Von Intensivstation zurück ins Leben Nach Radsturz ohne Helm – wie ein Emder wieder laufen lernen musste
Albert Peters aus Emden war sein Leben lang Helm-Gegner. Bis er im Dezember 2016 auf der Intensivstation des Emder Krankenhauses zu sich kommt.
Ostfriesland/Emden - Neulich hat die Redaktion einen Leserbrief erhalten. Darin wetterte ein Mann über „das Märchen vom ,Lebensretter Fahrradhelm‘“. Vor ein paar Jahren hätte auch Albert Peters aus Emden diese Zeilen verfassen können. Denn der 64-Jährige war sein Leben lang Helm-Gegner. Bis zu einem Tag im Dezember 2016, an dem er mit schweren Kopfverletzungen auf der Intensivstation des Emder Krankenhauses zu sich kommt. Der Grund dafür: ein fehlender Fahrradhelm.
Zurück ins Jahr 2016: Albert Peters fährt schon immer gerne Rad. Durch Emden, am Deich entlang, sich den Wind um die Nase wehen lassen. Wann immer es geht, steigt er lieber aufs Rad statt ins Auto – immer ohne Fahrradhelm. Seine Frau bittet ihn mehrfach, einen Helm zu tragen. „Aber das schränkt zu sehr ein, habe ich damals gedacht, diese Freiheit wollte ich mir nicht nehmen lassen“, erzählt Peters rückblickend.
Am 16. Dezember 2016 gibt es eine Firmen-Veranstaltung, auf die er eingeladen ist. Der Emder greift zu seinem liebsten Verkehrsmittel, dem Rad, und fährt am frühen Abend los. Gegen 23 Uhr ist die Veranstaltung zu Ende, Peters macht sich wieder auf den Heimweg. Wie immer ist er ohne Helm unterwegs. Es ist dunkel und kühl, glatt sind die Wege in dieser Nacht aber nicht. Er fährt am Schützenplatz vorbei. Von hier aus sind es noch zehn Minuten Radweg bis zu seinem Zuhause. Doch dort kommt Albert Peters in dieser Nacht nicht mehr an. An die nächsten Stunden und Tage wird er sich nicht erinnern können.
Mit Schädel-Hirn-Trauma auf die Intensivstation
Er stürzt. Sein Kopf schlägt auf dem Radweg auf. Sein Schädel bricht. Ein Spaziergänger findet den schwer verletzten Radfahrer wenig später. Albert Peters ist zu diesem Zeitpunkt bereits bewusstlos. Er wird in das Klinikum Emden gebracht, die Diagnose: Schädel-Hirn-Trauma und schwere Hirnblutungen. Auf der Intensivstation schlägt er ab und zu die Augen auf, ist orientierungslos, verliert wieder das Bewusstsein.
Nach einigen Tagen ein erstes Aufatmen: Peters’ bis dahin kritischer Zustand verbessert sich ein wenig, er hat längere Wachphasen, weiß, dass er im Krankenhaus ist, und erkennt sogar seine Frau. Sein Gehirn funktioniert allerdings nicht mehr wie vorher. „Ich habe richtig gemerkt, wie Körper und Geist zusammenspielen“, sagt der Emder heute. Oder eben nicht zusammenspielen – denn Albert Peters ist aufgrund seiner schweren Kopfverletzungen zunächst stark eingeschränkt. Er kann keine zusammenhängenden Gespräche führen, hat Gedächtnislücken und kann einfache Befehle nicht umsetzen. „Man konnte mir zum Beispiel nicht sagen: Iss das Brot. Man musste dann sagen: Nimm das Brot in die Hand, jetzt steck dir das Brot in den Mund“, erzählt der heute 64-Jährige. „Ich war nicht klar im Kopf.“ Und auch sein Körper lässt sich nicht mehr so steuern wie gewohnt – er kann weder laufen noch auf eigenen Beinen stehen. Über die Weihnachtsfeiertage im Jahr 2016 bleibt Peters auf der Intensivstation. Kurz vor dem Jahreswechsel wird er nach Lingen transportiert, um dort eine Reha zu machen – liegend, denn nach wie vor lassen sich seine Beine nicht von seinem Kopf steuern.
In Lingen kämpft er sich mit Hilfe der Therapeuten hoch, zunächst in den Rollstuhl, dann auf den Rollator. Zwischendurch darf er einen Tag lang nach Hause – und sieht zum ersten Mal sein vom Sturz beschädigtes Fahrrad. „Da hatte ich große Berührungsängste, das war ein komisches Gefühl“, erzählt der Emder. Zurück in Lingen bittet er die Therapeuten, ihm ein Rad zur Verfügung zu stellen und mit ihm zu üben. Insgesamt acht Wochen verbringt Peters in der Klinik in Lingen – und vollbringt ein kleines Wunder: Er verlässt die Einrichtung nicht nur auf eigenen Beinen, sondern ist auch in der Lage, wieder Rad zu fahren.
Folgen des Unfalls noch heute zu spüren
„Dass ich das geschafft habe, hätten einige Leute nicht für möglich gehalten. Das hat ganz viel mit Lebenswillen zu tun“, sagt Peters. Es folgen weitere Rehabilitationen in verschiedenen Kliniken, regelmäßig hat der Emder Termine für Physiotherapie, Ergotherapie und neurologische Psychologie. Peters besuchte noch einmal die Intensivstation im Emder Krankenhaus, um sich zu bedanken. „Die haben sich alle mit mir gefreut und konnten es gar nicht glauben, was ich für Fortschritte gemacht habe.“ Ein Bekannter sagt irgendwann zu ihm: „Mensch, du bist ja wieder der Alte.“ Das veranlasst den Emder zum Nachdenken. „Einerseits bin ich stolz, was ich geschafft habe. Andererseits zeigt es, dass ich eben lange Zeit nicht der Alte war und was das alles mit mir gemacht hat“, sagt Peters.
Auf den ersten Blick ist Albert Peters tatsächlich wieder der Alte. „Ich habe gelernt, dass man immer wieder aufstehen muss. Und dass man seinen Humor nicht verlieren darf“, sagt er. Doch einige Probleme bleiben nach dem Unfall und halten weiter an. „Das ist eine nachhaltige Geschichte.“ Noch heute hat er zwischendurch Konzentrationsschwierigkeiten und Erschöpfungszustände, manchmal will das Gedächtnis nicht so, wie er will. Er fährt ein bis zweimal im Jahr in die Reha. Und was noch bleibt, nach dem schweren Unfall, ist die Frage: Wie konnte das passieren? „Da habe ich oft drüber nachgegrübelt. Alkohol war nicht im Spiel. Glatt war es auch nicht. Ob es ein Tier war? Oder nasses Laub? In der Therapie wurde mir geraten, den Gedanken loszulassen, man wird nicht mehr herausfinden, wie es passiert ist“, sagt Peters. Hingegen sicher ist sich der 64-Jährige mittlerweile, dass ein Helm ihm in der Situation geholfen hätte. „Man kann sich an fünf Fingern abzählen, dass es mit Helm nicht so schlimm gewesen wäre. Deshalb trage ich das Ding seitdem immer. Auch, wenn ich manchmal lieber ohne unterwegs wäre.“