ADFC-Foto des Monats Bürgermeister reagiert auf Musterschüler genervt
Aurich möge sich beim Radwegebau ein Beispiel an Nordhorn nehmen, meint der ADFC. Nordhorn hat beim Fahrradklimatest im Unterschied zu Aurich gut abgeschnitten. Der Bürgermeister reagiert genervt.
Aurich - Blockierte Durchfahrten, unsinnige Schilder, marode Wege: Mit dem „Foto des Monats“ weist der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) Aurich auf Missstände beim Thema Radverkehr hin. Aber auch positive Beispiele sollen mit der Initiative, die diese Zeitung journalistisch begleitet, dargestellt werden. Der ADFC möchte damit der öffentlichen Debatte über eine bessere Fuß- und Radverkehrs-Infrastruktur Impulse geben und zu Verbesserungen beitragen.
Auf dem Foto des Monats Juni zeigt Albert Herresthal vom ADFC-Kreisverband Aurich ein positives Beispiel – allerdings nicht aus Aurich, sondern aus Nordhorn. Die Kreisstadt im Südwesten Niedersachsens hat mehr Einwohner als Aurich (54.000 im Vergleich zu 43.000), ist aber von der Fläche her um ein Viertel kleiner. Es ist kein Zufall, dass der ADFC diese Stadt als Vorbild für Aurich wählt. Nordhorn hat beim jüngsten Fahrradklimatest des ADFC den ersten Platz belegt. In dieser Untersuchung wird alle zwei Jahre danach gefragt, wie zufrieden die Menschen vor Ort mit ihrer Situation als Radfahrer sind. Mit der Note 2,76 steht Nordhorn auf Platz 1 von 113 Orten in der Klasse 50.000 bis 100.000 Einwohner. Aurich rangiert mit der Gesamtnote 4,03 auf Platz 245 von 447 im Ranking der Städte mit 20.000 bis 50.000 Einwohnern.
„So geht Radweg!“
Was zeichnet Nordhorn aus? Dazu schreibt der ADFC: In Nordhorn habe man „Radwege gefunden, die auch Aurich gut zu Gesicht stünden“. Dabei handele es sich um traditionelle Hochbord-Radwege, die aber sehr gut gestaltet seien: breit, mit glattem Asphalt und durchgehend eben, auch an Einmündungen. „Der Radweg wird auf dem Hochbord geführt, ist aber klar abgegrenzt zum Fußverkehr“, schreibt der ADFC. Die rote Einfärbung sorge für Sicherheit. Da der Radweg an Einmündungen auf seiner Ebene bleibe, müssten abbiegende Autofahrer eine leichte Rampe hochfahren, was sie zusätzlich auf Radfahrer aufmerksam mache. Herresthals Fazit lautet: „So geht Radweg!“
Wir haben den Auricher Bürgermeister Horst Feddermann (parteilos) gefragt, ob er Nordhorn nun als leuchtendes Vorbild betrachte. Der Verwaltungschef reagiert ähnlich genervt wie ein schlechter Schüler, dem die Eltern sagen, er möge sich ein Beispiel am Nachbarskind mit den tollen Noten nehmen. Zunächst gibt sich Feddermann diplomatisch: „Ich freue mich immer, wenn Bürger der Stadt Vorschläge machen und Bilder aus dem Urlaub mitbringen. Dass Aurich mit Nordhorn verglichen wird, ehrt mich sehr. Die Struktur ist jedoch eine gänzlich andere.“ Auf das konkrete Beispiel des Radwegs geht der Bürgermeister nicht ein. Stattdessen stellt er ausführlich dar, weshalb Aurich seiner Meinung nach durch den ADFC in ein zu schlechtes Licht gerückt werde.
„Darauf kann ich nicht stolz sein“
Aurich habe beim Fahrradklimatest in der Tat schlecht abgeschnitten, schreibt Feddermann – und weist auf die geringe Anzahl der Teilnehmer hin: 261, also rund 0,6 Prozent der Bevölkerung Aurichs. An deren Urteil lasse sich nicht rütteln, räumt er ein, „und darauf kann ich nicht stolz sein“. Er bezweifle allerdings, dass Aurich tatsächlich so schlecht aufgestellt sei, so der Bürgermeister. „Auch ich bin hin und wieder in anderen Städten unterwegs und sehe dort oft genug Verbesserungspotenzial. In meinem eigenen Ranking sehe ich Aurich nicht bei dieser Note von 4,03. Verstehen Sie mich bitte richtig. Es ist sicher nicht alles gut und wir können auch besser werden, aber eine 4,03 haben wir nicht verdient.“
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Die Stadt investiere laufend „erhebliche Mittel“ in den Ausbau und in die Sanierung von Rad- und Fußwegen, beispielsweise am Haxtumerfeld, in der Popenser Straße, der Fockenbollwerkstraße und der Egelser Straße. Auch der Landkreis Aurich und das Land Niedersachsen gäben jedes Jahr Geld für die Verbesserung der Radwege aus. „Dass das Ergebnis Herrn Herresthal nicht immer zufriedenstellt, ist sehr schade“, findet Feddermann. „Viele Ingenieure und Behörden versuchen, mit den engen Gegebenheiten in unserer gewachsenen Stadt Aurich zurechtzukommen und fahrradfreundliche Lösungen für alle Bürger zu präsentieren. Hier sind oft Kompromisse gefordert.“ Der Bürgermeister wünscht sich „weiterhin Verbesserungsvorschläge, aber auch eine Wertschätzung des bereits Erreichten“. Das sei „im Gegensatz zu anderen Gegenden gar nicht so wenig“.