Eigenanteil erhöht  Platz im Altenheim wird für Senioren deutlich teurer

Hannah Weiden
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Von Hannah Weiden
| 20.06.2023 15:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Eine Pflegefachkraft geht mit einer Bewohnerin durch ein Seniorenheim. Die Kosten für die Versorgung pflegebedürftiger Menschen sind gestiegen. Foto: Sina Schuldt/dpa
Eine Pflegefachkraft geht mit einer Bewohnerin durch ein Seniorenheim. Die Kosten für die Versorgung pflegebedürftiger Menschen sind gestiegen. Foto: Sina Schuldt/dpa
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Pflegebutler betreibt Altenheime in ganz Ostfriesland. Der Angehörige eines Bewohners in Hinte meldete sich bei uns und hat sich über steigende Kosten beschwert. Was sagt der Geschäftsführer dazu?

Hinte - 1500 Euro Rente, 900 Euro Pflegekasse und trotzdem müssen Angehörige für die Betreuung der Eltern im Pflegeheim teilweise sehr tief in die Tasche greifen. So geht es auch einem Leser dieser Zeitung, der lieber anonym bleiben möchte. Sein Vater lebt im Concordia-Wohnpark in Suurhusen (Hinte), der von der Friedeburger Firma „Pflegebutler“ betrieben wird. 850 Euro muss er schon jetzt beisteuern - und nun soll dieser Eigenanteil nochmal „über alle Maßen“ erhöht werden, sagt er.

Informiert wurden die Bewohner und deren Angehörige darüber vergangene Woche bei einer Informationsveranstaltung. „Das war alles völlig intransparent“, sagt der Angehörige gegenüber dieser Zeitung. Vor Ort habe er den Eindruck gehabt, dass auch das Personal verunsichert gewesen sei. Wir haben uns daraufhin bei Pflegebutler gemeldet und um eine Stellungnahme gebeten. Tatsächlich ist demnach eine Preiserhöhung geplant: „Wir müssen leider das nachholen, was andere schon deutlich vor uns gemacht haben“, sagt Jan Zimmerschied, geschäftsführender Gesellschafter.

Gesamtkosten deutlich gestiegen

Im Gespräch mit dieser Zeitung erklärt er, warum dieser Schritt aus seiner Sicht notwendig wurde: Seit September 2022 müssen Pflegeeinrichtungen und Pflegedienste nach Tarifverträgen zahlen, um mit den Pflegekassen abrechnen zu können. Diese gesetzliche Vorgabe hatte noch die alte schwarz-rote Bundesregierung auf den Weg gebracht. „Dadurch sind unsere Gesamtkosten um zehn bis 15 Prozent gestiegen“, sagt Zimmerschied. „Das ist auch in Ordnung so“, schließlich müssten Pflegekräfte fair entlohnt werden.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz beklagte bei der Einführung, dass durch das Gesetz ein „Kosten-Tsunami“ bei den Pflegebedürftigen ausgelöst werden könne. Denn es sei nicht die Gesellschaft, die die Leistungen der Pflegekräfte besser honoriere, sondern es seien oft allein die Pflegebedürftigen, sagte Vorstand Eugen Brysch. „Mit Inflation und explodierenden Energiepreisen türmt sich eine große Welle auf.“ Das könnten neue Zuschüsse zu den Pflegekosten je nach Verweildauer nicht stoppen.

Entlastungen reichen nicht aus

Teil der Pflege-Neuregelungen waren Entlastungen für Heimbewohner. Sie bekommen seitdem neben den Zahlungen der Pflegekasse einen Zuschlag, der mit der Dauer des Heimaufenthalts steigt. Doch selbst zu zahlende Anteile stiegen zuletzt weiter und wurden davon nur teilweise abgefedert, wie eine Auswertung des Verbands der Ersatzkassen ergab. Hintergrund ist, dass die Pflegeversicherung - anders als die Krankenversicherung - nur einen Teil der Kosten für die reine Pflege trägt. Für Heimbewohner kommen noch Kosten für Unterkunft, Verpflegung und Investitionen in den Einrichtungen hinzu.

Laut Jan Zimmerschied bestehen die Ausgaben seines Unternehmens Pflegebutler zu 70 Prozent aus Personalkosten. Hinzu kommen Lebensmittel- und Energiekosten sowie Mieten. „Es ist alles deutlich teurer geworden“, sagt er. „Nicht zuletzt haben wir auch ein Stück weit darauf gehofft, dass die Regierung mit der neuen Pflegereform Maßnahmen ergreift, die die Belastung der Pflegebedürftigen deutlich senkt“, so Zimmerschied. Leider greife das nun verabschiedete Gesetz deutlich zu kurz - es sieht eine Erhöhung der Leistungen um lediglich fünf Prozent vor.

Immer mehr Pflegebedürftige brauchen Sozialhilfe

„Daher bleibt auch uns - wie allen anderen privaten Pflegeanbietern - nichts anderes übrig, als die gestiegenen Mehrkosten an unsere Kunden weiter zu geben.“ Der Geschäftsführer spricht je nach Bereich - Tagespflege, ambulante Pflege oder Mieten ohne Pflege - von Preissteigerungen zwischen zehn und 20 Prozent. „Dies bedeutet für viele unserer Kunden eine Erhöhung von etwa 500 Euro.“

Dafür hat der Angehörige, der sich bei uns gemeldet hatte, nur bedingt Verständnis. Sein Vater bekommt etwa 1500 Euro Rente - der Durchschnitt liegt in Deutschland bei Männern sogar etwas niedriger bei 1200 Euro. 900 Euro übernimmt die Pflegekasse „und dann kommen noch etwa 850 Euro von mir hinzu“. Sollte sich dieser Betrag wie befürchtet um weitere 500 Euro erhöhen, müsse er an das Vermögen seines Vaters - also sein Erbe - gehen.

Nicht jeder Mensch hat ein Vermögen und kann selber für den Eigenanteil aufkommen. Immer mehr pflegebedürftige Menschen rutschen deshalb in die Sozialhilfe ab. „Das ist auch bei uns deutlich zu sehen, dass die Anträge zunehmen“, sagt Jan Zimmerschied.

Viele Einrichtungen in die Insolvenz gerutscht

Die Bundesregierung hat zum 1. Juli eine Pflegereform beschlossen, die weitere Entlastungen für Pflegebedürftige im Heim und Zuhause vorsieht. Viele private Einrichtungen sind in der jüngeren Vergangenheit insolvent gegangen, weil die Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben zu groß wurde. Laut dem Angehörigen, der sich bei uns gemeldet hatte, wurde auf der Informationsveranstaltung ebenfalls kommuniziert, dass der Betrag erhöht werden müsse, weil das Unternehmen sonst pleite gehen würde.

Was sagt der Geschäftsführer dazu? „Wir haben in den letzten Wochen mehrere Informationsveranstaltungen hinsichtlich des Themas Kostensteigerungen abgehalten. Insgesamt haben wir vor sicher mehr als 500 Menschen gesprochen. Ich gehe davon aus, dass hier nicht immer bei allen Teilnehmern alles so verstanden wurde, wie es von uns kommuniziert wurde beziehungsweise kommuniziert werden sollte“, heißt es von Jan Zimmerschied. Das Unternehmen sei nicht insolvenzgefährdet und stehe entgegen der Äußerung des Angehörigen finanziell „stabil“ dar - die Kostensteigerungen habe man aber nicht mehr abfedern können. Mit den Angehörigen wolle man nun Einzelgespräche führen - ein Angebot, auf das auch der Mann zurückkommen wird, der sich an uns gewandt hatte.

Der Concordia-Wohnpark in Suurhusen wird von der Firma „Pflegebutler“ aus Friedeburg betrieben. Gemeinsam mit der „Onesta Holding“ betreibt sie in Ostfriesland und Hessen mehrere Wohnanlagen. „Wir versorgen etwa 1000 pflegebedürftige Menschen in der Region und sind hier seit 2009 kontinuierlich gewachsen“, so Zimmerschied. Die Auslastung in den Heimen liege über 90 Prozent.

Mit Material der dpa

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