Drei Schwestern wollen etwas zurückgeben Wie Pflegegeschwister das Leben bereichern
Gina, Kira und Celia Eden haben in ihrer Jugend miterlebt, dass nicht in jeder Familie immer alles glatt läuft. Das hat sie nachhaltig geprägt. Jetzt engagieren sie sich in der Jugendhilfe.
Wittmund - Manchmal ist das eigene Leben turbulent. Dann sollte jemand da sein, der einem die Hand reicht und zuhört. Und der dann mit fachkundigen Lösungsansätzen hilft, das gerade zu rücken, was sonst gänzlich aus dem Ruder laufen würde. Der Jugendhilfeträger „Meerkindsein“ möchte genau das für die Familien in Wittmund und dem weiteren Umfeld der Stadt sein. Dazu haben die Schwestern Gina (32 Jahre), Kira (29) und Celia Eden (25) den gemeinnützigen Träger gegründet. Um bald als Ansprechpartner für Kinder, Jugendliche und Eltern für Familien in Krisensituationen da zu sein. Mit „Meerkindsein“ wollen sie dabei ganz verschiedene Ansätze verfolgen. Das Ziel ist aber immer gleich, denn die drei Schwestern haben eine Mission: „Wir sind dafür da, um Familien zu helfen, wenn sie es wollen“, erklärt Celia Eden.
Was und warum
Darum geht es: Drei Schwestern haben in Wittmund einen gemeinnützigen Jugendhilfeträger gegründet. Inspiriert dazu hat sie ihre Kindheit mit Pflegegeschwistern.
Vor allem interessant für: Familien, pädagogische Fachkräfte
Deshalb berichten wir: In einer Pressemitteilung kündigten die drei Schwestern die Gründung ihres gemeinnützigen Jugendhilfeträgers „Meerkindsein“ an. Die Redaktion war neugierig, was die Frauen antreibt und was sie vorhaben. Die Autorin erreichen Sie unter: s.ullrich@zgo.de
Diesen Schritt haben die drei Schwestern sich gründlich überlegt. „Wir denken schon mehr als zwei Jahre darüber nach, diesen Jugendhilfeträger zu gründen“, erläutert Gina Eden im Gespräch mit dieser Zeitung. Die sozialpädagogische Fachkraft ist die älteste der drei Schwestern und wird als Erste für den frisch gegründeten Träger im Einsatz sein. Sie ist zugleich Vorsitzende des Vereins. Die Jüngste im Bunde ist Celia Eden. Die Sozialarbeiterin unterstützt ihre große Schwester bei der konzeptionellen Ausrichtung des Vereins. Schwester Kira hingegen ist als kaufmännische Angestellte für die Finanzen verantwortlich. Aber warum das alles? „Unsere Mutter hat uns gezeigt, dass man die Welt ein kleines Stückchen besser machen kann, wenn man sich für andere einsetzt.“ Ihre Mutter tut das seit vielen Jahren: Sie nimmt Pflegekinder auf.
Miteinander und voneinander lernen
Als die jüngste der drei Eden-Schwestern vielleicht zehn Jahre alt war, erinnert sie sich, nahm die Mutter erstmals ein Kind in Not auf. „Wir waren immer schon eine große Familie“, sagt Celia Eden. „Ein offenes Haus. Jeder war willkommen.“ Mit diesem Kind, das kurzfristig eine Bleibe brauchte, kam der Stein ins Rollen. Bis heute nimmt Iris Eden Kinder und Jugendliche auf, die kurzfristig oder auch für längere Zeit nicht in ihren eigenen Familien leben können. Die Gründe hierfür sind so unterschiedlich wie die Kinder selbst, sagen die Schwestern. Eines aber war stets gleich: Das Zusammenleben mit ihren Pflegegeschwistern hat ihr Leben verändert und bereichert. „Wir haben viel Empathie gelernt.“ In ihrem Elternhaus habe stets eine positive Grundstimmung geherrscht, erinnert sich die Sozialarbeiterin. Die Kinder hätten gelernt, sich nicht zu vergleichen, sich nicht auf Defizite zu konzentrieren. Im Gegenteil: Im Fokus stand vielmehr die Frage, was jeder Einzelne besonders gut kann – und das habe man voneinander gelernt.
Für Celia und Gina Eden war das Aufwachsen mit Pflegegeschwistern auch der Grund für ihre Berufswahl. „Für mich war relativ schnell klar, dass ich in den Bereich Jugendhilfe will“, sagt die „Meerkindsein“-Vorsitzende. „Man kann viel bewegen.“ Das Erlebte half ihr und ihrer Schwester, die Theorie ihrer Berufe in Ausbildung und Studium besser einzuordnen. Und sie hat großen Einfluss auf die Ausrichtung des Trägers für die Zukunft: Die Familienhilfe ist die Basis der Arbeit. Familien, die in unruhige Fahrwasser geraten sind, erhalten Unterstützung wie Erziehungsberatung und -beistand. Diese Familien werden vom Jugendamt vermittelt. In der Wittmunder Behörde sind gerade die Verhandlungen dazu abgeschlossen. Wie dies im Detail aussehen und bezahlt werden soll, erklärt Behördenleiter Marco Börgmann auf Nachfrage. Diese Budgetverhandlungen gelten dann künftig für alle Jugendämter, die die Dienste von „Meerkindsein“ in Anspruch nehmen wollen.
Jugendamt begrüßt Vielfalt bei Trägern
Ein neuer Träger kann nicht einfach so loslegen, wenn er sich strukturell oder personell aufgestellt hat, teilt der Fachbereichsleiter Jugend und Soziales dazu mit. Erst müssten Konzepte geschrieben werden, welche Leistungen der Träger anbiete. Das Landesjugendamt erteilt dann eine Erlaubnis. Erst nachdem das geschehen ist, gehen vor Ort die Verhandlungen los. Einige Monate intensiver Arbeit liegen also bereits hinter Gina Eden und ihrem Team. Börgmann sagt, er begrüße das zusätzliche Angebot, dass durch „Meerkindsein“ in Wittmund entsteht – und von dem nicht nur Wittmunder Familien profitieren werden. Eine größere Vielfalt bei den Trägern bedeute letztlich, dass eine Behörde wie das Wittmunder Jugendamt für jede Familie gezielter das passende Angebot finden könne. Der Bedarf sei groß. Der Fachkräftemangel ist es auch, weiß er.
Die Familienhilfe soll bei „Meerkindsein“ noch diesen Monat anlaufen. Sie ist das Fundament, auf dem der Verein aufbauen möchte. Gina Eden plant und verfolgt mit ihren Schwestern jedoch auch weitere Projekte: Sie wollen beispielsweise niedrigschwellig auf Social-Media-Kanälen, die auch Kinder und Jugendliche nutzen, präsent sein. Aufklären über Rechte, Fragen beantworten. Und nicht zuletzt wollen sie das Image von Jugendamt und Jugendhilfe verbessern – und der Stigmatisierung von Pflegekindern entgegenwirken. „Wir möchten auch einen Appell an die Bevölkerung richten, sich vermehrt mit dem Thema Pflegekinder auseinanderzusetzen, da es immer noch einen dringenden Bedarf an Pflegeeltern in der Region gibt. Es braucht mehr Menschen, die bereit sind, sich für Kinder in schwierigen Lebenssituationen zu engagieren und ihnen eine liebevolle Familie und ein stabiles Umfeld zu bieten“, sind die Schwestern sich einig. Welch positiven Effekt solch ein Engagement haben kann, dafür sind sie selbst vermutlich das beste Beispiel.