Osnabrück Tatort „Azra“ am Pfingstmontag: Ein neuer Tatort-Star aus Wien
Heute Abend zeigt die ARD den Tatort „Azra“ aus Wien. Mariam Hage wird in der Rolle einer V-Frau zum neuen Tatort-Star.
Leise fluchend geht Luka Datviani tief in der Nacht zu seinem Wagen auf dem Hof eines Clubs, der von seinem Clan geführt wird. Als er aufschließt, trifft eine Kugel die Nobelkarosse. Eine zweite zertrümmert die Seitenscheibe, die dritte seine Schulter. „In den Rücken?” fragt der verblüffte georgische Mafioso. „Echt jetzt? In den Rücken, Bruder?” Der vierte Schuss ist tödlich.
Meinte der Erschossene etwa seinen eigenen Bruder Beka Datviani (Lasha Bakradze)? Der hat ihn als Paten alter Schule ausgebootet und sich zum Chef eines Mafia-Clans gemacht, der im Gewand unbescholtener Geschäftsleute die Wiener Wirtschaft und Politik auf beängstigende Weise kontrolliert und korrumpiert. Von den Kommissaren Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) auf die tödlichen Schüsse angesprochen, sagt er: „Das war eine Hinrichtung.” Er fordert die Polizisten auf, den Mörder seines Bruders zu finden, und bietet gar eine Zusammenarbeit an.
Was er nicht weiß: Das Dezermat für Wirtschaftskriminalität bei der Wiener Polizei hat seit zwei Jahren eine V-Frau im Datviani-Clan platziert. Diese Azra, großartig gespielt von Mariam Hage, wird zur zentralen Figur eines Wiener Tatorts, der so gut und spannend ist wie schon lange keiner mehr. Dazu tragen auch präzise Dialoge (Buch: Sarah Wassermair) und eine vergleichsweise moderne Bildsprache (Regie: Dominik Hartl) bei.
Eisner und Fellner treten bei ihren Ermittlungen auf der Stelle, der Datviani-Clan ist wasserdicht wie eine teure Uhr. Vom Türsteher bis zu seiner Tochter – alle bestätigen das Alibi von Beka Datviani, der demnach seinen Bruder nicht erschossen haben kann. Azra hingegen ist davon überzeugt, den Clan-Chef überführen zu können, wenn sie nur nahe genug an ihn herankommt.
Die Tochter eines Junkie-Paares, deren Bruder sich ebenfalls den goldenen Schuss setzte, wurde vor Jahren von Eisner aus dem Drogensumpf befreit und für die Polizei angeworben, nun überzeugt sie Datviani mit beeindruckenden, aber etwas überinszenierten Kampfeinlagen davon, eine gute Leibwächterin für ihn zu sein. Die damit verbundene Gefahr der Enttarnung scheint sie nicht zu beeindrucken – Azra ist tough, selbstbewusst, forsch, mutig und entpuppt sich als echte Gefahrensucherin. Bis der verunsicherte und einmal mehr extrem dünnhäutige Eisner eine einsame Entscheidung trifft.
Mariam Hage ist als Azra die Entdeckung dieses Films. Auch Harald Krassnitzer zeigt sich im Senderinfo „sehr beeindruckt” von der 31-jährigen, in Wien geborenen Tochter einer Serbin und eines Libanesen: „Sie steht mit beiden Beinen im Leben, hat keine Attitüden, studiert zudem noch. Selten habe ich ein solches Energiebündel gesehen. Sie ist auf dem Sprung und wird sich durchsetzen.” „Azra” ist für Mariam Hage der erste Tatort überhaupt, aber er wird vermutlich nicht der letzte sein.
Vor allem durch ihre Rolle setzt die Spannung in diesem Tatort früh ein und lässt bis zum Schluss nicht mehr nach. Zwar scheint nach 75 Minuten alles vorbei und gelöst zu sein, doch ein Tatort dauert nun mal anderthalb Stunden und nichts ist weniger überraschend als die Wende am Ende.
Tatort: Azra. Das Erste, Pfingstmontag, 29. Mai, 20.15 Uhr.
Wertung: 5 von 6 Sternen