Osnabrück  Flick „die ärmste Sau“? Warum Völler damit nicht recht hat

Malte Goltsche
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Von Malte Goltsche
| 21.06.2023 15:25 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Kann er den Trend umkehren? Bundestrainer Hansi Flick. Foto: imago/Moritz Müller
Kann er den Trend umkehren? Bundestrainer Hansi Flick. Foto: imago/Moritz Müller
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Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat einen schwer enttäuschenden Sommer hinter sich. Was muss passieren, damit bei der Heim-EM im kommenden Jahr nicht der nächste folgt? Die DFB-Elf in der Analyse.

Ein Jahr vor der Europameisterschaft ist die Stimmung in Fußball-Deutschland spätestens nach dem 0:2 gegen Kolumbien vom Dienstag am Tiefpunkt. Ist Hansi Flick als Bundestrainer wirklich „die ärmste Sau“, wie DFB-Sportdirektor Rudi Völler nach der Niederlage in der Schalker Veltins-Arena sagte? Kann also der Trainer nichts dafür, dass die Nationalmannschaft eine Enttäuschung an die nächste reiht? Sind nur die Spieler Schuld an der Misere? Blickt man auf die Problemfelder des Teams, hält Völlers Bewertung nicht stand.

Offensive Harmlosigkeit: Ja, man muss mehr erwarten von Spielern mit internationalem Format. Kai Havertz ist 2021 Champions-League-Siegtorschütze beim FC Chelsea geworden und wurde zuletzt mit Real Madrid in Verbindung gebracht. Leroy Sané ist hoch veranlagt und inzwischen mit 27 Jahren auch erfahren. Jamal Musiala ist eines der größten Offensivtalente der Welt. Ilkay Gündogan ist der Kapitän des Triple-Siegers Manchester City. Eine richtig gefährliche Torchance spielten sie alle gegen Kolumbien nicht heraus. Es war das zweite torlose Spiel in Folge nach dem 0:1 in Polen. Der einzige, der hält, was er verspricht, ist der „echte Neuner“, Niclas Füllkrug. Doch was wirklich fehlt, ist ein taktisches Korsett und eingespielte Abläufe. Diese sind bei Nationalteams schwieriger einzutrainieren als bei Vereinsmannschaften. Allerdings arbeitet Flick mit diesen Spielern, ausgenommen Füllkrug, seit zwei Jahren zusammen. Eine echte Idee ist nicht zu erkennen.

Defensive Anfälligkeit: Das Experiment Dreierkette ist krachend gescheitert. In allen drei Spielen dieses Sommer-Lehrgangs stellte Flick im Laufe des Spiels zurück auf die gewohnte Viererkette - weil es zuvor einfach nicht funktionierte. „In die Hose gegangen“, sei das, was er probierte, sagte der Trainer. Und Emre Can forderte ganz offen das klare Bekenntnis zur Viererreihe. Sein Ballverlust vor dem 0:1 der Kolumbianer wäre aber auch haarsträubend gewesen, wenn er auf der Sechs statt als zentraler Abwehrmann gespielt hätte. Der Bundestrainer hat inzwischen eingesehen, „dass wenn wir mit fünf Mann in der Defensive stehen, keinen Druck auf den Gegner bekommen“. Damit hatte er für die letzten drei Spiele sicher recht. Aber ist es wirklich eine reine Systemfrage oder eher die Frage, wie man dieses mit Leben füllt? Immerhin gibt es auch sehr erfolgreiche Dreierketten-Teams. Eins davon ist eben jenes von Gündogan. Ein anderes aus Berlin-Köpenick ist als Underdog in die Champions League eingezogen.

Selbstvertrauen und Führung: In Abwesenheit von Manuel Neuer führt Joshua Kimmich die Mannschaft aufs Feld - wenn er denn spielt. Gegen Kolumbien wurde er nur eingewechselt und verursachte gleich einen Handelfmeter. Unglücklich war das, aber symbolhaft. Ihm und der gesamten Mannschaft fehlt nach den Tiefschlägen von Katar bis Kolumbien das Selbstvertrauen. Das erkannte auch Flick. „Wir hatten keine Dynamik und zu wenig Tiefenläufe“, sagte er. „Das hat auch mit dem Selbstvertrauen jedes Einzelnen zu tun.“ Es ist am ehesten der Punkt, wo der Trainer machtlos ist. Denn ihm fehlen auch die Führungsfiguren, an denen sich die Mannschaft aufrichten kann. Kimmich erfüllt dieses Profil nur selten, Gündogan kommt beim DFB nicht in Tritt, genau wie der anvisierte Abwehrchef Antonio Rüdiger.

Die Qualität? „Es fehlt bei dem einen oder anderen an der Topqualität“, sagte DFB-Sportdirektor Rudi Völler. Der ein oder andere sei „an seine Grenzen gekommen“ und werde es entsprechend nicht zur EM schaffen. Wen er meinte? Blieb offen. Dabei ist es relativ offensichtlich. Die Dortmunder Marius Wolf und Nico Schlotterbeck etwa, oder den Leipziger Benjamin Henrichs. Flick stimmte mit ein, wenn auch diplomatischer. Er wolle nun einen „Stamm von zehn, zwölf, vierzehn Spielern“ finden und klare Aufgaben und Hierarchien benennen. Das ist zwar eine gute Idee, aber nach zwei Jahren Amtszeit hätte man das längst erwarten dürfen. Und das Qualitäts-Argument von Völler? Zieht nicht so ganz. Blickt man auf Top-Nationen wie Spanien, Italien oder gar Weltmeister Argentinien, erkennt man: Auch die sind längst nicht auf jeder Position mit Weltklasse besetzt. Worum es geht, ist ein funktionierendes Gefüge. Verantwortlich ist dafür der Trainer. Der wiederum kündigte - mal wieder - an, alles genau analysieren zu wollen. Und er versprach, „dass wir im September eine andere Mannschaft sehen“. Die Frage, ob der Mann an der Seitenlinie noch der gleiche sein wird, beantwortete DFB-Präsident Bernd Neuendorf am Mittwoch: Flick soll bleiben.

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