Neurochirurg zeigt Folgen auf  „Wer ohne Helm fährt, ist fahrlässig und egoistisch“

Ute Nobel
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Von Ute Nobel
| 16.06.2023 12:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Dr. Shadi Salem ist der leitende Arzt der Neurochirurgie im Ludmillenstift in Meppen. Foto: Krankenhaus Ludmillenstift Meppen
Dr. Shadi Salem ist der leitende Arzt der Neurochirurgie im Ludmillenstift in Meppen. Foto: Krankenhaus Ludmillenstift Meppen
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Dr. Shadi Salem behandelt Menschen mit schweren Kopfverletzungen. Oft sind es Radfahrer, die ohne Helm gestürzt sind. Und oft bleiben sie ein Leben lang beeinträchtigt.

Ostfriesland/Meppen - Wer in Ostfriesland mit dem Rad stürzt und sich dabei schwerste Kopfverletzungen zuzieht, wird häufig zuerst auf der Intensivstation im örtlichen Krankenhaus versorgt und dann verlegt, zum Beispiel nach Meppen. Im Krankenhaus Ludmillenstift ist die Neurochirurgie auf solche Unfälle spezialisiert. Leitender Arzt ist dort Dr. Shadi Salem. „Bei meinem vorletzten Dienst hatte ich gleich drei Patienten mit sehr schweren Kopfverletzungen - zwei davon waren E-Bike-Fahrer, einer war mit einem Elektroroller unterwegs, alle ohne Helm“, erzählt der Mediziner. Er sieht fast täglich die Folgen, die so ein Sturz fürs menschliche Gehirn haben kann. Die meisten Patienten, die nach einem Radsturz eingeliefert werden, haben keinen Helm getragen.

Schädigung des Hirns bereits beim Sturz

Man unterscheide drei Grade der Hirnverletzungen, erklärt Salem, der seit 18 Jahren Neurochirurg ist.

Verletzungen ersten Grades: Der Patient erleidet eine Gehirnerschütterung, aber keine Hirnblutungen und ist nur kurz benommen.

Verletzungen zweiten Grades: Der Patient ist unter 30 Minuten lang bewusstlos und hat Hirnblutungen.

Verletzungen dritten Grades: Der Patient hat Hirnblutungen, der Bewusstseinsverlust dauert länger als 30 Minuten.

Die meisten Patienten, die Salem behandelt, haben Verletzungen zweiten oder dritten Grades erlitten. „Die Schädigung des Gehirns tritt schon auf, wenn der Unfall passiert, also beim Sturz, nicht erst hinterher“, sagt Salem. Wenn die Zellen einmal kaputt sind, könne man sie nicht wieder herstellen. „Man muss dann mit Dauerfolgen rechnen, wie zum Beispiel Sprachstörungen, Lähmungen oder Gedächtnisverlust“, so der Mediziner. „Ohne Helm bekommt der Schädelknochen die volle Wucht des Aufpralls an einer Stelle ab“, erklärt Salem. Mit einem Helm werde der sogenannte Trauma-Fokus strahlenartig auf den Kopf verteilt - und könne damit abgedämpft werden. „Voraussetzung ist, dass der Helm richtig auf dem Kopf sitzt“, sagt Salem. Zwischen Gurt und Kinn dürfe maximal ein Fingerbreit Platz sein.

„Man muss auch an seine Familie denken“

Ein besonders hohes Risiko für schwere Verletzungen haben nach Angaben von Salem ältere Herren. „Die nehmen wegen ihres Herzens oft Blutverdünner“, sagt er. Dadurch sei das Risiko für Hirnblutungen noch höher. Und noch ein weiterer Risikofaktor komme hinzu. „Wir müssen die Medikamente dann sofort absetzen, der Patient kann also jederzeit einen Herzinfarkt bekommen“, so der Arzt. Einer der Patienten aus dem Dienst, den Salem angesprochen hat, habe Blutverdünner genommen. „Er liegt beatmet und im künstlichen Koma auf der Intensivstation. Wir wissen nicht, ob er wieder zu sich kommt.“ Es habe durch den Blutverdünner Hirnblutungen „in allen Ecken“ gegeben. „Es kann sein, dass er eine lebenslange Beeinträchtigung haben wird“, sagt der Neurochirurg.

Und genau das sei eben nicht nur für den Patienten schlimm. „Wer ohne Helm fährt, ist fahrlässig und egoistisch“, findet er. Denn nicht selten blieben nach Hirnverletzungen irreperable Schäden. „Es kann auch sein, dass ein Patient pflegebedürftig wird. Man muss dabei doch auch an seine Familie denken. Besonders in Zeiten des Pflegenotstands“, sagt der Arzt. Außerdem belegen diese Patienten wichtige Intensivplätze. „Obwohl sie das mit einem Helm hätten verhindern können.“

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