Analyse zur Notfallversorgung Triage in Ostfriesland – zu welchem Notfall fahren Retter zuerst?
Die Triage ist seit Corona als Entscheidung über Leben und Tod bekannt. In Ostfriesland wird inzwischen wegen fehlender Rettungs- und Pflegekapazitäten triagiert. Welcher Notfall hat Priorität?
Ostfriesland/Berlin - Eine Triage auf Intensivstationen zu vermeiden, war Ziel deutscher Corona-Politik. Das hat – soweit öffentlich bekannt – geklappt. Die Beatmungsgeräte reichten, um schwer erkrankte Covid-19-Patienten zu versorgen. Doch Recherchen unserer Redaktion haben jetzt ergeben, dass in der ostfriesischen Notfallversorgung triagiert wird.
Triage muss nicht per se ein Problem sein, soweit man darunter eine bloße medizinische Sortierung versteht. Ärzte müssen seit jeher bewerten, was ein Notfall ist – oder niederschwelliger, welcher Patient zuerst einen Untersuchungstermin benötigt. Die Ersteinschätzung in Notaufnahmen oder auch in Intensivstationen ist also eine Form der Triage.
Triage aus Kapazitätsmangel
Problematisch werden kann Triage, wenn die medizinische Sichtung beziehungsweise Einteilung vom Kapazitätsmangel beeinflusst ist oder gar aus dem Kapazitätsmangel resultiert – und es im Extremfall um Leben und Tod geht. So war das in einer frühen Phase der Pandemie in Italien. Es gab mehr schwere Covid-19-Fälle als Beatmungsgeräte. Mediziner mussten entscheiden, welche Patienten die größten Überlebenschancen haben – sie kamen an die Geräte. Die anderen nicht, was bei manchen einem Todesurteil gleichkam.
Die Bundesregierung erklärte am 25. November auf ihrer Internetseite zur Triage: „Sollten in einer Pandemie die Intensivbetten knapp werden, muss unter Umständen die schwere Entscheidung getroffen werden, wer eine überlebenswichtige Behandlung bekommt und wer nicht.“ Und: „Die Entscheidung, wer eine intensivmedizinische Behandlung erhält, wird danach ausschließlich anhand des Kriteriums der ,aktuellen und kurzfristigen Überlebenswahrscheinlichkeit‘ getroffen.“
Beispiele für Triage in Ostfriesland
In der ostfriesischen Notfallversorgung sind Rettungskräfte, Notärzte und Intensivpflegekräfte knapp. In der Folge wird triagiert, ohne dass dies bisher öffentlich bekannt wäre oder gar diskutiert würde.
Im Herbst hat unsere Redaktion mit Tomke F. Albers gesprochen, dem Leiter der Kooperativen Regionalleitstelle Ostfriesland. Sie koordiniert von Wittmund aus die Rettungseinsätze in den Landkreisen Aurich, Leer und Wittmund. Albers berichtete, dass die Rettungsdienste im vergangenen Jahr über Wochen hinweg an ihre Grenzen gekommen seien.
Zu welchem Notfall wird ein Notfall geschickt?
Außerdem informierte er, dass für die drei Landkreise vier Notarztwagen bereitstünden. Es könne jedoch vorkommen, dass mehr als vier Notfälle gleichzeitig in der Leitstelle eingingen, die einen Notarzt erfordern würden. In Notfällen, in denen kein Mediziner einsetzbar sei, dürften Notfallsanitäter Medikamente verabreichen und Maßnahmen ergreifen, die normalerweise Notärzten vorbehalten seien.
Die Rettungsleitstelle muss in solchen Situationen entscheiden, zu welchen Notfällen sie die Notärzte schickt. Das ist eine Einteilung, die aufgrund von fehlenden Kapazitäten vorgenommen wird – eine Priorisierung medizinischer Hilfeleistung. Triage.
Als Rettungsfahrzeuge abgemeldet waren
Im Frühjahr hat unsere Zeitung über eine Norder Patientin berichtet, die so stark aus der Nase blutete, dass ihre Hals-Nasen-Ohren-Ärztin einen Notruf absetzen ließ. Die Wittmunder Leitstelle schilderte auf Anfrage unserer Redaktion, dass das erste alarmierte Fahrzeug „wegen eines anderen Notfalls in Norddeich“ wieder abgezogen worden sei. „An diesem Tag war ein sehr hohes Einsatzaufkommen und einzelne Mehrzweckfahrzeuge waren abgemeldet, so dass die Leitstelle priorisieren musste und auch gelegentlich vorgeplante Rettungsmittel umdisponieren musste“, so Albers. Bis ein Rettungswagen kam, der die Frau mitnehmen konnte, vergingen 103 Minuten. Wegen fehlender Rettungskapazitäten hatte die Leitstelle die Notfälle priorisiert, also triagiert.
Die Patientin, die warten musste, hat nach Angaben ihres Hausarztes und ihrer Hals-Nasen-Ohren-Ärztin rund ein Drittel ihres Blutes verloren – was aber nicht nur an der verspäteten Rettungswagen-Abholung lag. Zum Vergleich: Die Hilfsfrist, die niedersächsische Rettungskräfte in 95 Prozent aller Notfälle einhalten sollen, beträgt 15 Minuten.
Abmeldung aller Intensivstationen
In den vergangenen Wochen hat unsere Zeitung mehrfach über abgemeldete Rettungsfahrzeuge und abgemeldete Intensivstationen in Ostfriesland berichtet. Seit Mitte Mai verging fast kein Tag, an dem nicht mindestens fünf von sechs Kliniken ihre Intensivstation für die „Notfallversorgung“ abgemeldet hatten. Und zwar phasenweise sogar gleichzeitig.
Durch die Abmeldung im Ivena-Portal informieren Krankenhäuser die Rettungsdienste, dass sie in den entsprechenden Fachbereichen keine Patienten mehr aufnehmen können. Das Klinikum Leer hatte im April sogar an mindestens zwei Tagen hintereinander jeweils für mehrere Stunden seinen Herzkatheter-Bereich abgemeldet. Die Linksherzkatheter-Messplätze, die es in Ostfriesland nur am Klinikum Leer und am Krankenhaus Aurich gibt, werden für Herzinfarktpatienten gebraucht.
Leeraner Klinikums-Chef erklärt, wann triagiert wird
Was passiert, wenn alle Intensivstationen in Ostfriesland gleichzeitig abgemeldet sind? In einer per Rechtsanwaltsschreiben durchgesetzten Presseauskunft vom 1. Juni schreibt der Leeraner Klinikums-Geschäftsführer Holger Glienke: „Bei Abmeldung aller geeigneten Kliniken beziehungsweise Fachbereiche im Versorgungsbereich des Rettungsdienstes erhalten dann alle möglichen Kliniken beziehungsweise Fachbereiche im Wechsel Notfallpatienten zugewiesen. Die jeweilige Klinik muss dann im Haus eine sogenannte Triagierung vornehmen, womit die Dringlichkeit und Reihenfolge der Patientenbehandlung festgelegt wird.“
Unsere Redaktion hat die ostfriesischen Krankenhausbetreiber am 24. Mai unter anderem gefragt, wie viele Stunden ihre Intensivstationen zuletzt abgemeldet waren und aus welchen Gründen – und was sich ändern müsste, um die Kapazitätsengpässe beseitigen zu können.
Diese Abmeldungsgründe nennt das Borromäus-Hospital
Das Klinikum Leer und die Trägergesellschaft der Kliniken Aurich, Emden und Norden haben trotz der Bitte um Beantwortung bis zum 2. Juni bisher nicht einmal reagiert. Das Wittmunder Krankenhaus hat Antworten angekündigt, aber um etwas mehr Zeit gebeten.
Das Leeraner Borromäus-Hospital hat bereits am 31. Mai Antworten geschickt – allerdings nicht zu den Fragen, in welchem zeitlichen Umfang die Intensivstation abgemeldet war. Zur Frage nach den Gründen für die Abmeldungen nahm Sarah Sebeke aus der Krankenhausleitung wie folgt Stellung: „Die Abmeldungen resultieren aus dem Mangel an Pflegefachkräften. Die Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung ermöglicht Häusern nicht mehr, flexibel Personal einzusetzen, da wo es dringend gebraucht wird. Vielmehr sind sie an starre Vorgaben des Bundes gebunden. Der bundesweite Fachkräftemangel ist seit längerer Zeit auch im Borromäus Hospital und in sämtlichen Krankenhäusern in Ostfriesland angekommen. Die Patientenversorgung war und ist derzeit jedoch zu keiner Zeit gefährdet.“
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