Kolumne „Artikel 1, GG“  Auf die richtige Wortwahl kommt es an

Canan Topçu
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Eine Kolumne von Canan Topçu
| 07.06.2023 09:13 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Canan Topcu
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Eine türkischstämmige Lehrerin an einer Polizeihochschule wirft den Beamten bei Twitter Rassismus vor – und wird dafür von der Hochschule rausgeschmissen. Unsere Kolumnistin erklärt heute, warum sie das Handeln der Polizei nachvollziehen kann.

Hätte nicht die Freundin aus Hamburg mir am Dienstagmorgen den Link zu dem Artikel aus dem „Spiegel“ geschickt, dann hätte ich es wohl nicht mitbekommen: dass die Polizeihochschule Nordrhein-Westfalen an dem „Rauswurf“ von Bahar Aslan festhält. Da mich der Rummel um diese Person aufgeregt hatte, nahm ich mir nämlich vor, den weiteren Verlauf nicht mehr zu verfolgen. Ich gehöre zu denen, die nachvollziehen können, dass die Polizeihochschule die Zusammenarbeit mit ihr beendete.

Zur Person

Canan Topçu (57) ist als Tochter türkischer Arbeitsmigranten in Hannover aufgewachsen. Nach der Ausbildung bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wechselte die Journalistin zur Frankfurter Rundschau. Seit 2012 ist die Hanauerin freiberuflich als Autorin sowie als Referentin und Dozentin tätig.

Falls sie die Debatte um Frau Aslan nicht mitbekommen haben, hier eine Zusammenfassung: Die 35-Jährige ist hauptberuflich Lehrerin an einer Hauptschule in Gelsenkirchen, vor ein paar Semestern begann sie an der Polizeihochschule interkulturelle Kommunikation zu unterrichten. Vor drei Wochen twitterte sie Folgendes: „Ich bekomme mittlerweile Herzrasen, wenn ich oder meine Freund*innen in eine Polizeikontrolle geraten, weil der ganze braune Dreck innerhalb der Sicherheitsbehörden uns Angst macht. Das ist nicht nur meine Realität, sondern die von vielen Menschen in diesem Land.“

Nach heftiger Kritik an ihrem Tweet erklärte sie, sie habe sich ungenau ausgedrückt und habe den Rassismus in der Institution Polizei gemeint. Natürlich gab es auch sehr viel Solidarität für die türkeistämmige Lehrerin, die vielen als Antirassismus-Aktivistin bekannt war.

Der Vorfall verdeutlicht: Twitter ist für differenzierte Debatten denkbar ungeeignet. Wer sich auf interkulturelle Kommunikation spezialisiert hat und dies auch lehrt, sollte das wissen – und vor allem auch wissen, dass es im Miteinander sehr auf die Wortwahl ankommt.

Gegen die Entscheidung der Polizeihochschule hat Bahar Aslan Klage eingereicht. Was ich feststelle: Auch wenn ich mir vornehme, mich von bestimmten Debatten fernzuhalten, ich komme nicht drumherum. Nun werde ich doch noch die Medienberichte in der Causa Aslan verfolgen. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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