Kolumne „Artikel 1, GG“  Einstellung zur Migration ist wichtig

Canan Topçu
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Eine Kolumne von Canan Topçu
| 14.06.2023 09:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Canan Topçu
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Wie reagieren, wenn selbst weltoffene Menschen mit Migration fremdeln. Unsere Kolumnisten rät, nichts zu dämonisieren, aber auch nichts zu beschönigen.

Mein Lieblingsmensch ist ein „alter weißer Mann“. Er ist ein guter, sonst wäre ich nicht mit ihm verheiratet. Mein Mann und ich haben unterschiedliche Charaktere. Er ist ein introvertierter Mensch, alles andere als impulsiv, beobachtet das um sich Geschehende, ohne es – anders als ich zuweilen – zu bewerten und zu kommentieren. Auch er verfolgt die politischen und gesellschaftlichen Debatten, liest regelmäßig Zeitungen und Politik-Magazine. Themen, die medial für Aufregung sorgen, nimmt er aber mit mehr Gelassenheit als ich zur Kenntnis.

Veränderungen gehören zum Weltgeschehen, so sein Standpunkt. Er ist viel in der Welt gereist, aber hat die meiste Zeit seines Lebens in Deutschland verbracht. Er gehört nicht zu der Kategorie von Menschen, die Angst vor Veränderungen haben oder aus Prinzip dagegen sind. Vieles ist hierzulande seit seiner Jugend anders geworden. Statt zu klagen fokussiert er sich auf das, was sich ins Positive verändert.

Als er neulich aus dem Schwimmbad, in das er seit fast 30 Jahren regelmäßig geht, zurückkam und von einer Situation erzählte, war ich überrascht. In der Umkleide seien vielen Sprachen zu hören gewesen, es habe aber keiner auf Deutsch gesprochen, erzählte er. Und dann sagte er: „Ich habe mich wie ein Fremder gefühlt.“ Mehr nicht. Dieser eine Satz hat gereicht, mein Gedankenkarussell in Gang zu setzen. Wenn schon mein Mann, der wahrlich ein weltoffener Mensch ist, und keiner, der will, dass alles so bleibt, wie es ist, fremdelt an einem ihm eigentlich vertrauten Ort, wie muss es anderen gehen? Denen, die große Angst vor Veränderungen und Verlusten haben?

Migration lässt sich nicht verhindern, das zeigt uns die Menschheitsgeschichte. Die Einstellung dazu aber schon. Wichtig ist, dass sie weder dämonisiert noch beschönigt wird, dass Probleme nicht herunter geredet und an Lösungen gearbeitet wird.

Probleme nicht ignorieren, das bedeutet auch, Menschen, die im eigenen Land fremdeln, nicht verächtlich zu machen.

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