Nach Predigt auf Kirchentag  Gott ist queer? Wiesmoorer Pastor erntet Kritiksturm

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 15.06.2023 18:46 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Quinton Ceasar aus Wiesmoor bei seiner Predigt während des Abschlussgottesdienstes in Nürnberg. Foto: DEKT/Bongard
Quinton Ceasar aus Wiesmoor bei seiner Predigt während des Abschlussgottesdienstes in Nürnberg. Foto: DEKT/Bongard
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Mit kontroversen Thesen im Abschlussgottesdienst des Kirchentags in Nürnberg hat Quinton Ceasar für Aufruhr gesorgt und ist massiv angefeindet worden. Worum geht es dabei?

Wiesmoor/Nürnberg - Der Wiesmoorer Pastor Quinton Ceasar ist mit Aussagen in seiner Abschlusspredigt auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Nürnberg am vorigen Wochenende zum Ziel von Internethetze geworden. Er sieht sich einer Welle von Hasskommentaren ausgesetzt. Der in Südafrika geborene Geistliche hatte in seiner im Fernsehen übertragenen Predigt für den Kampf gegen den Klimawandel, für mehr Toleranz unabhängig von Hautfarben und sexuellen Vorlieben geworben. Er, der sich als Aktivist bezeichnet, hatte Rassismus angeprangert und gesagt, es gebe Menschen, für die Kirchen keine sicheren Orte seien. Ceasar forderte Solidarität mit angefeindeten Homosexuellen, Flüchtlingen und Klimaaktivisten.

Gesagt hatte er: „Jetzt ist die Zeit zu sagen: Wir sind alle die Letzte Generation.“ Menschen sollten sich an der befreienden Liebe Jesu Christi festkleben. Er sagte weiter: „Jetzt ist die Zeit zu sagen: Black lives always matter (Anm. d. Red.: Die Leben Schwarzer sind immer wichtig). Jetzt ist die Zeit zu sagen: Gott ist queer.“ Queer ist der Sammelbegriff für alle sexuellen Vorlieben über die Anziehung von Mann und Frau hinaus, also für Menschen, die etwa schwul, lesbisch, bi-, trans-, oder intersexuell sind. Jetzt sei auch die Zeit zu sagen, man überlasse niemanden dem Tod, etwa Flüchtlinge. „Jetzt ist die Zeit zu sagen: Wir schicken ein Schiff und empfangen Menschen in sicheren Häfen.“ Er warb für Veränderungen in Kirche und Gesellschaft, für den Abschied vom klassischen Denken, dass Heterosexualität eine Norm sei. Die Menschen hierzulande sollten ihre Privilegien nutzen, um möglichst vielen anderen Menschen zu helfen.

„Was hat der denn geraucht?“

Für seine Predigt erhielt der Wiesmoorer viel Applaus vor Ort, auch durchaus viel Lob in sozialen Medien – aber zugleich gehörigen Gegenwind. Und angeblich privat sogar Hassnachrichten. Mehrfach äußerten Kommentatoren in sozialen Netzwerken „Jetzt ist die Zeit, um aus der Kirche auszutreten“. Andere schrieben unter anderem: „Jetzt ist die Zeit zu sagen: Ihr habt gehörig einen an der Waffel!“ Luther würde sich im Grabe umdrehen. „Sofort einweisen!“ „Was hat der denn geraucht?“

Die Worte Ceasars seien widerlich, anbiedernd, die „Krönung der Debilität“ und „Gotteslästerung“. Christen bräuchten keinen „grün-woken Vulven-Malkurs“. Der Geistliche spanne „Gott vor seinen politischen Karren“. Er spaltet, statt zu versöhnen. (…) Gott ist für alle da, gleich welche politischen Ansichten sie haben“, heißt es weiter. Die Kirche sei mit Ceasars Rede „ganz unten angekommen: sinnentleert, säkularisiert, jeglicher christlicher Inhalte beraubt, verraten, verkauft, lächerlich und peinlich“, eine abstoßende linksgrüne Nichtregierungsorganisation und mehr.

„Gott ist queer? Ist er dann auch hetero?“

Der Kirchenpräsident der Landeskirche Anhalt, Joachim Liebig, konterte Ceasar gegenüber dem MDR: „Gott ist natürlich nicht queer, das ist eine Einschränkung, die Gott in keiner Weise gerecht wird.“ Er nehme die Wut Ceasars und auch seine Forderungen hin. „Aber er unterstellt mir ja als altem weißen Mann, dass ich schon das eigentlich gar nicht sein dürfte, das ärgert mich dann tatsächlich persönlich, als theologische Ungenauigkeit und auch letztlich aus Ausgrenzung, die uns als Kirche nicht guttut.“

Martin Kaminski, Pastor in der Kreuzkirchengemeinde in Marcardsmoor und selbst über einige Zeit in Wiesmoor als Pastor aktiv, reagierte ähnlich und sagte auf Nachfrage: „Ich kenne Quinton Ceasar nicht persönlich. Daher war ich durchaus gespannt auf seine Predigt.“ An manchen Stellen habe er sich aber gefragt, ob das eine Predigt sei. „Gott ist queer? Ist er dann auch hetero? Oder bi? Gott ist Liebe. In Predigten begrüße ich klare Worte. Polarisierende Aussagen finde ich unpassend. Predigten dürfen Menschen aufrütteln. Aber sie sollten nicht spalten.“ Er befürchte, dass Gespräche über die genannten wichtigen Themen so eher schwieriger würden. Zudem frage er sich, „was dies für die Gemeinden vor Ort bedeutet“. Der Emder Regionalbischof Dr. Detlef Klahr sagte auf Nachfrage: „Hass ist keine Meinung und auch kein Dialog. Dass Predigten unterschiedlich aufgefasst werden können, ist normal. Aber Hass ist kein Weg.“

„Die Welle von Hass habe ich nicht erwartet“

Quinton Ceasar äußerte gegenüber dem Evangelischen Pressedienst (EPD), die heftigen Reaktionen hätten ihn überrascht. Ihm sei schon bewusst gewesen, dass nicht alle Menschen seine Äußerungen vorbehaltlos teilen. „Aber diese Welle voll Hass habe ich nicht erwartet.“ Vor allem aus dem fundamentalistisch-evangelikalen Spektrum habe er „krasse Posts erhalten – auch von prominenten Influencern aus dieser Szene“. Um Ceasar und seine Familie zu schützen, wurden die Internetseiten seiner Kirchengemeinde vorübergehend abgeschaltet. Dass er mit seiner Aussage „Gott ist queer“ so angeeckt sei, habe ihn überrascht. Vielmehr habe er mit Kritik an seiner Auslegung gerechnet, dass Jesus die Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge fordere.

Kirchentagspräsident Thomas de Maizière und Generalsekretärin Kristin Jahn sagten in einem Statement am Mittwochabend, sie verurteilten den Hass und die persönlichen Angriffe aufs Schärfste. Angriffe auf jene, die berechtigt Rassismus und Diskriminierung in der Kirche anprangern, entbehrten jeder Form von Anstand und Streitkultur und seien „zutiefst unchristlich“.

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