E-Autos  Hunderte Jobs bei VW in Emden in Gefahr?

Martin Teschke
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Von Martin Teschke
| 22.05.2023 17:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der ID.4 in der Produktion in Emden: Ganz offenbar läuft das Modell nicht so wie erhofft. Foto: Ortgies/Archiv
Der ID.4 in der Produktion in Emden: Ganz offenbar läuft das Modell nicht so wie erhofft. Foto: Ortgies/Archiv
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Volkswagen in Emden steht kurz davor, zum reinen Elektro-Werk zu werden. Doch es gibt nicht einkalkulierte Hindernisse. Das könnte Arbeitsplätze kosten.

Ostfriesland - Beim Volkswagen-Konzern – und insbesondere bei der Kernmarke VW Pkw – haben sich in den vergangenen Wochen und Monaten die nicht ganz so guten Nachrichten gehäuft: Halbleiter- und andere Liefer-Engpässe, Ärger mit der Software-Sparte Cariad, angeblich zu geringe Gewinne bei Golf & Co. Konnte sich das Werk in Emden lange Zeit im Ruhm des äußerst erfolgreichen Passat sonnen, brechen nun andere Zeiten an. Es stehen in Ostfriesland ganz konkret Arbeitsplätze auf dem Spiel.

„Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Bestelleingänge im Elektro-Sektor nicht so sind, wie wir uns das alle wünschen“, sagte der Emder Betriebsratschef Manfred Wulff am Montag im Gespräch mit unserer Zeitung. Genaue Zahlen nannte er auf Nachfrage allerdings nicht.

Was wird aus den befristeten Verträgen?

Im Werk selbst kursieren nach Informationen unserer Zeitung derzeit Gerüchte, die bis Ende dieses Jahres befristeten Verträge für die vielen Leiharbeiter in Emden könnten nicht verlängert werden. Betriebsrat Wulff sagte dazu, die Leiharbeiter seien seinerzeit ins Werk gekommen, um die parallele Produktion der Verbrenner (Passat und Arteon) sowie der E-Autos (ID.4 und ID.7) wuppen zu können. Ursprünglich war geplant, den Passat Ende dieses Jahres in Emden auslaufen zu lassen und im slowakischen Bratislava weiter zu bauen. Daher die Befristung.

„Wir können jetzt noch nicht sagen, was aus den Leiharbeitsverträgen wird“, räumte Wulff ein. VW in Emden beschäftigt nach Auskunft von Wulff derzeit 1600 Leiharbeiter. Was die Beschäftigungssituation derzeit so unübersichtlich macht, ist nicht nur der offenbar nicht so üppige Bestelleingang für den ID.4, sondern auch die Zukunft des Passat in Emden. Wie Wulff sagte, soll die Verbrenner-Produktion in Emden nun länger laufen als geplant – nämlich bis März/April nächsten Jahres. „Der Passat hat einfach seine Fans“, so Wulff. Dieser Umstand könnte Emden in der Personaldebatte ein wenig Luft verschaffen – oder wegen der Absatzschwierigkeiten auch nicht. Die Stammbelegschaft selbst hat eine Beschäftigungsgarantie bis zum Jahr 2029. Offen dabei ist allerdings, ob wegfallende Stellen beispielsweise durch Verrentung auch wieder ersetzt werden.

Wie VW in Emden die Kurve kriegt

Ein Kommentar von Martin Teschke

Auch wenn es keiner gern zugeben mag: Allen, aber auch wirklich allen ist von Anfang an klar gewesen, dass die Konzentration auf eine einzige Antriebsart, die E-Mobilität, an einem Automobil-Standort wie Emden eine Milliarden-Wette auf die Zukunft ist. Und wie das bei Wetten so läuft, gibt es immer ein paar Variablen, die einem den Spaß kräftig verderben können.

Die schwerwiegendste Spaßbremse ist sicher die inflationsbedingte Kaufzurückhaltung der Kunden. Die Anfangsinvestition in ein E-Auto bei gleichzeitig undurchsichtiger Strompreisentwicklung ist dann doch immens. Hinzu kommt eine Ladeinfrastruktur, die einen Autofahrer auch nicht zu Freudentänzen animiert. Nicht zu unterschätzen sind außerdem die Reichweite der Batterien und die Ladezeit: Wer mal mit Familie im Auto in die Sommer- oder Winterferien gedüst ist, weiß vielleicht, was „Urlaubsspaß von Anfang an“ bedeuten kann – und wie schnell man das hinter sich bringen möchte.

All dies macht es Volkswagen in Emden schwer, die Wette auf die Zukunft kurzfristig zu gewinnen. Besonders die Emder können jetzt nur hoffen und weiter wetten, zum Beispiel auf leistungsfähigere Batterien, eine bessere Infrastruktur – sowie Politik und Konzernführung, die endlich aus dem Quark kommen.

Den Autor erreichen Sie unter m.teschke@zgo.de

Wann geht es mit dem ID.7 los?

Mehr als zuvor ruhen die Hoffnungen im Emder VW-Werk nun auf dem Erfolg des neuen Vorzeige-Modells ID.7. Laut Wulff ist Mitte/Ende Juni der sogenannte Start of Production, das heißt, in Emden werde dann hin und wieder ein ID.7 vom Band laufen, an dem nichts mehr getestet und verändert werden müsse, der also produktionsreif sei. Danach, nach den Werksferien, die bis Anfang August gingen, laufe dann die Serienproduktion des ID.7 an. Nach Informationen unserer Zeitung kostet die Limousine zwischen 60.000 und 80.000 Euro – ist also nicht für jedermann erschwinglich. Laut Wulff soll im Sommer nächsten Jahres dann der ID.7 Variant in Emden folgen und vom Band laufen. Sein dann wohl offizieller Name: ID.7 Tourer.

Ab August könnte er in Emden in Serie gehen: der ID.7. Foto: Volkswagen AG
Ab August könnte er in Emden in Serie gehen: der ID.7. Foto: Volkswagen AG

Andere Herausforderungen, die die VW-Betriebsräte derzeit umtreiben, sind die Sparpläne des neuen VW-Markenvorstands Thomas Schäfer. Der hatte in der vergangenen Woche in der Mitarbeiter-App „360 Grad“ verkünden lassen: „Wir sehen, dass unsere Marke – bei allen Stärken – wirtschaftlich noch nicht solide genug aufgestellt ist. Wir müssen aber auch in Krisenzeiten und in einer auf Dauer volatilen Welt gute, wettbewerbsfähige Renditen schaffen.“ Im ersten Quartal hatte die Kernmarke des Wolfsburger Autokonzerns nur eine Umsatzrendite von 3 Prozent eingefahren. „Damit können wir uns wichtige Zukunftsinvestitionen schlicht nicht leisten“, sagte Schäfer. „Um wirklich krisenfest zu sein, brauchen wir eine nachhaltige Umsatzrendite von 6,5 Prozent.“ Deshalb starte VW jetzt ein Programm für mehr Effizienz und Kosteneinsparungen.

Wirklich witzig dürfte der Emder Betriebsratschef Manfred Wulff solche Sätze nicht finden. Offiziell sagte er unserer Zeitung: „Wir wollen das mit unserer Mannschaft, also mit den Betriebsräten und den Vertrauensleuten, jetzt in dieser Woche in aller Ruhe besprechen.“ Man habe ein neues „Zukunftspaket“ im Hinterkopf, über dessen Inhalte er aber noch nicht sprechen könne und wolle. Nun seien erst einmal die VW-Vorstände am Zuge. „Die wollen ja schließlich was von uns“, sagte Wulff.

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