbst fähige Handwerksfirmen im Umkreis zusammengesucht, die Lust auf ein besonderes Bauprojekt hatten. „Wir haben erst einen Generalunternehmer gesucht, aber die, die infrage kamen, haben selbst bei 1,2 Millionen Euro noch nicht gezuckt, mit Blick auf unser Projekt“, sagt Tjarko Tjaden. Und so übernahm er selbst die Planung und Bauleitung, die Familie zog in eine kleine Ferienwohnung auf dem Hof, während 15 Monate lang der Hof entkernt wurde. „Das Ganze hat uns immer wieder bis an die Grenzen gefordert, aber immer wieder kamen auch die Handwerker mit total tollen Ideen und wir sind wirklich glücklich, wie sich alles gefügt und entwickelt hat. In 15 Jahren werden die Umbaukosten abgetragen sein, wir leben mit tollen Menschen in einem Haus, dessen Unterhaltungskosten jetzt so niedrig sind, dass sie uns ein gutes und günstiges Zusammenleben ermöglichen. Wir haben frische Lebensmittel, die direkt an unserem Haus entstehen und sogar noch weitere Entwicklungsmöglichkeiten.“

Pfiffiges Energiespardetail: Ein Tischler kam auf die Idee, das Schloss der altehrwürdigen Eingangstür zu tauschen und in dem Kontext die Tür aber auch von innen zu dämmen. Sie wurde mit einer Gummilitze versehen, die beim Schließen nach unten ausfährt. Dadurch sind vorherige Kältebrücken geschlossen worden.
Pfiffiges Energiespardetail: Ein Tischler kam auf die Idee, das Schloss der altehrwürdigen Eingangstür zu tauschen und in dem Kontext die Tür aber auch von innen zu dämmen. Sie wurde mit einer Gummilitze versehen, die beim Schließen nach unten ausfährt. Dadurch sind vorherige Kältebrücken geschlossen worden.

Weitere Ideen für die Zukunft

Im vorigen Jahr hat die Hofgemeinschaft in Zusammenarbeit mit der Leuphana-Universität Lüneburg auf einer Utopie-Konferenz in Wrisse weitere Ideen für den „Gröönlandhof“ entwickelt. „Wir können seit Kurzem einen Stall auf unserem Gelände nutzen, in dem ein Nachbarhof bislang Jungrinder untergebracht hatte. Dadurch können wir unsere Scheune neu nutzen. Es gibt Ideen, vielleicht eine Gastronomie einzurichten. Vielleicht auch eine Art soziale Küche, um hier erzeugte Lebensmittel weiterzuverarbeiten. Spruchreif ist noch nichts.“ Auch Neues rund um Bildung und Kunst möchte die Hofgemeinschaft voranbringen. Man entwickle die Ideen gemeinsam weiter. „Denn gemeinsam Dinge voranzubringen ist bei unserem Modell ebenso wertvoll, wie unverzichtbar: Zusammen leben mit mehreren Parteien kann schon herausfordernd sein, Güter teilen noch kniffliger: Da sind offener Austausch und die Bereitschaft zum Miteinander unabdingbar. Aber gerade gemeinsam kann man so auch Dinge bewegen, die wirklich tragen und zukunftsweisend sind“, sagt Tjarko Tjaden. Und das in nun auch preisgekröntem Maße. Aus Hannover heißt es: „Die gelungene Sanierung in Verbindung mit einer Erdwärmenutzung und dem neuen Wohnkonzept der Hofgemeinschaft hat die Fachjury nachhaltig beeindruckt.“

Bislang wurde die Scheune des Gulfhofs als Garage für Lasten- und Kinderräder, aber auch als Lager für die Landwirtschaft genutzt. Künftig könnten dort, wie Tjarko Tjaden (Bild) sagt, auch noch weitere Projekte verwirklicht werden.
Bislang wurde die Scheune des Gulfhofs als Garage für Lasten- und Kinderräder, aber auch als Lager für die Landwirtschaft genutzt. Künftig könnten dort, wie Tjarko Tjaden (Bild) sagt, auch noch weitere Projekte verwirklicht werden.

Aurichs Landrat Olaf Meinen (parteilos), der selbst in der Gemeinde Großefehn lebt, kennt den Hof gut und war mit in Hannover zur Preisverleihung. Er schwärmt: „Dass es hier gelungen ist, nicht nur den Hof in seiner historischen Gestalt zu sichern, sondern die Denkmalschutzbelange mit modernster Energietechnik und hoher Wohnqualität zu vereinen, und zwar ohne, dass das Gebäude dabei in irgendeiner Form beeinträchtigt worden ist, finde ich eine richtig tolle Sache. Insofern kann ich Familie Tjaden nur zu dem Landespreis gratulieren und hoffe, dass sich andere Besitzer historischer Häuser im Landkreis Aurich daran ein Beispiel nehmen. Dass wir als Untere Denkmalschutzbehörde hierbei Unterstützung leisten konnten, freut mich.“

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