Den Haag  3000 niederländische Landwirte sollen ihre Betriebe schließen

Helmut Hetzel
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Von Helmut Hetzel
| 14.06.2023 16:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Nach den USA sind die Niederlande der zweitgrößte Exporteur von Agrarprodukten weltweit. Wegen der Stickstoff- und Umweltpolitik der Regierung fürchten tausende Landwirte um ihre Existenz. Foto: dpa/ANP/Bart Maat
Nach den USA sind die Niederlande der zweitgrößte Exporteur von Agrarprodukten weltweit. Wegen der Stickstoff- und Umweltpolitik der Regierung fürchten tausende Landwirte um ihre Existenz. Foto: dpa/ANP/Bart Maat
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Um den Stickstoff-Ausstoß zu reduzieren, sollen 3000 Landwirte ihre Betriebe aufgeben. Dafür will die Haager Regierung um Premier Mark Rutte die Bauern mit hohen Kompensationen locken. Doch der Widerstand ist groß.

Niederländische Landwirte haben in diesen Tagen schlaflose Nächte. Sie quälen sich mit der Frage: Aufhören oder weitermachen? Denn die Haager Regierung lockt die Landwirte mit hohen Abfindungsprämien, die Agrarproduktion in ihren Betrieben einzustellen. Warum? Weil die landwirtschaftlichen Betriebe für den viel zu hohen Stickstoff-Ausstoß in den Niederlanden mitverantwortlich sind.

Umwelt- und Stickstoffministerin Christianne van der Wal will daher mindestens 3000 Bauernhöfe in den Niederlanden schließen. Sie bietet den Bauern Abfindungen von mindestens 100 Prozent und maximal 120 Prozent des Marktwertes ihrer Betriebe an, wenn sie beispielsweise die Vieh-oder Schweinezucht oder die Milchproduktion beenden.

Die Regierung hat es vor allem auf „Piekbelaster“ abgesehen, die Spitzenverschmutzer. Damit sind landwirtschaftliche Betriebe gemeint, die näher als 25 Kilometer an Naturschutzgebieten liegen und deren Stockstoff-Ausstoß mehr als 2500 Mol (Maßeinheit für die Stickstoffmasse) beträgt. 60 Prozent der betroffenen Betriebe liegen in der Provinz Gelderland an der Grenze zu Deutschland.

Zur Ermittlung entsprechender Betriebe ließ Ministerin Van der Wal die Webseite „aanpakpiekbelasting.nl“ einrichten, auf der Landwirte nach Eingabe ihrer Betriebsdaten erfahren, ob sie „Piekbelaster“ sind oder nicht.

Doch nicht alle Bauern wollen vor der Regierung blank ziehen: „Ich mache meinen Laptop nicht auf, um mich auf dieser Webseite einzuloggen. Ich gebe meinen Betrieb nicht auf. Ich mache weiter,“ sagt der 41-jährige Milchbauer Bas ten Hove. „Wenn ich alle Daten meines Betriebes auf dieser Webseite eingebe, dann weiß die Regierung alles über mich und meinen Betrieb. Das will ich vermeiden. Ich fürchte auch, dass ich nicht ausreichend kompensiert werde.“ Sein Milchbauernhof ist nur 600 Meter von einem Naturschutzgebiet entfernt. Höchstwahrscheinlich fällt sein Betrieb damit in die Kategorie Spitzenvermschmutzer.

Bäuerin Gerda van den Heuvel, die gemeinsam mit ihrem Mann auf ihrem Hof Kälber züchtet, lehnt die Abfindungsofferte der Haager Regierung ebenfalls ab: „Das ist ein schwarzer Tag für uns Bauern. Wir haben unseren Hof modernisiert und beispielsweise den Ammoniak-Ausstoß durch Säuberungsanlagen drastisch reduziert. Die Regierung bietet uns auch keine Alternativen an. Was sollen wir denn machen, wenn wir die Kälberzucht einstellen? Diese Ungewissheit ist schlimm.“

Das Misstrauen unter den niederländischen Landwirten gegenüber der Haager Abfindungsprämie ist groß. Wird es überhaupt 3000 Landwirte geben, die sich „freiwillig“ melden? Und wenn nicht, werden die Landwirte dann enteignet? Viele fürchten es.

Im Agrar-Business sind die Niederlande allerdings nicht irgendwer. Nach den USA sind die Niederlande der zweitgrößte Exporteur von Agrarprodukten der Welt. Rund 54.000 niederländische Agrarbetriebe exportierten nach Angaben des Zentralamtes für Statistik CBS exportierten im vergangenen Jahr Waren im Wert von rund 98 Mrd. Euro ins Ausland. Überall auf der Welt werden Schweine, - Kalb, - oder Hähnchenfleisch, Tomaten, Paprika und Gurken aus den Niederlanden verkauft. Mit 20 Millionen Schweinen beheimaten die Niederlande sogar knapp 3 Millionen mehr Schweine als Einwohner.

Der Hauptgrund für den relativ hohen Stickstoffausstoß in den Niederlanden ist die intensive Massentierhaltung. Viele Bauern fürchten nun allerdings um ihre Existenz. Der Unmut über die drastische Stickstoff-Politik der Regierung ist nicht nur unter Bauern groß. Das zeigt sich bei den letzten Provinzwahlen im März, bei denen die Protest-Partei „BoerBurgerBeweging BBB,“ die Bauern-Bürger-Bewegung, aus dem Stand zur stärksten Kraft wurde.

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