Ökologische Landwirtschaft  Auricher Ehepaar und der schwere Weg zur Bio-Schweinehaltung

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 08.06.2023 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Hermann Poppen mit jungen Linderöd-Ferkeln. Die Rasse ist eine von sechs auf dem Hof und sehr selten. Foto: Ortgies
Hermann Poppen mit jungen Linderöd-Ferkeln. Die Rasse ist eine von sechs auf dem Hof und sehr selten. Foto: Ortgies
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2019 haben Hermann und Nadja Poppen ihren Hof in Aurich-Sandhorst auf ökologische Landwirtschaft umgestellt. Sie erzählen von ihrem schweren Weg – und warum sie nicht den Mut verloren haben.

Aurich - Es ist schon ein besonderer Anblick: Auf der Wiese hocken vier Politiker zwischen den bunt gefleckten Linderöd-Ferkeln auf dem Bioland-Hof Sonnenschein in Aurich Sandhorst. Üblicherweise werben sie um die Gunst der Wähler. Jetzt versuchen sie, mit frischem Gras die Aufmerksamkeit der Tiere zu gewinnen. Kommt eine kleine Schweineschnauze näher – huscht ein Lächeln über die Gesichter.

Was und warum

Darum geht es: Der Bioland-Hof Sonnenschein in Aurich hat sich innerhalb von sechs Jahren neu erfunden. Jetzt erzählt Nadja Poppen vom steinigen aber erfüllenden Weg zum Bio-Betrieb.

Vor allem interessant für: Verbraucher, Tierfreunde und Landwirte, die Anregungen suchen

Deshalb berichten wir: Der Hof hatte zu Gesprächen mit Politikern eingeladen.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de

Landwirtin Nadja Poppen beobachtet die Szenerie aus der Entfernung. Sie kennt die Wirkung ihrer Tiere auf Menschen. Sie weiß auch, dass die Hofführung erst einmal Nebensache ist. Jetzt gibt es Wichtigeres. Poppen tätschelt den breiten Rücken von Instagram-Star „Graf Bobby von Sonnenschein“ auf der Weide nebenan. Der massige Angler Sattelschwein-Eber lässt sich durch die Politiker und ihre Entourage nicht aus der Ruhe bringen. In Seelenruhe fischt er in seinem Trog nach Futter.

Die bunt gefleckten Linderöd-Ferkel waren die Stars des Tages – es ist eine seltene Haustierrasse. Foto: Böning
Die bunt gefleckten Linderöd-Ferkel waren die Stars des Tages – es ist eine seltene Haustierrasse. Foto: Böning

Ein Fan-Besuch für Bobby

Dabei ist dieser Termin nur seinetwegen zustande gekommen. Denn Dr. Ophelia Nick (Grüne) ist nicht nur Mitglied des Deutschen Bundestags und parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Ernährung, sondern auch eine von Bobbys Followerinnen. So nennt man Fans in den sozialen Netzwerken. Deshalb kam Bobby, beziehungsweise seine Sprecherin Nadja Poppen, auf die Idee, die Politikerin einzuladen. Man nennt sich beim Vornamen und drückt sich zur Begrüßung. Bobby ist eben ein Türöffner.

Nadja Poppen mit Graf Bobby von Sonnenschein, dem Instagram-Star des Hofes. Foto: Böning
Nadja Poppen mit Graf Bobby von Sonnenschein, dem Instagram-Star des Hofes. Foto: Böning

Für den Besuch hat Poppen groß aufgefahren. Andere ökologisch wirtschaftende Betriebe aus der Region sind da. „Wir müssen zeigen, was wir tun, darüber reden, was geändert werden muss“, sagt die Landwirtin. Der Vorstand ihrer Hausbank ist gekommen, Vertreter der Ostfriesischen Landschaft, der Stadtverwaltung. Nur die Landräte hatten keine Zeit. Dann halt das nächste Mal, sagt Poppen und grinst.

Die Begeisterung ist ansteckend

Es ist, als könnte sie Menschen mit ihrer Begeisterung für die Landwirtschaft anstecken. Sie wollte immer einen Landwirt heiraten, gesteht die 43-Jährige und lacht. Sie wusste, was auf sie zukommt und wollte genau das. Die Sonne scheint. An diesem Tag gibt es Bauernhof-Idylle pur. Es ist also wichtig zu erzählen, dass die ökologische Landwirtschaft eben keine heile Welt ist, in der alle immer glückselig sind. So ähnlich hat es Hermann Poppen ausgedrückt, Nadjas Mann. 2017 haben die beiden entschieden, den Hof seiner Eltern zu übernehmen. Dass sie ihn einmal komplett umkrempeln würden, war damals nicht geplant.

Ein Termin mit Spaß-Faktor, trotz des ernsten Hintergrunds: die Bundestagsmitglieder Dr. Ophelia Nick (von links) und Julian Pahlke mit der Vizepräsidentin des Niedersächsischen Landtags, Meta Janssen-Kucz. Alle sind von den Grünen. Foto: Böning
Ein Termin mit Spaß-Faktor, trotz des ernsten Hintergrunds: die Bundestagsmitglieder Dr. Ophelia Nick (von links) und Julian Pahlke mit der Vizepräsidentin des Niedersächsischen Landtags, Meta Janssen-Kucz. Alle sind von den Grünen. Foto: Böning

Viel Energie steckt im Umbau – und außerdem stecken darin insgesamt etwa 1,6 Millionen Euro Investitionskosten. Eine konventionelle Schweinehaltung zukunftsfähig zu machen und dann auch noch auf Bio umzustellen, ist eine echte Herausforderung – da sind sich beide einig. Gerade in Zeiten, in denen viele Schweinehalter das Handtuch werfen. Allein von Mai 2021 bis Mai 2022 gaben in Deutschland laut Statistik etwa 1900 Schweinehalter auf, das waren immerhin 10 Prozent aller Betriebe – oder anders gesagt: fünf Höfe täglich. Mit ihrem Beispiel wollen die Poppens den übrigen Mut machen, am Ball zu bleiben.

In sechs Jahren kam der Wandel

Vor sechs Jahren sah es auf dem Hof in Sandhorst noch aus wie auf jedem anderen konventionellen Betrieb. Die Sauen lebten in kleinen Boxen auf Spaltenböden. Eigentlich wollten die beiden Auricher anfangs nur mehr Tierwohl in die Ställe bringen. Die Tiere sollten mehr Platz bekommen und auf Stroh stehen. Dann kam alles anders. „Wenn ihr schon dabei seid, macht es doch gleich vernünftig und stellt auf Bio um“, hatte damals jemand gesagt.

Von den Herausforderungen der modernen Landwirtschaft bekommen zumindest die Schweine kaum etwas mit. Foto: Ortgies
Von den Herausforderungen der modernen Landwirtschaft bekommen zumindest die Schweine kaum etwas mit. Foto: Ortgies

„Das war Musik in meinen Ohren“, sagt Nadja Poppen. Sie ist die treibende Kraft hinter dem neuen Weg, den der Betrieb eingeschlagen hat. „Noch im Mai 2017 dachten wir, das schaffen wir nie“, gesteht die Landwirtin. Jetzt steht sie auf dem Hof zwischen den Ställen mit heranwachsenden Nachwuchsschweinen, trächtigen Sauen und Mutterschweinen mit ihrem winzigen Nachwuchs. Bio-zertifiziert – nach Bioland-Standard. „Hermann sagt immer, wir haben den Betrieb auf den Kopf gestellt, umgedreht und ganz neu aufgebaut“, sagt sie.

Die Umstellung kam nach einem schlechten Jahr

2018 begann der Umbau, ausgerechnet in einem wirtschaftlich schlechten Jahr für konventionelle Betriebe. „Wir sind mit einem Finanzloch von 80.000 Euro gestartet“, sagt Naja Poppen. Ein Jahr später wurden die Tiere auf Bio umgestellt: „Wir waren so froh, ihnen etwas Gutes zu tun, aber die fanden das gar nicht so gut.“ Das Bio-Futter passte nicht zu den auf Hochleitung gezüchteten Hybridsauen. Dadurch gingen die Ferkelzahlen runter. Der Betrieb kam gerade einmal auf 16 Ferkel pro Sau und Jahr – wirtschaftlich sind 22.

Im konventionellen Bereich hatten sie in einer ganz anderen Liga gespielt. „Mit Bio ging es erst einmal rückwärts und bergab“, sagt Nadja Poppen. In dieser schweren Phase der Umstellung wünscht sie sich mehr Unterstützung für Betriebe, auch von der Politik. „Das war emotional sehr anstrengend.“ Jetzt steht die 43-Jährige mit den Besuchern vor dem offenen Stall mit den tragenden Sauen. Eben denen, die Anfangs so viele Probleme hatten.

Nach eineinhalb Jahren eine Lösung gefunden

„Wir haben eineinhalb Jahre gebraucht, bis wir die Ursachen für die Futterprobleme gefunden haben und alles umstellen konnten. Es war sehr viel Tüftelarbeit. Jetzt sind wir bei 22 Ferkel pro Sau“, sagt sie und nickt in den Stall. Während Poppen erzählt, furzt eine der blassrosa Damen. Eine weitere erschrickt sich und fährt hoch. Allgemeines Lachen – die anderen Sauen bleiben liegen und blinzeln in die Sonne.

Früher gab es auf dem Hof 140 von ihnen für die Ferkelzucht – aber das Konzept ging nicht auf. „Wir kamen aus den roten Zahlen nicht raus und mussten die Reißleine ziehen.“ Dass man, anders als in der konventionellen Landwirtschaft, nicht einfach mit mehr Tieren auch mehr Ertrag erzielt, mussten sie erst lernen. Dann stellten sie den ganzen Betrieb noch einmal um. Statt auf reine Sauenhaltung zu setzen, mästen sie ihre Tiere selbst. Auch eine Direktvermarktung gibt es – Leasing-Schweine zieht der Hof für Feinschmecker groß. Mit wachsendem Erfolg. Der größte Teil der Tiere geht an einen Großabnehmer.

Biodiversität unter den Tieren

Es hat sich viel getan in den letzten Jahren. 90 Sauen sind es heute, dazu konstant etwa 300 Ferkel und viel mehr zu bewirtschaftende Fläche als vor der Umstellung. Immerhin kommt fast das ganze Futter vom eigenen Betrieb. Sechs verschiedene Schweinerassen leben inzwischen auf dem Hof – darunter seltene alte Haustierrassen wie das schwedische Linderöd-Schwein, das kroatische Turopolje-Schwein, Leikoma – ein deutsches Edelschwein. Biodiversität gibt es also nicht nur auf dem Feld.

Demnächst gehen die Landwirte noch einen Schritt weiter, die Tiere sollen nach draußen auf die Weide. Sie sollen Teil der Fruchtfolge werden. Die erste Fläche ist schon eingezäunt. Wenn Nadja Poppen von den Plänen erzählt, leuchten ihre Augen. Wo sie all die Energie trotz der vielen Herausforderungen hernimmt? „So ist das, wenn man für eine Sache brennt“, sagt sie und nickt in Richtung der im Stroh wühlenden gefleckten Ferkel. „Unsere Arbeit macht mich einfach glücklich“, sagt sie. Damit steckt sie alle an – nicht nur die Gäste an diesem Tag, auch ihre Familie.

Die Kinder ziehen mit: „Als wir noch konventionell gewirtschaftet haben, wollten sie nicht, dass jemand weiß, dass sie von einem Bauernhof kommen“, sagt Nadja Poppen und schmunzelt. Seit der Umstellung tragen sie ganz selbstverständlich die T-Shirts des Betriebs. Später wird Hermann Poppen stolz erzählen, wie seine Tochter bei einer Blindverkostung der eigenen Schweinerassen jedes Fleisch zuordnen konnte und die Unterschiede und Qualität herausgeschmeckt und fachlich kommentiert hat. Die ganze Familie ist im Boot. „Wir werden damit nicht die Welt retten, aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung“, sagt Hermann Poppen.

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