Tokio  Japan will Bevölkerungsrückgang mit finanziellen Anreizen stoppen

Felix Lill
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Von Felix Lill
| 06.06.2023 12:26 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die japanische Bevölkerung ist die älteste der Welt. Ein Viertel der Menschen ist 65 Jahre alt oder älter. Foto: dpa/EPA/Everett Kennedy Brown
Die japanische Bevölkerung ist die älteste der Welt. Ein Viertel der Menschen ist 65 Jahre alt oder älter. Foto: dpa/EPA/Everett Kennedy Brown
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Die japanische Bevölkerung schrumpft aufgrund einer niedrigen Geburtenrate seit Jahren. Viele junge Menschen entscheiden sich aus finanziellen Gründen gegen Kinder. Das will die Regierung mittels finanzieller Hilfen ändern.

Wenn es in Japan um Geburtenraten geht, gibt es schon lange nur noch eine Richtung: Abwärts. Jahr für Jahr veröffentlicht das Gesundheitsministerium Statistiken wie etwa die Geburtenzahl: Mit 770.747 erreichte sie 2022 wieder ein neues Rekordtief. Entsprechend sank auch die Fertilitätsrate, also die durchschnittliche Zahl an Kindern, die eine Frau über ihr Leben zur Welt bringt. Im ostasiatischen Land liegt dieser Wert nun bei 1,26 – deutlich weniger als die 2,1 Kinder pro Frau, die nötig wären, um die Bevölkerungszahl konstant zu halten. So schrumpft Japan seit Jahren.

Diese Entwicklung versetzt das Land zusehends in Krisenstimmung. Denn in Abwesenheit einer aggressiven Migrationspolitik nimmt seit mittlerweile Jahrzehnten die Zahl der Produzenten und Konsumenten ab, und damit tendenziell auch die Größe der Volkswirtschaft. Problematisch ist dies deshalb, weil so kaum neue Arbeitsplätze entstehen und Betriebe sich eher nach anderen, wachsenden Märkten orientieren. Dass Japans Volkswirtschaft seit nunmehr knapp drei Jahrzehnten kaum noch wächst, liegt maßgeblich an diesem demografischen Faktor.

Doch das Problem ist offiziell erkannt. Anfang des Jahres kündigte Premierminister Fumio Kishida an, die niedrige und schier unaufhaltsam fallende Geburtenrate zur Chefsache zu machen und versprach „Maßnahmen noch nicht gesehenen Ausmaßes.“ Diese Tage hat er erstmals ein Konzept vorgelegt. 3,5 Billionen Yen (rund 23,3 Milliarden Euro) sollen über die kommenden Jahre in die Unterstützung junger Familien fließen. Das entspräche immerhin drei Prozent des bisherigen Staatsaushalts und damit einer Erhöhung von rund 50 Prozent gegenüber dem vorigen Niveau.

Für ein Kind im Alter von bis zu zwei Jahren sollen Eltern künftig 15.000 Yen (rund 100 Euro) Unterstützung pro Monat erhalten, für Kinder bis zum Schulabschluss sollen es monatlich noch 10.000 Yen sein. Auffallend ist hierbei, dass die Förderungen nicht nur für sozial bedürftige Familien verfügbar sein sollen, sondern für alle. Hintergrund ist, dass auch Paare mit hohen Einkommen oft keine oder nur ein Kind zur Welt bringen, weil sie durch den bisher spärlichen Sozialstaat gehörige Einkommenseinbußen zu verzeichnen hätten.

Schließlich ist Nachwuchs in Japan für Eltern doppelt teuer. Einerseits haben gerade viele junge Menschen keine Festanstellung, womit ihre Einkommen im Schnitt deutlich niedriger liegen als bei Menschen mit einem permanenten Job. Dies betrifft insbesondere Frauen, denen vom Arbeitgeber zudem häufig zu verstehen gegeben wird, dass ihre Karriere im Fall einer Schwangerschaft nicht weiter gefördert würde. Wenn Frauen vor die Entscheidung zwischen Kind und Karriere gestellt werden, gibt oft auch die teure Ausbildung der Kinder den Ausschlag – und zwar gegen diese.

Künftig soll auch die Zahl von Kindertagesstätten drastisch erhöht werden. Zudem will die Regierung das Elterngeld so anheben, dass das verfügbare Einkommen von Eltern zumindest für vier Wochen lang während der Elternzeit unverändert bleibt. Von Experten werden all diese Vorhaben, die bisher noch nicht in Gesetzesform gegossen sind, zunächst begrüßt. Denn unter Soziologen und Ökonominnen ist es allgemein Konsens, dass der japanische Staat bisher nicht annähernd genug getan hat, um Menschen mit Kinderwunsch entsprechend zu unterstützen.

Im Vergleich mit anderen wohlhabenden Ländern fällt die japanische Familienpolitik deutlich zurück. Zählt man zu Geldleistungen noch Steueranreize und Dienstleistungen wie die Verfügbarkeit von Kinderbetreuung zusammen, hat der japanische Staat bisher nur rund zwei Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistungen für die Familienpolitik aufgewendet. In Deutschland, das ebenfalls mit einer niedrigen Geburtenrate kämpft, liegt der Anteil zumindest bei rund 3,3 Prozent. Der Durchschnitt der Industriestaaten liegt bei knapp 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Allerdings stellt sich gerade in Japan auch die Frage der Finanzierung. Mit 227 Prozent des BIP ist der japanische Staat stärker verschuldet als jeder andere Industriestaat. Umfragen zeigen immer wieder, dass die Menschen ob der hohen Schuldenquote beunruhigt sind. Deshalb hat sich Premier Kishida etwas ausgedacht: Die künftig großzügigere Familienpolitik soll nicht nur durch höhere Steuern finanziert werden, sondern, wie Kishida diese Tage auf einer Konferenz erklärte: durch die Ausgabe neuer Staatsanleihen.

Die konkrete Ausgestaltung dieses Finanzinstruments – vor allem die Laufzeit und die Verzinsung – ist noch nicht bekannt. In jedem Fall würde es sich im ostasiatischen Land aber um eine neue, alte Idee handeln. Patriotische Vorhaben, was die Unterstützung des Kinderkriegens nun offiziell ist, sind auch in der Vergangenheit durch spezielle Anleiheprogramme finanziert worden. Sowohl Deutschland als auch Japan spielten auf diese Weise etwa einst die Mittel für ihre Kriege ein.

Ob sich auf diese Weise aber nun genügend Geld einspielen lässt, ist ungewiss. Die Sparquote privater Haushalte ist in Japan seit Jahren niedrig, lag im Jahr 2022 bei rund vier Prozent des verfügbaren Einkommens. Denn diese sind seit Jahren kaum mehr gestiegen. Und in Zeiten erhöhter Inflation dürfte das Investieren in neue Anleihen nicht einfacher werden. Auch wenn sich die Menschen einig sind, dass mehr Unterstützung für das Kinderkriegen nötig wäre.

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