Energieträger der Zukunft  So sieht unser Alltag mit Wasserstoff aus

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 14.06.2023 09:59 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Terravent Geschäftsführer Jens Rötteken (links) und Projektentwickler Eugen Firus vor einem Wasserstoff-Fahrzeug. Stünde es nicht drauf, könnte man es von anderen modernen Autos kaum unterscheiden. Foto: Böning
Terravent Geschäftsführer Jens Rötteken (links) und Projektentwickler Eugen Firus vor einem Wasserstoff-Fahrzeug. Stünde es nicht drauf, könnte man es von anderen modernen Autos kaum unterscheiden. Foto: Böning
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Wie wird der neue Energieträger unser Leben verändern? Zum Tag des Wasserstoffs im EEZ in Aurich am Freitag erklären zwei Organisatoren was auf Ostfriesland zukommt.

Aurich/Leer - Wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Das könnte die Überschrift dafür sein, wie sich Wasserstoff einmal in unserem Alltag bemerkbar machen wird – und es teilweise bereits tut. Wasserstoffautos sehen zum Beispiel aus, wie andere Autos auch, sagt Eugen Firus. Es gebe kaum etwas, an dem man sie erkennen könnte, wenn nicht gerade ein Aufkleber die Sache leicht macht. Nicht einmal bei der Reichweite oder der Tankdauer gibt es große Unterschiede. Genau das schätzt der Projektentwickler des Leeraner Unternehmens Terravent am Energieträger der Zukunft. „Ich finde es gut, wenn wir die Menschen dort abholen, wo sie sind“, sagt er. Eine große Umgewöhnung wird das Leben mit Wasserstoff also offenbar nicht, oder doch?

Tag des Wasserstoffs gibt Ausblick

Als eines der Unternehmen im Konsortium H2Nord ist Terravent mit den andern Gründern, GP Joule und der Brons Group, dabei, Wasserstoff als Energieträger in Ostfriesland bekannt zu machen. Ein Baustein auf dem Weg dorthin ist die jährliche Woche des Wasserstoffs, die noch bis zum 18. Juni läuft. Zum zweiten Mal ist auch Ostfriesland mit Veranstaltungen dabei. Eine davon ist der „Tag des Wasserstoffs“ am Freitag, 16. Juni, in Aurich. In der Zeit von 10 bis 16 Uhr können sich alle Interessierten im Energie Erlebnis Zentrum (EEZ) darüber informieren, wie und wann Wasserstoff ihr Leben verändern wird.

Wasserstoff zum Heizen

Noch unmerklicher, als beim Auto, könnte sich in Zukunft der Wandel beim Heizen vollziehen, sagt Terravent Geschäftsführer Jens Rötteken. Erdgas-Versorgungsleitungen könnten zum Beispiel ebenfalls gasförmigen Wasserstoff transportieren. Die modernen Gasheizungen würden dann statt mit Erdgas mit Wasserstoff laufen. „Das ist ein Grund, warum es eigentlich schade ist, dass neue Baugebiete inzwischen ohne Erdgasanschluss geplant werden“, fügt Eugen Firus hinzu. Auch wenn Wasserstoff in den Hausleitungen noch eine entfernte Zukunftsmusik ist.

Energie für die Wasserstoff-Produktion

Bevor er dort nämlich fließen kann, muss er erst einmal hergestellt werden. „Am besten in der Region“, sagt Eugen Firus, wenigstens für die Grundversorgung. Ostfriesland sei mit seiner Dichte an regenerativer Energie dafür wie geschaffen. Denn das erklärte Ziel ist, grünen Wasserstoff herzustellen. Der wird mit Strom aus erneuerbaren Energien wie Wind und Sonne produziert. Denn so praktisch der reaktionsfreudige neue Energieträger ist. Seine Produktion ist energieaufwändig und sie wäre ohne Sonnenenergie und Windkraft nicht CO2-arm möglich, gibt Rötteken zu bedenken. Ein eigens für die Wasserstoff-Produktion geplantes Kraftwerk ist der 90 Hektar große Solarpark im Wybelsumer Polder. Terravent ist Teil der Betreibergesellschaft Energiepark Emden, die diesen etwa 67 Millionen teuren Park 2025 in Betrieb nehmen möchte.

Die erste Produktionsanlage für Wasserstoff

Die erste dazugehörende Produktionsanlage wird in Kürze in der Frisiastraße in Emden gebaut und soll sogar noch vor dem Solarpark fertig sein. Für den Elektrolyseur mit einer Elektrolyseleistung von zehn Megawatt sind die Förderbescheide bereits eingegangen. „Es ist wie bei der Windkraft früher: Ohne Förderung geht am Anfang kaum etwas“, sagt Eugen Firus. Noch sind die Anlagen und auch der Wasserstoff selbst teuer. Das Investitionsvolumen der H2Nord liegt für den Elektrolyseur bei rund 20 Millionen Euro. Mit allein acht Millionen Euro beteiligt sich das Umweltministerium des Landes Niedersachsen.

Von der Anlage zur Tankstelle

„Die Zukunft ist auf Strom ausgerichtet“, sagt Jens Rötteken und fügt hinzu: „Die Produktion von Wasserstoff ist eine gute Möglichkeit, ihn zu nutzen, wenn er im Überfluss verfügbar ist.“ Das bedeutet: Auch wenn dann, wenn die Sonne scheint oder der Wind weht, nicht so viel Strom benötigt wird, müssen die Kraftwerke nicht gedrosselt werden. Stattdessen könnte mit dem Strom Wasserstoff produziert und die Energie dadurch langfristig speicherbar werden. Zehn Megawatt bilden die erste Ausbaustufe der insgesamt geplanten 50 Megawatt Elektrolyseleistung. Wie der dort gewonnene Wasserstoff verwendet werden soll, steht bereits fest: Mit eingeplant ist eine Befüllanlage für mobile Wasserstoffspeicher, mit denen der grüne Treibstoff unter anderem zu den drei in Ostfriesland geplanten Wasserstoff-Tankstellen in Emden, Georgsheil und Aurich transportiert werden soll.

Wasserstoff kommt in Schwung

Unter dem Dach von H2Nord und bei den daran beteiligten Unternehmen ist bis zum Abnehmer am Ende der Zapfsäule bereits alles in Planung. Vor allem für Transportfahrzeuge der örtlichen Unternehmen im Schwerlastverkehr und den Öffentlichen Personennahverkehr soll der erste Wasserstoff produziert werden. Zwei Busse sind bereits für den Einsatz bei der Kreisbahn Aurich bestellt. Nachdem sie im Sommer 2024 ihren Dienst als Shuttle bei den Olympischen Spielen in Paris geleistet haben, ist ihr nächster Stopp die Kreisstadt Aurich. Hier sollen sie als Überlandbusse für weitere Strecken eingesetzt werden. Ihr Vorteil: „Während man reine Elektroautos eher im Stadtverkehr nutzen kann, ist Wasserstoff auch für weitere Strecken geeignet“, sagt Eugen Firus. Auch wer mit dem Auto weit fahren muss, für den hat das Wasserstoffauto mit seiner Reichweite ein echtes Verkaufsargument. „Es warten schon viele darauf, dass es hier mit dem Wasserstoff endlich losgeht“, sagt Firus. Jetzt kommt endlich Bewegung in die ersten Projekte.

Wasserstoff-Fahrzeuge

„Wir sind in der Phase, in der erste Projekte umgesetzt werden. Verträge werden geschlossen und Komponenten bestellt“, so Firus. Der erste Elektrolyseur soll schon im nächsten Jahr fertig sein: Der Bauantrag wurde bereits gestellt. „Gleichzeitig fährt der Markt jetzt hoch“, sagt Eugen Firus. Das heißt, zeitgleich mit den Produktionsanlagen entsteht die Infrastruktur wie die Tankstellen. Die erste Förderzusage dafür ist mündlich bereits eingegangen. Gleichzeitig können sich die Nutzer bereitmachen – denn neue Fahrzeuge erreichen die Serienreife. Und wie sind die Aussichten: „Spätestens in zehn Jahren wird es boomen“, sagt Eugen Firus: „Das ist nicht nur unsere Vision.“

Wer schon vorher zu den ersten an den neuen Zapfsäulen in Emden, Aurich oder Georgsheil gehören möchte, sollte schon einmal überlegen, mit welchem Fahrzeugmodell er vorfahren möchte. Passend dazu widmet sich der Tag des Wasserstoffs im EEZ dem Schwerpunktthema Mobilität. Für wen es noch etwas mehr Hintergrundwissen sein darf, der kann dort in der Fachkonferenz aus Experten, mit geladenen Gästen aus der Politik und der Logistikbranche, noch tiefer einsteigen.

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