Osnabrück  Sklaverei und Hunger: Wie Jungen und Mädchen unter dem Taliban-Regime leiden

Thomas Ludwig
|
Von Thomas Ludwig
| 09.06.2023 07:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Kohleabbau in Afghanistan: Anstatt in die Schule zu gehen, schuften dort Jungen unter gefährlichen Bedingungen. Foto: picture alliance/dpa/Oliver Weiken
Kohleabbau in Afghanistan: Anstatt in die Schule zu gehen, schuften dort Jungen unter gefährlichen Bedingungen. Foto: picture alliance/dpa/Oliver Weiken
Artikel teilen:

Sie schuften im Bergbau, schmuggeln Waffen oder werden für Sex verkauft – für ihre Familien opfern sich etwa 1,6 Millionen Kinder in Afghanistan auf. Die Hilfsorganisation terre des hommes schildert Erschütterndes.

„Der Krieg hat alles kaputt gemacht. Manche Leute meinen, ich sollte betteln, aber das will ich nicht. Ich will arbeiten, damit ich meiner Familie helfen kann“, sagt Khalil. Anstatt in die Schule zu gehen sucht der Zwölfjährige in Müllhaufen nach Dingen, die er verkaufen kann. Und nach etwas Essbarem. „Ich habe Hunger, ich habe das Gefühl ich sterbe, wenn ich nicht bald etwas zu essen bekomme“.

Wie dem Jungen aus Kabul geht es landesweit Millionen von Kindern. Das Leben in Afghanistan ist unter dem Regime der islamistischen Extremisten noch entbehrungsreicher geworden. Unerträglich für die meisten.

97 Prozent der Menschen sind arm und müssen mit knapp zwei Dollar pro Tag auskommen. Neun von zehn Familien haben aktuell nicht mehr genug zu essen. Das sind die knappen Fakten, hinter denen sich doch so viele Schicksale verbergen. Vor den Augen der Welt. Vergessen von der Welt.

Eine Folge der Not ist nicht nur der massive Anstieg von Unterernährung schon der Kleinsten, sondern auch der dramatische Anstieg von Kinderarbeit. Die Vereinten Nationen schätzen, dass inzwischen rund 1,6 Millionen Kinder unter ausbeuterischen Bedingungen in Afghanistan arbeiten.

Offizielle Zahlen gibt es nicht. Obwohl die Regierungen Afghanistans die UN-Kinderrechtskonvention vor der Machtergreifung der Taliban unterschrieben haben, fühlen sich die selbsternannten islamischen Herrscher für die Verletzung von Kinderrechten nicht zuständig. Aus drei Provinzen sind Zahlen bekannt, dort schuftet ein Drittel mehr Kinder als im vergangenen Jahr.

Gesichert ist: „Weil sich Millionen Familien Geld leihen mussten, um zu überleben, steigt die Zahl der Kinder, die diese Schulden abarbeiten. Schuldknechtschaft ist vor allem in Ziegeleien, Haushalten und Teppichmanufakturen verbreitet“, sagt Joshua Hofert, Vorstandssprecher von terre des hommes (tdh).

Mitarbeiter der Hilfsorganisation und deren Partner konnten in den Provinzen Herat, Nangahar und Kabul mit arbeitenden Kindern sprechen. Anlässlich des Welttages gegen Kinderarbeit am 12. Juni haben sie ein umfangreichen Dossier zusammengestellt. Es zu lesen, ist er erschütternd.

Schon die Jüngsten schuften unter gefährlichsten Bedingungen im Bergbau, in Ziegeleien, bei der Salzgewinnung und auf Mohnfeldern. Sie werden zum Schmuggeln von Drogen oder Waffen gezwungen. Jungen werden für bewaffnete Gruppen rekrutiert, Mädchen und Jungen zwecks sexueller Ausbeutung verkauft.

Und noch etwas kommt hinzu: Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres 134 Kinder durch Blindgänger und Altwaffen verletzt oder getötet, die sie als Altmetall sammeln und verkaufen wollten.

„Angesichts dieser dramatischen Situation fordern wir die Bundesregierung und die internationale Gemeinschaft auf, die dringend notwendige humanitäre Hilfe zu leisten und Kinder vor Hunger und Ausbeutung zu schützen“, sagt tdh-Vorstand Hofert.

Der Bedarf an Nothilfe werde von den UN für das laufende Jahr mit 4,6 Milliarden Dollar angegeben; bisher habe die internationale Gemeinschaft aber erst 259 Millionen Dollar zugesagt.

Die Bundesregierung hat nach dem Stopp der Entwicklungshilfe und den Arbeitsverboten für Frauen in Afghanistan inzwischen zwar Hilfe „regierungsfern und bevölkerungsnah“ angekündigt, stellt jedoch deutlich weniger Mittel zur Verfügung als in der Vergangenheit.

„Während Deutschland im Jahr 2022 Hilfe in Höhe von 527 Millionen Euro Hilfe geleistet hat, davon allein 330 Millionen Euro für humanitäre Hilfe, hat das Auswärtige Amt in diesem Jahr bisher erst 39 Millionen Euro für Humanitäre Hilfe zugesagt“, stellt man bei terre des hommes ernüchtert fest

Solange sich die humanitäre Lage in Afghanistan aber nicht bessert, werden Kinder dort gezwungen sein, sich ausbeuten zu lassen. Vor den Augen der Welt. Und von der Welt vergessen.

Ähnliche Artikel