Hamburg Vier Punkte, mit denen Pistorius die Bundeswehr attraktiver machen will
Fehlendes Personal gilt bei der Bundeswehr als noch größeres Problem als fehlende Waffen. Jetzt hat Verteidigungsminister Boris Pistorius Maßnahmen angekündigt. Die Ideen im Check.
Es dürfte ein Horrorszenario für alle sein, die stetig fordern, die Bundeswehr auf- und auszurüsten: Alle Panzer sind gebaut und fahren, die Kampfjets fliegen, die Gewehre schießen, sogar Munition ist ausreichend vorhanden. Doch es fehlen die Menschen, die mit dem Arsenal etwas anfangen können.
Soweit wird es wohl eher nicht kommen. Und dennoch gilt das Personalproblem für die Bundeswehr und Verteidigungsminister Boris Pistorius als mindestens so große Herausforderung wie das Beschaffungswesen, das derzeit groß reformiert wird. Denn: Bis 2031 sollen 203.000 Soldaten bei der Bundeswehr arbeiten, 20.000 mehr als aktuell. Sie werden dringend benötigt, wenn die Bundeswehr ihren Aufgaben der Landes- und Bündnisverteidigung vernünftig nachkommen soll – so heißt es zumindest von offizieller Seite. Doch entgegen aller Pläne wächst die Bundeswehr personell kaum.
Während sich der Verteidigungsminister im Beschaffungswesen vor allem als Anpacker in Szene setzte, bleiben seine Lösungen für das Personalproblem eher vage. Erstmals wurde Boris Pistorius nun selbst im Personalamt der Bundeswehr in Köln vorstellig – und verkündete sogleich vier zentrale Punkte für die „Personal-Zeitenwende“.
Nach den Angaben der zuständigen Chefin für die Nachwuchsgewinnung, Lale Bartoschek, gab es 2022 36.000 Bewerbungen für die verschiedensten Jobs in der Bundeswehr. Die Hälfe der Bewerber trat dann auch den Job bei der Truppe an. Dass jeder zweite Bewerber auch eine Stelle bekommt, ist gemessen an der freien Wirtschaft viel. Für die Bundeswehr aber noch gar nicht genug.
Ein Problem: Nicht immer können die jungen Menschen zum gewünschten Start loslegen, etwa weil dann der entsprechende Dienstposten noch gar nicht frei ist. In der freien Wirtschaft sind Unternehmen da flexibler.
Geht es nach Pistorius, sollen künftig auch mehr Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund für die Truppe begeistert werden. „Da sehe ich Potenzial”, sagte er. Für die Rekrutierung, aber auch um die Vielfalt der Bundeswehr zu stärken und als Arbeitgeber für alle weiter zu etablieren.
Nach offiziellen Zahlen bleibt die Bundeswehr beim Frauenanteil hinter den eigenen Zielmarken zurück: Das Soldatinnen- und Soldatengleichstellungsgesetz gibt einen Frauenanteil von 15 Prozent vor. 2022 waren es nur etwas über 13 Prozent. Ohne den Sanitätsdienst, in dem Frauen deutlich stärker vertreten sind, läge der Anteil sogar nur bei 9,5 Prozent.
„Dabei sind Frauen bei gleicher Qualifikation nach dem genannten Gesetz bevorzugt einzustellen”, wie die Wehrbeauftrage Eva Högl (SPD) in ihrem Bericht für 2022 kritisierte. Standortsicherheit, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, angemessene Infrastruktur: all das müsse sich bei der Bundeswehr verbessern, wenn man für Frauen als Arbeitgeber attraktiver werden wolle.
Ganz so negativ, wie es die aktuellen Quoten zeigen, will es Lale Bartoschek allerdings nicht sehen. „Man muss sich da auch mal die absoluten Zahlen anschauen. Es dienen knapp 24.000 Frauen bei der Bundeswehr. Das ist schon eine ganze Menge”, sagte sie am Rande des Pistorius-Besuches. Klar wären mehr Frauen eine gute Sache, aber die Frauen müssen dann auch wollen”, bekräftigt Bartoschek.
Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund – zum Beispiel Kinder und Enkelkinder von Migranten mit deutschem Pass – lag nach letzten Schätzungen bei etwa neun Prozent. Gemessen an der Gesamtbevölkerung (27,3 Prozent im Jahr 2021) ist das stark unterdurchschnittlich.
Uwe Zinsmeister, Leiter des Karrierecenters der Bundeswehr in München, sieht die Bundeswehr ebenfalls schon viel weiter, als sie zuweilen in der öffentlichen Wahrnehmung erscheint.
Es sei eine Selbstverständlichkeit in der Kaserne, wenn ein Kamerad muslimischen Glaubens seinen Gebetsteppich herausholt, nannte er ein Beispiel. Die Bundeswehr habe schon jetzt eine sehr integrative Kraft.
Plakat-Kampagnen, Messen, soziale Netzwerke. Schon jetzt versucht die Bundeswehr überall zu sein, wo sie junge Menschen vermutet. Eine extra produzierte Youtube-Serie kostet dabei auch schon mal einen siebenstelligen Betrag. Auffällig jedoch: Die Chef-Personaler der Truppe betonen gerne, dass die Bundeswehr mehr als 1000 Berufsbilder und fundierte Ausbildung für jeden bereithält.
Doch es sind weniger die Meteorologen, IT-Techniker und Co., die in den Imagekampagnen zu finden sind. Sondern eher Panzerfahrer, Piloten, Feldjäger. Genau in diesen Bereichen hat die Bundeswehr laut Bartoschek derzeit allerdings gar keine große Personalnot, muss Bewerber mancherorts sogar ablehnen. In naturwissenschaftlichen Bereichen oder auch bei der IT mangelt es stattdessen.
Ein weiteres Problem der Werbung: entgegen der Beteuerung der Verantwortlichen wird sie noch immer nicht als authentisch wahrgenommen. Auch deswegen verlässt mancher die Truppe womöglich schnell wieder und bringt Pistorius zum vierten Punkt.
Hat die Bundeswehr erstmal junge Menschen angeworben, müssen die auch bleiben. Doch zu viele brechen ab, im Freiwilligen Wehrdienst ist es 2022 mehr als jeder Fünfte gewesen. Die Ursachen sind mannigfaltig, reichen von persönlichen Gründen bis hin zu unerfüllten Erwartungen. Auch die schlechte Ausrüstung wird immer wieder genannt, noch immer fehlt es in vielen Kasernen an etwas mittlerweile so alltäglichem wie W-Lan. „Aber da sind wir als Bundeswehr weiter dran”, verspricht Bartoschek.
Die vielen Abbrecher schmerzen, gilt der Wehrdienst aus Personaler-Sicht doch selbst als Nachwuchswerbung. Wer hier zwei Jahre lang den Dienst praktisch erlebt, bleibt der Truppe vielleicht auch langfristig erhalten, so die Losung.
Eine verpflichtende Musterung für alle mit anschließendem Angebot der Bundeswehr zum freiwilligem Wehrdienst, wie die Wehrbeauftragte Högl es jüngst erneut vorschlug, steht aktuell nicht auf dem Zettel des Ministers.
Die Zahl von 203.000 Soldaten bis 2031 steht weiterhin und bleibt eine immense Hürde. In Stein gemeißelt ist sie allerdings nicht mehr. „Vielleicht müssen wir die Zahl mal überprüfen”, sagte Pistorius nun erstmals. „Nach oben wie nach unten.” Beim Personalamt in Köln ist die Leitungsebene gar nicht so traurig, dass die Zahl aktuell noch als festes Ziel ausgegeben ist.
Immerhin kann so im politischen Berlin auch das nötige Kleingeld für die Nachwuchswerbung eingefordert werden. Und der Glaube, dass die Bundeswehr wirklich derart wachsen kann, ist auch noch da, wie Lale Bartoschek sagt. „Sonst müsste ich ja jeden Tag weinend zur Arbeit gehen.“