Osnabrück Muss man verrückt sein, um genial zu sein? Ja!
Was haben Albert Einstein und Elon Musk gemeinsam? Sonderling und gleichzeitig Genie zu sein. Doch meist haben bewunderte Genies eine dunkle Seite. Sollten wir denen, die kreativ sind, nicht einfach einiges nachsehen?
Ein großes Talent zu haben, gilt gemeinhin als Geschenk. Erfinder und Künstler bringen die Welt voran, man könnte neidisch werden. Weniger bekannt ist, dass viele Superkreative für ihre Begabung auch einen „Preis der Größe“ zahlen, wie Psychologen es nennen. Ob Maler wie Vincent van Gogh, der mehrmals in eine Nervenheilanstalt eingeliefert wurde und sich im Wahn ein Ohr abschnitt, oder der Physik-Nobelpreisträger Albert Einstein, der seiner Ehefrau einen Katalog an Vorschriften für den Umgang mit ihm inklusive Ultimatum stellte: Bei Kreativen tauchen Psychosen und Neurosen weitaus häufiger auf als in der Durchschnittsbevölkerung.
Was übrigens an den Genen liegt, wie die Medizin inzwischen weiß. Denn kreative Gehirne funktionieren anders, offener und assoziativer, so dass Ideenspinner neugierig sind und die Welt stets mit einem frischen Blick betrachten. In diesen Gehirnen herrscht mehr Chaos. Dieses Chaos ist meistens produktiv, manchmal aber eben auch zerstörerisch.
So ist bekannt, dass Berufskreative zu unmoralischem Verhalten neigen. Sie lügen häufiger, weil sie sich schnell langweilen. Sie fühlen sich anderen oft überlegen und sind rücksichtslos. Wussten Sie etwa, dass Apple-Gründer Steve Jobs sein Auto konsequent auf dem Parkplatz für Rollstuhlfahrer parkte? Er vertrat schlicht die Ansicht, dass ihm als Chef auch der beste Parkplatz zustehe.
An diese Erkenntnisse muss ich immer denken, wenn ich etwas über Elon Musk lese. Ein unberechenbares, widersprüchliches Gebaren ist typisch für den Tesla-Chef, der auch mal eben das Raumfahrtunternehmen SpaceX gründete und eine Zeitlang der reichste Mensch der Welt war. Elon Musk revolutionierte den Automarkt mit seinen elektrogetriebenen Luxusautos, die man mit gutem Öko-Gewissen kaufen konnte. Er gilt als Visionär, der sich um den Klimawandel sorgt.
Doch spätestens, seit Elon Musk den Kurznachrichtendienst Twitter gekauft hat und gleich ankündigte, er würde Ex-US-Präsident Donald Trump wieder twittern lassen, ist seine Beliebtheit bei öffentlichen Meinungsführern rapide gesunken. „Wie kann jemand, der so viele wirklich dumme Sachen tut und sagt, es so weit gebracht haben im Leben?», fragt sich die SPD-Politikerin Sawsan Chebli, die Musk „einen gefährlichen Mann” nennt. Teslas gelten in manchen Kreisen nunmehr als moralisch fragwürdig.
Ich glaube, die Sache ist anders. Man muss Elon Musk nicht mögen. Aber man kann seine Pionierleistung anerkennen, etwas völlig Neues geschaffen zu haben. Natürlich ist sein autoritärer Führungsstil oder seine „hire-and-fire”-Haltung mit tausenden Entlassungen ein Unding. Doch wenn wir Kreativität als wertvolle und erstrebenswerte Fähigkeit schätzen, dann sollten wir uns auch der Schattenseiten einfach nur bewusst sein. Denn schon der Philosoph Seneca wusste, dass es kein Genie ohne eine Beimischung von Wahnsinn gibt.