Hamburg  Senioren-Coach Dagmar Hirche: „Kein WLAN im Altenheim – das ist ein Skandal“

Markus Lorenz
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Von Markus Lorenz
| 10.06.2023 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Durch und durch positiv, aber entschieden, wenn es um die Interessen von Senioren geht: Dagmar Hirche. Foto: Markus Lorenz
Durch und durch positiv, aber entschieden, wenn es um die Interessen von Senioren geht: Dagmar Hirche. Foto: Markus Lorenz
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Die Gründerin des Vereins Wege aus der Einsamkeit über Smartphone-Kurse für Ü90-Jährige, digitale Altersdiskriminierung und machen statt jammern.

Dagmar Hirche gehört zu den Menschen, mit denen ein Gespräch über Probleme im Positiven endet. Sie packe lieber an als zu klagen, sagt die 66-Jährige und genießt bei Sonnenschein Erdbeerkuchen auf der Außenterrasse eines Cafés in Poppenbüttel. Freilich: Mit Kritik an Altersdiskriminierung hält die Jungrentnerin nicht hinter den Berg, zeigt mit ihren heiß begehrten Internetkursen für Senioren aber, wie es besser geht. Manche nennen sie eine Heldin. Für das Engagement hagelt es Auszeichnungen und Lob. Sogar von den britischen Royals.

Frage: Frau Hirche, wie war‘s bei König Charles und Camilla?

Antwort: Das war ein tolles Erlebnis. Auch wenn ich nicht so Royal-interessiert bin und sehr erstaunt war, dass wir überhaupt die Einladung zum Empfang im Schuppen 52 im März bekommen haben.

Frage: Konnten Sie mit einem der beiden sprechen?

Antwort: Ja, mit Camilla. Sie hat sich nach unseren Internet-Schulungen für Senioren erkundigt, und ich habe erzählt, was wir machen. Camilla hat geantwortet: „Wenn das in London wäre, würde ich auch in Ihren Kurs kommen.“ (lacht) Das war eine schöne Bestätigung für unsere Arbeit.

Frage: Sie und Ihr Verein organisieren Kurse für Ältere an Tablets und Smartphones, Motto: „Wir versilbern das Netz“. Wurden die Senioren bei der Digitalisierung vergessen?

Antwort: Ein ganz klares Ja.

Frage: Was genau tun Sie dagegen?

Antwort: Vor zehn Jahren haben wir gesehen, dass es eine Lücke bei Smartphone- und Tablet-Schulungen für Senioren gibt und beschlossen, etwas zu unternehmen. Aber anders als beispielsweise in Volkshochschulen. Wir haben zunächst sechs 80-Jährige eingeladen, um zu fragen, was sie sich wünschen. Sie haben gesagt: „Frau Hirche, zu so ´nem komischen Workshop und zu einem Seminar gehe ich nicht.“ Deshalb nennen wir es Gesprächsrunde. Wir sprechen einfach über diese komischen Dinger und lernen was dabei. Bei uns gibt es auch keine englischen Begriffe, weil ganz viele in dem Alter kein Englisch sprechen…

Frage: … aber Smartphone und Tablet sind doch englisch?

Antwort: Die wichtigen englischen Begriffe erklären wir natürlich, denn wir können die älteren Menschen nicht vor allem schützen. Aber wir nehmen ihnen die Schwellenängste und erklären so, dass die Senioren es auch mit 80, 90 Jahren noch verstehen. Wir holen sie da ab, wo sie sind.

Frage: Viele müssen vermutlich bei Null abgeholt werden...?

Antwort: Wir fangen ganz einfach an, erklären erst mal: Was ist ein Betriebssystem? Was ist iOS, was Android? Was ist der Unterschied zwischen Smartphone und Tablet, was ist WLAN? Das Einmaleins. Wenn die Begrifflichkeiten klar sind, machen wir zusammen die Einstellungen auf dem Smartphone: Schriftgröße, Helligkeit, sodass es die Älteren auch lesen können.

Frage: Was, wenn Teilnehmer es trotzdem nicht verstehen?

Antwort: Die dürfen 1000 Mal immer dieselben Fragen stellen. Ich beantworte das immer mit der gleichen Geduld. Die Teilnehmer kommen so lange wieder, wie sie mögen, manche sind schon seit zehn Jahren dabei. Das ist ja auch eine Klönrunde, bei der die älteren Leute was lernen und dabei andere treffen und Spaß haben. Es ist ein Weg aus der Einsamkeit in eine Gruppe hinein.

Frage: Wie gehen Sie mit Menschen um, die größere Einschränkungen haben?

Antwort: Wenn ich sehe, dass jemand zum Beispiel starke Sehbeschwerden hat oder Parkinson und deshalb die Tastatur nicht gut bedienen kann, dann wird gleich die Sprachfunktion geübt.

Frage: Der Bedarf an dieser Art Schulungen ist offenbar gewaltig…?

Antwort: Oh ja. Seit zehn Jahren sind wir komplett ausgebucht. Insgesamt hatten wir schon 25.000 Gäste.

Frage: Die Teilnahme ist kostenlos?

Antwort: Ja. Denn, wenn wir die Welt digital machen, wenn wir als Gesellschaft die älteren Menschen zwingen, E-Mails zu schreiben und Termine online zu buchen, warum soll eine 80-Jährige dann für eine Schulung zahlen? Die muss kostenfrei sein, wie eine Grundschule. Nur eben für alte Menschen.

Frage: Ist das nicht Aufgabe des Staates?

Antwort: Aufgabe des Staates und auch der Wirtschaft. Wenn die Wirtschaft alles digital macht, muss sie auch digitale Bildung anbieten. Aber: Das wird ja nicht gemacht. Nur mit Forderungen erreichen wir also nichts. Deshalb nehmen wir es mit dem Verein selber in die Hand.

Frage: Was ist der Antrieb für Senioren, bei Ihnen den Umgang mit dem Smartphone und Co. zu lernen?

Antwort: Früher war das Hauptmotiv Kommunikation, vor allem in der Familie und mit Freunden. Über WhatsApp, zum Beispiel.

Frage: Und jetzt?

Antwort: Eine immer größere Rolle spielt, dass Menschen viele Dinge nur noch online erledigen können. Teilnehmer sagen mir: „Ich soll eine E-Mail schicken, und ich weiß nicht, wie das geht. Ich hab’ noch nicht mal eine E-Mail-Adresse.“

Frage: Auf welche Hindernisse stoßen Ältere, wenn Sie nicht mit dem Internet umgehen können?

Antwort: Der größte Skandal war für mich, als die ersten Corona-Impfungen anstanden. Die Termine konnte man sich nur digital holen. Tausende haben mich verzweifelt angerufen und gefragt: „Wie soll ich das denn machen?“ Die alten Leute hatten panische Angst, Corona zu bekommen, die wollten unbedingt geimpft werden und wussten nicht, wie sie an einen Termin kommen. Es ging bei den ersten Impfungen ja um Menschen von 80 plus. Das war die schlimmste Erfahrung, die ich jemals gemacht habe. Ich habe beim Senat Alarm geschlagen und gefragt, ob sie noch ganz dicht sind. Ernsthaft.

Frage: Muss es für diese Gruppe weiterhin auch analoge Angebote geben?

Antwort: Im Grunde ja, aber in der Praxis werden Staat und Wirtschaft das nicht machen. Und wenn sie es tun, dann kostet es mehr, zum Beispiel Banküberweisungen oder HVV-Tickets am Automaten. Im Grunde besteht ein Zwang, die Digitalisierung mitzumachen. Ich bin Realistin und weiß, dass wir deshalb alle Menschen bei der Digitalisierung mitnehmen müssen. Politik und Gesellschaft sind aber in der Pflicht, überall Schulungsangebote zu machen. Das kann man doch nicht einem Verein wie dem unseren überlassen. Anderseits müssen wir die alten Menschen auch nicht in Watte packen und sagen: „Ihr könnt das nicht lernen, und Ihr müsst das nicht lernen.“

Frage: Hand aufs Herz: Kann jeder den Umgang mit Smartphone und Tablet noch lernen, auch wenn er über 70 ist?

Antwort: Ü70? Überhaupt kein Thema. Das ist ja schon Altersdiskriminierung…

Frage: …ok, sagen wir Ü80?

Antwort: Na klar. Ich habe auch Ü90 bei mir. Die brauchen einfach nur länger. Von den 25.000 Menschen waren bestimmt 300 älter als 90. Die haben das auch gelernt. 

Frage: Wie alt war der oder die Älteste?

Antwort: 96. Das hat auch geklappt. Ich habe die Frau und ihren Mann im Altersheim geschult. Die hatten so viel Spaß daran, ihrem Urenkel in Asien Fotos zu schicken und zu sehen, wie er da lebt. Das war für die beiden ein Quell der Freude und ein echtes Lebensglück.

Frage: Viele Alte sagen: Ich konnte noch nie mit Technik umgehen…?

Antwort: Aber das ist doch kein Grund, es nicht zu versuchen. Ich habe Teilnehmer, die kommen seit zehn Jahren, bei denen denke ich auch manchmal: „Na, ob die das noch lernen?“ Aber das macht doch nichts. Das gilt übrigens auch für Menschen, die langsam dement werden und immer mehr vergessen.

Frage: Die schicken Sie nicht weg?

Antwort: Auf keinen Fall, das wäre für mich Diskriminierung. Demente Menschen freuen sich auch über das, was sie schaffen. Worum geht es denn eigentlich? Doch nicht darum, dass wir uns gut fühlen, sondern wir die Menschen unterstützen, die das brauchen.

Frage: Passieren in den Schulungen lustige Sachen?

Antwort: Ganz oft. Ich baue beim Erklären immer Eselsbrücken. Einmal habe ich drei Ü80-Frauen in der Eingangsschulung erklärt, was ein Betriebssystem ist: „Das ist wie der Motor im Auto, genauso müssen Sie sich das bei Ihrem Smartphone vorstellen: Benzin ist Android, Diesel ist iOS.“ Nachmittags ruft mich jemand vom Media Markt an und sagt: „Hier stehen drei alte Damen, die möchten ein Benzin-Smartphone haben.“ (lacht). Die Stimmung bei uns ist positiv und heiter, es wird ganz viel gelacht.

Frage: Woher nehmen Sie Ihre positive Einstellung?

Antwort: So war ich schon immer, das habe ich einfach mit bekommen. Ich tue lieber etwas als zu jammern.

Frage: Ihr Verein heißt Wege aus der Einsamkeit. Wie groß ist das Problem Einsamkeit für Ältere in Hamburg?

Antwort: Das ist ein großes Problem. Man kann durch Immobilität einsam werden, wenn man nicht mehr raus kann. Wir haben aber auch ganz viele altersarme Menschen, die sich gar nichts mehr leisten können und deshalb vereinsamen. Das ist durch die Inflation noch schlimmer geworden.

Frage: Welche Note geben Sie dem Senat für seine Seniorenpolitik?

Antwort: Vier minus.

Frage: Was ist Ihr größter praktischer Wunsch an die Politik?

Antwort: Überall, in jedem Ortsamt, in jedem Bürgeramt einen Raum einzurichten, in dem jemand digitale Nachhilfe gibt, für jede Altersstufe. Es wird so viel digitalisiert, auch im Gesundheitswesen. Jetzt soll die elektronische Patientenakte kommen, aber: Wer schult denn sowas? Niemand.

Frage: Fehlt es an Wertschätzung für Senioren in unserer Gesellschaft?

Antwort: Es gibt viel Altersdiskriminierung, aber auch viele falsche Altersbilder.

Frage: Das heißt?

Antwort: Es wird komplett übersehen, wie vielfältig das Alter geworden ist. Gucken Sie sich 60-Jährige heute an, wie tätowiert die sind. Gucken Sie sich 60-Jährige an, die ihr Schwul- oder Lesbendasein ganz normal leben. Ist irgendein Altenheim darauf eingestellt? Nein. Diese Menschen werden gar nicht berücksichtigt.

Frage: Stichwort Altenheime. Sind die schon in der Digitalisierung angekommen?

Antwort: Überhaupt nicht, und das finde ich einen Skandal. In den Zimmern der alten und pflegebedürftigen Menschen gibt es so gut wie kein WLAN. Wenn jemand schwer krank wird und ins Alten- oder Pflegeheim muss, hat er plötzlich keinen Zugriff aufs Internet mehr. In der Corona-Zeit haben mich Ältere weinend angerufen und gesagt: „Ich mach’ seit Jahren Online-Banking, weil Du es mir das beigebracht hast. Jetzt kann ich meine Rechnungen nicht bezahlen, weil es hier kein WLAN gibt.“ So etwas geht gar nicht.

Frage: Verdrängen wir die Schattenseiten des Alters?

Antwort: Ja, das packen wir immer ganz nach hinten. Aber gucken Sie sich mal, wie toll alte Menschen mit Einschränkungen umgehen können. Natürlich sehe ich auch das Negative am Alter. Mein Mann hat im vorigen Jahr einen schweren Schlaganfall erlitten. Er ist 64 und jetzt schwerstbehindert. Ich habe ihn bewusst nicht in ein Pflegeheim gegeben, sondern pflege ihn zu Hause. Inzwischen kann er wieder sprechen, sitzen, sich selbstständig anziehen, selbstständig essen. Ich hätte sagen können: „Mein Leben ist vorbei.“ Aber was bringt es mir? Wenn ich so denke, dann verändert sich doch nichts. Wir machen das Beste draus.

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