Presseauskunft nach Anwaltspost  Leeraner Klinikum weiß nicht, warum es Herzkatheter abgemeldet hat

Andreas Ellinger
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Von Andreas Ellinger
| 04.06.2023 21:53 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Sonntagabend, 4. Juni 2023: Im Ivena-Portal sind die Intensivstationen in Aurich, Leer und Wittmund für die Notfallversorgung abgemeldet. Screenshot: OZ
Sonntagabend, 4. Juni 2023: Im Ivena-Portal sind die Intensivstationen in Aurich, Leer und Wittmund für die Notfallversorgung abgemeldet. Screenshot: OZ
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Herzkatheter-Messplätze sind für Herzinfarkt-Patienten wichtig. Warum hat das Klinikum Leer diesen Bereich wiederholt abgemeldet? Der Geschäftsführer antwortete erst nach einem Rechtsanwaltsschreiben.

Ostfriesland/Hannover - Wie ist es um die klinische Notfallversorgung in Ostfriesland bestellt? Diese Frage stellt sich nicht nur, weil die Kliniken regelmäßig Intensivstationen abmelden. Das Klinikum Leer hat am 17. und 18. April jeweils für mehrere Stunden seinen Herzkatheter-Bereich abgemeldet – und Geschäftsführer Holger Glienke weiß nicht, warum diese Einrichtung für Herzinfarkt-Patienten Kapazitätsprobleme hatte.

„Eine Dokumentation über Abmeldegründe erfolgt nicht, sodass eine Auswertung, wie hier angefragt in Bezug auf einzelne Tage, nicht möglich ist.“ Das schrieb Glienke auf die Anfrage, die unsere Redaktion am 18. April gestellt hat – also am zweiten der Tage, an dem der Herzkatheter-Bereich im Ivena-Portal abgemeldet war. Damit signalisiert ein Krankenhaus den Rettungsdiensten, dass es in diesem Sektor keine Patienten aufnehmen kann.

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Klinikums-Chef beantwortet Presseanfrage nach Rechtsantwaltsschreiben

Das Klinikum hatte auf die Presseanfrage und zwei Erinnerungen daran nicht reagiert. Dass Glienke am 1. Juni – also nach eineinhalb Monaten – doch noch geantwortet hat, lag an einem Rechtsanwaltsschreiben, mit dem unsere Redaktion ihren Informationsanspruch durchgesetzt hat.

Das Klinikum Leer hatte am 17. und 18. April jeweils für mehrere Stunden seinen Herzkatheter-Bereich abgemeldet. Screenshot: OZ
Das Klinikum Leer hatte am 17. und 18. April jeweils für mehrere Stunden seinen Herzkatheter-Bereich abgemeldet. Screenshot: OZ

Das Klinikum gehört zu 100 Prozent dem Landkreis Leer und hat daher Auskunftspflichten ähnlich einer Behörde. Auch die Leeraner Kreisverwaltung, der die zweite Erinnerung an die Anfrage zugegangen war, hatte nicht reagiert.

Ministerium: Klinikum Leer für erweiterte Notfallversorgung bedeutsam

„Das Ivena-Portal dient den Rettungsleitstellen als Orientierung über das vorhandene medizinische Leistungsspektrum und die aktuelle Aufnahmebereitschaft“, schreibt Glienke nun. Sein Klinikum ist laut Niedersachsens Gesundheitsministerium ein Krankenhaus der Notfallstufe 2. Ein solches Haus sei „für eine erweiterte und qualifizierte Notfallversorgung von hoher Bedeutung“, erklärte das Ministerium.

In einer Auskunft vom 18. Januar 2022 hatte das Leeraner Klinikum mitgeteilt: „Unsere Klinik bietet eine 24-Stunden-Bereitschaft für Herzinfarktpatienten und verfügt über zwei Linksherzkatheter-Messplätze. Das heißt, dass auch im Falle von Wartungsarbeiten oder Ausfällen ein Herzkatheter-Messplatz zur Verfügung steht.“

Geschäftsführer Glienke: Abmeldegründe „können vielfältig sein“

Aktuell erklärt Glienke: „Die Gründe für eine Abmeldung der Versorgung in einem Leistungsbereich im Ivena-Portal können vielfältig sein. So kann beispielsweise eine Vollbelegung im Stationsbereich auf Normal- und Intensivstation, ein Ausfall von medizinischem Gerät, ein kurzfristiger Personalausfall durch Erkrankung oder ein gehäufter Patientenanfall mit akutem Versorgungsbedarf Grund einer Abmeldung sein.“

Sonntagabend, 4. Juni 2023: Im Ivena-Portal ist die Intensivstationen in Emden für die Notfallversorgung abgemeldet. Screenshot: OZ
Sonntagabend, 4. Juni 2023: Im Ivena-Portal ist die Intensivstationen in Emden für die Notfallversorgung abgemeldet. Screenshot: OZ

Dabei ist laut Glienke zu berücksichtigen, „dass nur etwa fünf bis zehn Prozent der Patienten über den Rettungsdienst den Weg in die Klinik finden und lediglich 40 bis 50 Prozent der Patienten als elektiv gelten“. Elektive Behandlungen sind planbare Behandlungen. Glienke: „Damit erreicht die Notaufnahmen der Kliniken zusätzlich eine erhebliche Anzahl dringend zu behandelnder Patienten, sowohl nach Besuch bei ihrem Haus- oder Facharzt, als auch eigenständig als Notfall.“

Schon wieder fast alle ostfriesischen Intensivstationen abgemeldet

Was die Notfallmedizin in Ostfriesland betrifft, sind nicht nur Herzkatheter-Messplätze bedeutsam, die es im Leeraner Klinikum und im Auricher Krankenhaus gibt. Es kommt auch auf Intensivstationen an. Unsere Redaktion hat seit Mitte Mai Stichproben im Ivena-Portal gemacht und festgestellt, dass es beinahe täglich Phasen gibt, in denen alle oder fast alle der sechs ostfriesischen Intensivstationen abgemeldet sind. Gleichzeitig. So auch am Sonntagabend: Nordens Intensivstation signalisierte als einzige Aufnahmebereitschaft – eine Klinik, die laut Gesundheitsministerium der Notfallstufe 1 zugeordnet und nur für die „Basisnotfallversorgung“ vorgesehen ist.

Sonntagabend, 4. Juni 2023: Im Ivena-Portal sind die Intensivstationen in Aurich, Leer und Wittmund für die Notfallversorgung abgemeldet. Screenshot: OZ
Sonntagabend, 4. Juni 2023: Im Ivena-Portal sind die Intensivstationen in Aurich, Leer und Wittmund für die Notfallversorgung abgemeldet. Screenshot: OZ

Unsere Zeitung hat am 24. Mai eine Umfrage unter allen ostfriesischen Klinik-Betreibern und -Eigentümern gestartet und um Antworten bis 2. Juni gebeten. Noch gar keine Reaktion gibt es vom Klinikum Leer, vom Klinikverbund Aurich-Emden-Norden und von Aurichs Kreisverwaltung. Antworten liegen bisher nur vom Leeraner Borromäus-Hospital vor (wir berichten noch).