Produkte vom Landwirt Wie Addi vom Milchvieh zum Bauernhof-Eis kam
Addi alias Adrian Campen ist Markenbotschafter der Produkte vom Hof seiner Familie in Simonswolde. Dort packen alle mit an – und hätten selbst nicht gedacht, wie eine Eismaschine ihr Leben verändert.
Aurich - Addi, der mit vollem Namen Adrian Campen heißt, steht vor einer großen, grün gestrichenen Holztür. An diesem Seiteneingang des Familienhofes in Simonswolde hängt ein buntes Schild. „Bauernhof-Eis“ steht darauf. Dieses Schild und alles, für das es steht, hat das Leben seiner Familie komplett auf den Kopf gestellt. Damit wurden die Simonswoldmer Milchbauern mit gentechnikfreier Weidemilch zusätzlich zu Eisproduzenten – und noch vielem mehr.
Was und warum
Darum geht es: Immer mehr Landwirte vermarkten ihr Produkte selbst. Die Campens haben einen eher ungewöhnlichen Weg gewählt. Von ihrem Hof kommen nicht nur Milch und Eier, sondern auch Eis aus der eigenen Milch – hergestellt auf dem eigenen Hof in Handarbeit.
Vor allem interessant für: Eisliebhaber und Freunde regionaler Produkte
Deshalb berichten wir: Die Autorin ist schon lange süchtig nach dem Schokoeis und war neugierig auf die Geschichte hinter „Addis Eisliebe“.
Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de
Bauernhof-Eis ist nämlich nicht nur Eis, das auf dem Bauernhof verkauft oder aus der eigenen Milch hergestellt wird. Hinter der grünen Tür befinden sich die Produktionsräume, in denen Addis Mutter die Milch des Hofes eigenhändig in cremiges Eis und Sorbet verwandelt. Und zwar inzwischen in solchen Mengen, dass Anja Campen ihren Job aufgeben hat und in der Hauptsaison – die von April bis Oktober geht – fünf Tage die Woche, acht Stunden und mehr hinter dieser Tür verbringt. Früher führte diese Tür zu einem Partyraum, der musste weichen und wurde für das neue Projekt komplett umgebaut.
Die ganze Familie packt an
Manchmal hat Anja Campen so viel zu tun, dass wie an diesem Tag ihr Mann Frerich mit anpackt, während Teilzeitkraft Sabine Reichel die glänzenden Metalleimer noch sauberer spült. Sie tragen Haarnetze, blitzsaubere weiße Kleidung und Schürzen. Adrian Campen hatte vorgewarnt, dass seine Mutter viel wert auf Hygiene legt. Vorsichtig nähert er sich der glänzenden Metalltür, die den Produktionsraum von der Hygieneschleuse trennt. Bis zur Türschwelle geht er, keinen Schritt weiter.
Ob sie gedacht hätten, dass sie hier einmal stehen und Eis produzieren würden? Frerich Campen lächelt zufrieden und schüttelt den Kopf. Damit konnte wohl niemand rechnen. Vor etwa vier Jahren hatte er mit seiner Frau überlegt, was sie aus der Milch des Hofes herstellen könnten. Viele Landwirte haben schließlich mehrere Standbeine. Mittlerweile sei es üblich, nicht mehr ausschließlich an Molkereien oder andere Großabnehmer zu liefern, sondern bei der Vermarktung zusätzlich eigene Wege zu gehen, erklärt Adrian Campen.
Der Trend zu eigenen Produkten
Die letzte Landwirtschaftszählung des Statistischen Bundesamtes ist zwar schon etwas älter, zeigt aber bereits einen deutlichen Trend. Schon 2020 hatte die Anzahl der Höfe mit einer Direktvermarktung deutschlandweit stark zugenommen. Mit 2.620 Betrieben lag Niedersachsen an vierter Stelle im bundesweiten Ranking. Deutschlandweit hatten 22.840 Betriebe wie die Campens eine Verarbeitung und Direktvermarktung. Die meisten hatten ihren Betriebssitz in Bayern (5.720 Betriebe), in Baden-Württemberg (4.650 Betriebe) und in Nordrhein-Westfalen (2.890 Betriebe). Bei der Erhebung im Jahr 2016 wurden bundesweit noch 10.000 Direktvermarkter gezählt, davon 1100 in Niedersachsen.
Viele Optionen hatten seine Eltern geprüft und sich schließlich für das Eis entschieden. Das praktische war das Konzept hinter der Marke: Eismaschine und Zubehör sowie Schulungen von der Produktion bis zum Marketing bietet das Unternehmen Ice Delite aus dem knapp 1700 Einwohner großen Dorf Hooge Mierde in den Niederlanden an – nahe der Grenze zu Belgien. „Was und wie viel wir herstellen, ist uns überlassen. Wir haben komplett freie Hand“, sagt Adrian Campen. Nur die Marke „Bauernhof-Eis“ sollte draufstehen.
Das Eis hat den Hof umgekrempelt
Begleitet von mehreren Bechern frisch gezapftem Vanilleeis und den Worten seines Vaters – „wenn ihr das Eis so schon lecker findet, müsst ihr es erst einmal frisch aus der Produktion probieren“ – tritt Addi wieder vor die grüne Tür. Er lächelt und schüttelt den Kopf. Dass es so ein Erfolg werden würde, damit hatte wohl niemand gerechnet. Los ging es mit der Produktion im April 2022 – erst verkaufte Addi „Addis Eisliebe“ im eigenen Hofladen, dann ging er Klinken putzen.
Inzwischen steht in mehr als 30 Hofläden in der Umgebung eine Eistruhe mit Bauernhof-Eis – auch zwei Restaurants zählen zu den Kunden. Am Anfang musste Adrian Campen noch Überzeugungsarbeit leisten. Irgendwann wurde es ein Selbstläufer. In der Marketingschulung der Systemlieferanten hatte man empfohlen, direkt an die großen Supermärkte und Ketten zu gehen und das Eis dort zu platzieren. Aber Adrian Campen mag das Selbstverständnis, mit dem die Hofladen-Kunden die Qualität der Produkte aus der Region würdigen – und wertschätzen.
Es kam immer mehr dazu
Das Eis ist nicht das einzige neue Standbein des Hofes. Eines von Adrian Campens ersten Projekten war das Hühnermobil, das vom Auricher Graffiti-Künstler Tim Write gestaltet wurde. Dann kam der kleine Hofladen „Addis Hofkiste“, der schnell zu klein wurde für seine ganzen Ideen. Jetzt steht ein zweites – mehr als doppelt so großes Holzhaus auf der anderen Seite der Einfahrt. Demnächst ziehen die Gebäude neben die Hühnerweide – zusammen mit einer Raststation.
Zu Eiern, Milch und Eis kamen weitere Produkte. Eine Nudelmanufaktur stellt aus den Eiern des Hofes Nudeln her, eine rollende Käserei aus der Milch der Simonswoldmer Kühe Käse. Es gibt Kuchen im Glas, Eierlikör und seit neuestem auch Trinkmilch mit Schoko-, Vanille- und Erdbeergeschmack. In der Geschwindigkeit, in der Adrian Campen davon berichtet, was sich alles in den letzten Jahren verändert hat, hat sich auch das Leben der Familie geändert.
Der Anreiz kam in einem Lehrbetrieb
Der Anreiz, Neues auszuprobieren, sei bei ihm im dritten Lehrjahr seiner Ausbildung zum Landwirt gekommen. Das verbrachte der auf dem Hof von Johannes Erchinger in Leer-Logabirum. Der Agraringenieur zieht Duke-of-Berkshire-Ferkel in Freilandhaltung. „Die Art der Vermarktung hat mich inspiriert“, sagt Adrian Campen. Es geht um hochwertiges Fleisch in Kombination mit einem Vertriebsweg, der das würdigt. So lernte Campen, Landwirtschaft anders zu denken. „Ich lerne jeden Tag dazu und es gibt noch viele Ideen“, sagt der 25-Jährige.
Der eigene Hofladen war für ihn anfangs eigentlich eher ein Hobby – aber mit dem Sortiment wuchs der Aufwand. Jetzt gibt es dort auch viele Produkte von anderen kleinen Produzenten aus der Region – vom Fleisch, über Kaffee bis zum Honig. Campens Blick fällt auf die Grillkohle, die neben der Kühlung für das Grillfleisch auf Käufer wartet. Er nickt in die Richtung: „Sogar die läuft gut.“ Viele im Dorf würden seinen Hofladen zum Einkaufen nutzen und für das Eis kämen die Kunden auch von weiter weg nach Simonswolde.
Alle sind „Addis Eisliebe“
Adrian Campen guckt auf die Uhr. Es ist schon fast wieder Zeit, zu melken. „Allein wäre das alles gar nicht machbar“, sagt er. Auf dem Hof leben 350 Hühner und 130 Milchkühe, dazu kommen Addis Hofkiste und Addis Hofladen, natürlich die „Addis Eisliebe“-Produktion und die ganzen anderen Produkte. Vertrieb und Marketing sind die Aufgabe von Adrian Campen. Deshalb ist er das Gesicht und sein Spitzname die Marke für alles, was vom Hof stammt. Das kommt bei den Kunden an.
Aber alle stehen hinter der Marke Addi und packen mit an. Oma Hannelore füllt mehrmals täglich die beiden Hofläden nach. Freundin Swantje hat er für die Kühe eingestellt. Seine Mutter schwingt das Zepter beim Eis und sein Vater ist überall, wo er gebraucht wird. „Jeder hat seine Aufgaben“, sagt Adrian Campen. Den Partyraum vermisst er nicht. Gefeiert wird jetzt eben anders. Zu seinem kleinen Hofweihnachtsmarkt im vergangenen Jahr kamen 600 Gäste. Geladen hatte er unverbindlich über soziale Medien. Adrian Campen schüttelt wieder beinahe ungläubig den Kopf. Wie so oft, wenn er davon erzählt, was alles passierte, seit die Campens die Landwirtschaft anders denken.
Auricher Ehepaar und der schwere Weg zur Bio-Schweinehaltung
So schmeckt Ostfriesland
Für Tourismus wäre großes Milchkuh-Schwinden ein Problem