Trendsetter Plaggenburg  Sarg oder Urne? Das ist hier die Frage

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 05.06.2023 19:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Pastor Roman Ott (links) und Friedhofsverwalter Gerhard Fellensiek auf dem Friedhof in Plaggenburg vor dem neuen Baumgräberfeld. Foto: Böning
Pastor Roman Ott (links) und Friedhofsverwalter Gerhard Fellensiek auf dem Friedhof in Plaggenburg vor dem neuen Baumgräberfeld. Foto: Böning
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Neben klassischen Gräbern gibt heute viele Varianten für den letzten Weg des Menschen. Plaggenburg hat jetzt ein Baumgräberfeld – ein Anlass für ein Gespräch über den neuen Umgang mit dem Abschied.

Aurich - Mit Pastor Roman Ott über Trends für Beerdigungen zu sprechen ist nicht so schwer, wie es das Thema vermuten lässt. Ott lächelt warm, als er von seinen Erfahrungen der letzten Jahre erzählt. Die Sonne scheint. Mit Blick auf den knackig grünen Rasen und die bunt blühenden Blumen auf dem Friedhof der evangelischen Andreas-Kirchengemeinde in Plaggenburg fühlt es sich eher tröstlich an, über Särge, Urnen und Trauer zu reden.

Was und warum

Darum geht es: Selbst Bestattungen sind Trends unterworfen. Spätestens seit der Corona-Pandemie haben sie sich auch in Ostfriesland etabliert. Ein Gespräch über den letzten aller Wege.

Vor allem interessant für: alle, die sich nicht scheuen, über ihren eigenen Tod, Beerdigungen und den Abschied von geliebten Menschen nachzudenken

Deshalb berichten wir: Auf dem Friedhof in Plaggenburg wurde vor kurzem das neue Baumgräberfeld eingeweiht. Damit will die Kirchengemeinde auf neue Bestattungstrends reagieren.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de

Denn eines ist klar: Im Bestattungswesen hat sich in den letzten Jahren vieles verändert. Das zeigt auch ein Blick auf diesen Friedhof. Mitten auf der gepflegten Rasenfläche sind mit Steinen zwei Kreise abgesteckt. In der Mitte wachsen junge Bäume, drumherum blühen Blumen. Um die kümmert sich die Friedhofsverwaltung gemeinsam mit einer Gärtnerei. „Baumgräberfeld“ nennt Ott diese Anlage, die dem Friedhof einen Parkcharakter verleiht. Es ist einer der neuesten Trends im Bestattungswesen.

Ein Feld für den Trend zur Urne

„Wir haben ihn zwar nicht erfunden, aber wir gehören zu den Ersten, die eine solche Bestattung hier anbieten“, sagt Ott. Diese Fläche ist für Urnenbestattungen vorgesehen. Ihre Zahl steigt seit Jahren. Die Gütegemeinschaft Feuerbestattungsanlagen hat im Jahr 2021 für Niedersachsen ermittelt, dass drei Viertel aller Verstorbenen verbrannt wurden. Selbst im traditionsbewussten Ostfriesland ist dieser Trend angekommen. „Wir liegen inzwischen ebenfalls bei etwa 50 bis 60 Prozent“, schätzt Ott. Die Corona-Pandemie habe diese Entwicklung verstärkt.

Die Rasengräber sind für Urnen und Särge vorgesehen. Die Gräber müssen nicht gepflegt werden, Hinterbliebene können sie aber zum Gedenken dekorieren. Foto: Böning
Die Rasengräber sind für Urnen und Särge vorgesehen. Die Gräber müssen nicht gepflegt werden, Hinterbliebene können sie aber zum Gedenken dekorieren. Foto: Böning

Mit der Zeit zu gehen sei auch für Friedhöfe wichtig, findet Roman Ott – obwohl er selbst den starken Trend zur Urne nicht nachvollziehen kann. „So sauber wie ihr Ruf ist die Feuerbestattung nicht“, gibt er zu bedenken. Was am Ende in der Urne lande, sei auch weniger die Asche der Verstorbenen als ihre in einer speziellen Mühle gemahlenen Zähne und Knochen. Der Vorteil einer Verbrennung sei allerdings, dass man bei der Bestattung zeitlich unabhängiger vom Zeitpunkt des Todes ist. Ott: „Das ist vor allem interessant, wenn Angehörige weit verstreut leben und zur Beerdigung zusammenkommen wollen.“

Der Sarg ist besser als sein Ruf

Die Sargbestattung sei hingegen weit besser als ihr Ruf. Wer den Weg wähle, werde nämlich keinesfalls von Würmern gefressen. „Wir bestatten die Toten so tief, da kommen Würmer gar nicht hin“, sagt Ott. Stattdessen liefen natürliche biochemische Zersetzungsprozesse ab, die bereits kurz nach dem Tod einsetzten. Er findet es wichtig, sich mit solchen Details zu beschäftigen. „Manche Menschen sind auf den Tod gar nicht vorbereitet. Dabei gehört er zum Leben dazu“, findet Ott.

Auf dieser Gemeinschaftsgrabanlage wird allen auf dieser Fläche beerdigten Menschen an einem zentralen Ort gedacht. Foto: Böning
Auf dieser Gemeinschaftsgrabanlage wird allen auf dieser Fläche beerdigten Menschen an einem zentralen Ort gedacht. Foto: Böning

Er empfiehlt, mit Sterbenden über die gegenseitigen Bedürfnisse zu reden. Dabei sollten auch die Hinterbliebenen ihre Standpunkte äußern. „Wenn es ihnen wichtig ist, einen festen Ort zum Gedenken zu haben, ist eine Bestattung in einem Gemeinschaftsgräberfeld einfach die falsche Entscheidung. Sie kann diese Menschen über Jahre stark belasten“, sagt Ott. Solche Entscheidungen zugunsten der Wünsche des Verstorbenen beobachtet er deshalb mit Sorge.

Ein Ort für das Gedenken

In dem neuen Baumgräberfeld bekommen Urnen einen festen Platz. Die Hinterbliebenen können den tortenstückförmigen Abschnitt mitgestalten – wenn sie es möchten. Vielen sei genau das wichtig. Ott: „Die meisten Menschen brauchen einen konkreten Ort für das Gedenken“, sagt er und nickt in Richtung des ersten belegten Abschnitts. Hier liegt ein Blumengesteck. Ein Stück weiter, auf den ebenfalls pflegeleichten Rasengräbern, wurden an den Grabsteinen neben Blumen auch kleine Figuren, Steine oder Kerzen abgestellt.

Die Pflege der Rasengräber wird ebenfalls von der Friedhofsverwaltung organisiert. Auf den Steinsockel können die Hinterbliebenen einen Gedenkstein aufstellen und diesen Ort dekorieren. „So schön Bestattungswälder auch sind, vielen sind sie zu anonym“, gibt Ott zu bedenken. „Dort ist ein solches Gedenken nicht vorgesehen.“ In Bestattungswäldern werden die Verstorbenen in Urnen am Fuß von Bäumen beigesetzt und erhalten meist eine kleine Namensplakette. Vielen Hinterbliebenen reiche das nicht. Aus diesem Grund habe es sogar schon Umbettungen gegeben.

Alte Traditionen verschwinden

Wie viel sich im Bestattungswesen geändert hat, zeigen Zahlen der Aeternitas, einer gemeinnützigen bundesweiten Verbraucherinitiative für Bestattungskultur: Ihren Angaben nach wünschten sich im Jahr 2004 noch 39 Prozent der Bundesbürger eine Bestattung im klassischen Sarg auf dem Friedhof. Dieser Anteil ist 2022 laut einer Studie auf zwölf Prozent gesunken. Die Gewinner sind Beisetzungen in der Urne in einem Bestattungswald mit 25 Prozent und mit 18 Prozent pflegefreie Grabangebote auf Friedhöfen. Hierunter zählen unter anderem Urnenwände, Gemeinschafts-, Rasen- und Baumgräber. Ein klassisches Urnengrab auf einem Friedhof bevorzugen 14 Prozent der Befragten, eine Beisetzung auf See 6 Prozent.

Den Wegfall alter Bestattungstraditionen sieht Roman Ott mit gemischten Gefühlen. „Die Menschen sind in Ostfriesland früher viel öffentlicher im Kreis ihrer Familie und Nachbarn gestorben“, sagt er. „Die Hinterbliebenen hatten Aufgaben und Rituale, die ihnen durch diese Zeit halfen.“ Durch die Corona-Pandemie sei auch die Zahl der Einsargungen zurückgegangen. Das ist eine ostfriesische Tradition, bei der sich Freunde, Nachbarn und Angehörige am offenen Sarg vom Verstorbenen verabschieden – meist begleitet von einer kleinen Andacht.

Immer kleinere und weniger öffentliche Teetafeln zu den Beerdigungen gebe es. Das bestätigt Pastorin Miriam Richter für Bedekaspel und Simonswolde. „Die Corona-Pandemie hat gerade bei den Bestattungen vieles verändert, sogar auf den Dörfern“, sagt sie. Für Ott ist das einerseits eine Chance, die persönlichen Wünsche der Hinterbliebenen besser zu berücksichtigen. Auf der anderen Seite sieht er die Gefahr, den Tod eines Menschen irgendwann lediglich als „unbequemes Entsorgungsproblem“ zu betrachten. „Es gibt immer mehr Fälle, in denen Verstorbene ohne Trauerfeier und Angehörige direkt vom Wagen in das Grab gehen“, sagt Roman Ott. Das macht ihm Sorgen.

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