Temperaturen steigen Was der Klimawandel für das Wattenmeer bedeutet
Die Nationalparks Wattenmeer verändern sich - Arten verschwinden, neue tauchen auf. Was tun?
Nordwesten - Die Bedrohung durch den Klimawandel ist überall ein Thema. Besonders deutlich zeigen sich Veränderungen in sensiblen Schutzzonen wie den Nationalparks. In Deutschland gibt es davon gleich 16. Aus einem Ranking der Fundraising-Plattform „RaiseNow“ geht hervor, dass die drei deutschen Nationalparks im Wattenmeer die ersten Plätze in Hinblick auf den Temperaturanstieg belegen. Für diese Studie wurden 1,5 Millionen Datenpunkte zu Erwärmung, Wetterextremen, Rückgang der Baumkronen sowie der Luftqualität in den Nationalparks gesammelt. Dabei beruft sich die Plattform unter anderem auf Daten des Deutschen Wetterdienstes (DWD), des Global Forest Watch und des Umweltbundesamts. Die Messungen zeigen, dass der durchschnittliche Temperaturanstieg über die letzten 40 Jahre in den Nationalparks bei 1,6 Grad liegt – und somit über dem vom Klimaschutzabkommen angestrebten 1,5-Grad-Ziel. Das Wattenmeer in Schleswig-Holstein misst mit 2,4 Grad den höchsten Anstieg, während das Hamburgische Wattenmeer mit 2,2 Grad den zweiten und das Niedersächsische Wattenmeer mit 2,1 Grad in dieser Rubrik den dritten Platz belegt. Zum Vergleich: Im Bayrischen Wald liegt der Anstieg von 1979 bis heute bei einem Grad.
Dr. Johannes Rick, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Alfred-Wegener-Institut, sagt: „Sicher sind 2,4 Grad viel, das will ich nicht runterspielen. In der Arktis haben wir in einigen Gebieten drei Grad Erhöhung. Ich finde immer, diese Schlaglichter müssen in den richtigen Kontext gestellt werden. Wichtig ist, über welchen Zeitraum die Temperaturveränderung gemessen wurde. Und ob die Wasser- oder die Lufttemperatur gemessen wurde.“ Der Wissenschaftler betont, dass die Extremtemperaturen für die Organismen einschneidender sind als der statistische Anstieg. Im heißen Sommer des vergangenen Jahres zum Beispiel sei „das Seegras auf der Wattoberfläche durch die Hitze nahezu gekocht worden“.
Der Kabeljau ist auf dem Rückzug
Die Auswirkungen der Erwärmung sind deutlich zu beobachten: Arten verschwinden. Dazu zählt der Kabeljau. Der Fisch ist an kälteres Gewässer angepasst. Sein Vorkommen nimmt in unserer Gegend ab. Rick: „Dafür entdecken wir andere Arten, die es wärmer lieben. Dazu zählen die Pazifische Auster, neue Planktonalgen oder Fische, die man normalerweise nur im Mittelmeer findet. Auf der einen Seite verschwinden Arten, auf der anderen kommen welche hinzu. Wenn man nur die Artenvielfalt betrachtet, dann könnte man sagen, dass sie gleich bleibt. Aber es gibt natürlich deutliche Veränderungen.“
Als Beispiel nennt der Mitarbeiter des Alfred-Wegener-Instituts die Frühjahrsblüte der Planktonalgen. Sie hängt stark von den Wassertemperaturen im Winter ab. Nach milderen Wintern blühen die Algen später, nach kälteren früher. Das kommt daher, dass in warmen Wintern die Algen durch die filtrierenden Muscheln besser weggefressen werden. Die Muscheln halten das Plankton in Schach und deswegen zieht sich die Algenblüte mehr ins Jahr hinein. Diese Veränderung ist negativ für die Muscheln selbst, die nach wärmeren Wintern früher laichen. Die Muschellarven ernähren sich vom Phytoplankton und finden letztlich weniger Nahrung. Das ist eine Entkopplung, die schlimmer werden wird, wenn es mit den warmen Wintern so weitergeht, sagt der Wissenschaftler.
Es gibt immer mehr Sommersturmfluten
Das Wattenmeer umfasst insgesamt eine Fläche von 14.900 Quadratkilometern. Der Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer ist das größte Schutzgebiet Deutschlands. Seine Fläche von 4380 Quadratkilometern steht seit 1985 unter Schutz. Das Wattenmeer vor der niedersächsischen Nordseeküste wurde ein Jahr später zum Nationalpark erklärt. Mit rund 3450 Quadratkilometern ist es der zweitgrößte. Das Hamburgische Wattenmeer trägt noch einmal knapp 140 Quadratkilometer bei. Michael Kruse ist Leiter der Nationalparkverwaltung im Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein. Er sagt: „Von den Vereinten Nationen beauftragte Studien weisen einen Meeresanstieg von 30 bis 90 Zentimetern bis 2100 auf. Wir wissen von wissenschaftlicher Seite nicht genau, wie hoch das Wasser ansteigen wird. Wir wissen aber, dass es steigt. Wir erkennen darin Vorboten des Klimawandels. Die Werte gehen über die normalen Schwankungen hinaus. Im Bereich des Küstenschutzes reagieren wir auf den gestiegenen Meeresspiegel mit dem Bau von sogenannten Klimadeichen. Die haben ein breiteres Fundament als die bestehenden Deiche. Bei Bedarf können wir dadurch den Deich noch mal erhöhen, dem Ganzen also eine Kappe aufsetzen.“
Der Nationalpark-Chef stellt auch fest, dass die Zahl der sogenannten Sommersturmfluten zunimmt. Die typischen bodenbrütenden Küstenvogelarten wie Seeschwalben und Watvögel, die auf den Sandbänken und in den Salzwiesen vor der Westküste in dieser Jahreszeit brüten, verlieren ihre Gelege durch die Stürme oder die Küken ertrinken.
Zugvögel finden weniger Nahrung
„An sich sind diese Tiere an Schwankungen oder sogar den kompletten Verlust der Brut angepasst. Wenn aber die Häufigkeit der Sommerfluten überdurchschnittlich zunimmt, dann kann das für die Populationen dieser Arten durchaus existenziell bedrohlich werden“, sagt Kruse. Er gibt zudem zu bedenken, dass zweimal im Jahr mindestens zehn Millionen Zugvögel im Wattenmeer rasten, bevor sie zu ihrer Reise in ihre Brut- beziehungsweise ihr Winterquartiere aufbrechen. Sie nutzen das Gebiet, um sich die notwendigen Fettreserven anzufressen. Die Vögel ernähren sich unter anderem von kleinen Schnecken, Würmern und Muscheln.
Projekt „Zukunft Nordsee“
Dieser Beitrag ist Teil des Projekts „Zukunft Nordsee“ von Ostfriesen-Zeitung, General-Anzeiger, Borkumer Zeitung, Nordsee-Zeitung, Kreiszeitung Wesermarsch und Deutscher Presse-Agentur (DPA). In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen, die für die gesamte Küstenregion relevant sind – zum Beispiel mit dem Klimawandel, erneuerbaren Energien, der Entwicklung der Wirtschaft und dem Tourismus. Weitere Beiträge dazu finden Sie hier.
„Wenn sich nun im Frühjahr das Wasser schneller erwärmt, sind die Auswirkungen auf die Nahrungsverfügbarkeit noch gar nicht abzusehen. Womöglich haben in der weiteren Folge die Vögel zu wenig Möglichkeiten, ausreichende Reserven für ihren Weiterzug anzulegen.“
Es geht um ein globales Problem
Als Indiz für die Reaktion auf Klimaveränderungen im Watt mag das Herzmuschelsterben der letzten Jahre dienen. Das Sterben fiel jeweils in eine ungewöhnlich lange, sommerliche Hitzeperiode. Den daraus folgenden Hitzestress überlebten viele Herzmuscheln nicht.
Nach europäischen Maßstäben zählt das Wattenmeer zu den ursprünglichsten und unberührtesten Lebensräumen, die es in Westeuropa noch gibt. Johannes Rick vom Alfred-Wegener-Institut sagt: „Das weltweite Ziel ist, nicht über 1,5 Grad zu kommen. Man kann das Wattenmeer schützen, indem man die Fischerei, die Bebauung und übermäßigen Tourismus einschränkt. Das hat man in der Hand. Aber die Temperatur einfach runterdrehen, das geht nicht. Wir sitzen auf dieser kleinen Erbse im Weltraum und müssen damit zurechtkommen.
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Die Erwärmung der Atmosphäre ist ein globales Problem. Das lässt sich nicht auf unsere Region beschränken. Es muss ein multinationales Bestreben sein, den Kohlendioxidausstoß zu verringern. Da stehen allerdings oft wirtschaftliche Interessen im Weg.“