Trotz Mehrarbeit der Sanis  Personalnot – ostfriesische Rettungsdienste melden Fahrzeuge ab

Andreas Ellinger
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Von Andreas Ellinger
| 21.05.2023 19:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Ostfriesische Rettungskräfte kämpfen für bessere Arbeitsbedingungen – wie im März in Westerstede. Es geht ihnen unter anderem um eine Reduzierung der Arbeitszeit. Derzeit liegt sie bei rund 200 Stunden im Monat – und trotzdem sind noch Zusatzdienste fällig. Sonst müssten noch mehr Rettungsdienst-Fahrzeuge in Ostfriesland abgemeldet werden. Archivfoto: Dittrich/dpa
Ostfriesische Rettungskräfte kämpfen für bessere Arbeitsbedingungen – wie im März in Westerstede. Es geht ihnen unter anderem um eine Reduzierung der Arbeitszeit. Derzeit liegt sie bei rund 200 Stunden im Monat – und trotzdem sind noch Zusatzdienste fällig. Sonst müssten noch mehr Rettungsdienst-Fahrzeuge in Ostfriesland abgemeldet werden. Archivfoto: Dittrich/dpa
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Ostfriesische Rettungsdienste müssen Fahrzeuge abmelden, obwohl Sanis – trotz 200 Arbeitsstunden im Monat – Zusatzdienste übernehmen. Im Kreis Wittmund wird die Hilfsfrist nicht mehr ausreichend eingehalten.

Ostfriesland - Ist die Personalnot bei ostfriesischen Rettungsdiensten gerade wieder besonders groß? Aus zwei Rettungsdiensten kamen Hinweise an unsere Redaktion, dass die Engpässe wieder so groß seien, dass zeitweise Fahrzeuge abgemeldet werden müssten – und folglich nicht für Einsätze zur Verfügung stünden.

Unsere Zeitung hat daraufhin bei den Kreisverwaltungen Aurich, Leer und Wittmund, der Stadtverwaltung Emden als Rettungsdienstträger sowie bei den Kreisverwaltungen Aurich und Wittmund, dem DRK-Rettungsdienst Leer und der Stadtverwaltung Emden als Rettungsdienstbetreiber nachgefragt.

In einer Frage geht es um die Hilfsfrist. Sie beträgt in Niedersachsen 15 Minuten und soll in 95 Prozent der Notfälle eingehalten werden. Das haben die Landkreise Wittmund und Aurich zuletzt nicht mehr geschafft und damit die Regelung nicht eingehalten. Und der Landkreis Leer ist nicht bereit, die Einhaltung der Hilfsfristen für die ersten Monate dieses Jahres zu ermitteln.

Aus der Einhaltung der Hilfsfristen im Jahr 2022, über welche die Kreisverwaltung Leer lediglich informiert hat, geht nicht hervor, ob das auch in den vergangenen knapp fünf Monaten gelungen ist. In den ersten Monaten dieses Jahres soll die Personallage auch beim DRK-Rettungsdienst im Kreis Leer zeitweise besonders eng gewesen sein, wie unsere Redaktion aus dem Kreis der Einsatzkräfte erfahren hat.

1. Wie ist aktuell die Personalsituation der Rettungsdienste - gibt es Engpässe und gegebenenfalls weshalb?

Stadtverwaltung Emden: „Im Bereich der Rettungs-Sanitäter wurden aktuell – wie bereits berichtet – vier befristete und unbefristete Einstellungen vorgenommen. Zusätzlich sind im NotfallsanitärInnen-Bereich (NotSan) derzeit drei Stellen vakant. Auch hier wurden bereits entsprechende Stellenbesetzungsverfahren geführt, sodass eine Stelle ab 01.05. nachbesetzt werden konnte und eine weitere Stelle zum 01.06. besetzt wird. Des Weiteren schließen im September zwei NotSan-SchülerInnen ihre Ausbildung ab und können dann in der Regeldienst übernommen werden.“

Kreisverwaltung Wittmund: „Es gibt keine grundsätzlichen Engpässe. Natürlich kann es zum Beispiel passieren, dass sich ein Mitarbeiter/eine Mitarbeiterin kurzfristig vor Dienstbeginn krank meldet. Dieses kurzfristige Fehlen kann aber in den meisten Fällen zeitnah ausgeglichen werden.“

DRK-Rettungsdienst Leer: „Der Stellenplan ist erfüllt. Engpässe sind anhängig von individuellen Krankenständen gelegentlich vorhanden.“

Kreisverwaltung Aurich: „Die Personalsituation ist normal. Es sind alle Planstellen besetzt, zudem wurde zum 01.01.2023 ein neues Schichtsystem eingeführt. Gelegentliche Engpässe können durch akute Krankheit/Verletzung entstehen, aber in der Regel durch Nachbesetzungen aufgefangen werden.“

2. Wie viele Planstellen in den Rettungsdiensten sind aktuell nicht besetzt (bitte nach Qualifikation der fehlenden Mitarbeiter aufschlüsseln)?

Stadtverwaltung Emden: „Neben den unter Nr. 1 geschilderten Besetzungsverfahren wird derzeit zusätzlich ein Betriebsleiter/Geschäftsführer für den Rettungsdienst gesucht.“

Kreisverwaltung Wittmund: „Es sind derzeit alle Planstellen besetzt.“

DRK-Rettungsdienst Leer: „Alle Planstellen sind besetzt. Es konnten zusätzliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gewonnen werden.“

Kreisverwaltung Aurich: „Alle Planstellen sind besetzt. Derzeit sind Stellenausschreibungen für Notfallsanitäter*innen über den Stellenplan hinaus veröffentlicht. Interessierte Notfallsanitäter*innen können sich gerne bewerben (www.rettungsdienst-aurich.de).“

3. Wie sieht die Statistik der Fahrzeug-Abmeldungen (bitte nach KTW, RTW, et cetera aufschlüsseln) in diesem Jahr aus?

Stadtverwaltung Emden:

„17.04.: 1 Mehrzweckfahrzeug in Tagschicht, wegen kurzfristiger Krankmeldung morgens vor Dienstbeginn nicht besetzt, dafür wurde ein Notfall-Krankentransportwagen als Ersatz eingesetzt. 20.04.: 1 Mehrzweckfahrzeug in Tagschicht, wegen kurzfristiger Krankmeldung nicht besetzt. 21.04.: 2 Mehrzweckfahrzeuge in Tagschicht, davon eines wegen kurzfristiger Erkrankung und das weitere wegen Personalengpässen nicht besetzt. Ersatzweise wurde dafür ein Notfall-Krankentransportwagen besetzt. Die überwiegende Ursache ist der kurzfristige Ausfall eines der Besatzungsmitglieder, wenn auch eine Ersatzkraft kurzfristig nicht zur Verfügung steht. Fahrzeugabmeldungen aufgrund von Krankheit können in Ausnahmefällen nicht verhindert werden. Fahrzeugabmeldungen wird es in geringem Ausmaß immer geben. Aufgrund der hohen Einsatzbelastung ist es gegenwärtig deutlich schwerer, unter Einhaltung der Arbeitszeitvorschriften Ersatzpersonal einzuplanen. Auch stehen nebenamtliche Aushilfskräfte nur eingeschränkt zur Verfügung. Abschließend musste einem Mitarbeitenden aus gesundheitlichen Gründen das Führen der Rettungsfahrzeuge untersagt werden. In einer Gesamtbetrachtung muss auch berücksichtigt werden, dass ab Freitagmittag keine Aushilfskräfte mehr von den Börsen angefordert werden können und der Rettungsdienst kurzfristig weiter personell verstärkt wurde und wird. Auch im Bereich der Bedarfsmitarbeiter konnten aktuell jeweils ein Notfallsanitäter und ein Rettungssanitäter angeworben werden.“

Kreisverwaltung Wittmund: „Im angefragten Zeitraum wurden insgesamt abgemeldet: 7 Schichten Krankentransportwagen und insgesamt 10 Stunden Rettungswagen.“

DRK-Rettungsdienst Leer: „Es kommt vor, dass Fahrzeuge abgemeldet werden müssen, wenn plötzlich viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erkranken. Vorrangig wird dann jedoch ein Fahrzeug im Krankentransport abgemeldet und nicht im Rettungsdienst. Im Januar 2023 hat der Rettungsdienst kein Fahrzeug abgemeldet. Im Februar und März mussten sowohl Krankentransportfahrzeuge wie Rettungsfahrzeuge stundenweise abgemeldet werden, wobei der Stundenanteil bei den Krankentransportwagen höher war. Insgesamt leistet der Rettungsdienst/ Krankentransport monatlich mehr als 7000 Stunden; die Abmeldungen im Februar und März lagen sowohl für Krankentransportwagen wie für Rettungstransportwagen unter 0,5 Prozent.“

Kreisverwaltung Aurich: „Im Regelfall werden alle Fahrzeuge besetzt. Es kann in Einzelfällen zu einer Ummeldung kommen, wenn beispielsweise ein Notfallsanitäter durch einen qualifizierten Rettungssanitäter ersetzt wird und dadurch aus dem Mehrzweckfahrzeug ein Krankentransportwagen wird. Abmeldungen erfolgen in einem nicht nennenswerten Umfang.“

Wenn ein Mehrzweckfahrzeug zu einem Krankenwagen wird, entspricht das der Abmeldung eines Rettungswagens. Denn Mehrzweckfahrzeuge sind mit höher qualifiziertem Personal besetzt, sodass Rettungseinsätze gefahren werden können – das kann eine Krankenwagen-Besatzung nicht.

4. Wie ist es um die Einhaltung der Hilfsfrist in diesem Jahr bisher bestellt - zu wie viel Prozent konnten die 15 Minuten in welchem Rettungsdienst-Bereich eingehalten werden?

Stadtverwaltung Emden: „Der Erreichungsgrad der 15-Minuten-Hilfsfrist liegt in Emden bei 96,34 Prozent.“

Kreisverwaltung Wittmund: „Die Hilfsfristen wurden in 93,23 % der Einsätze erfüllt.“

DRK-Rettungsdienst Leer: „Diese Frage kann Ihnen nur der Landkreis Leer beantworten.“

Kreisverwaltung Leer: „Der Landkreis Leer wertet die Hilfsfristen jeweils über einen Zeitraum von zwölf Monaten aus. Das ist auch jetzt der Fall, dabei werden dann die ersten Monate dieses Jahres mit berücksichtigt. Aktuelle Zahlen sind aber derzeit nicht verfügbar; wie bereits mitgeteilt, werden diese gerade im Zusammenhang mit dem neuen Rettungsdienstbedarfsplan erhoben. Insofern kann ich nur auf die letzte Zahl von 2022 verweisen: 95,5 Prozent. Im Kreisgebiet gelten die festgestellten Hilfsfristen nur für den von uns beauftragten Rettungsdienst des DRK und auch nur innerhalb des für diesen Rettungsdienst festgelegten Einsatzgebietes, das nicht deckungsgleich ist mit dem Kreisgebiet. In Grenzgebieten sind zum Teil andere Wachen zuständig (zum Beispiel Emden oder Papenburg).“

Kreisverwaltung Aurich: „Die Erfüllung der Hilfsfrist liegt derzeit bei 94,75 Prozent.“

5. Wie viele Überstunden sind aktuell jeweils in den Rettungsdiensten in der Belegschaft aufgelaufen (also Gesamtzahl der vorhandenen Überstunden im jeweiligen Rettungsdienst)?

Stadtverwaltung Emden: „Das kann auf Grund der Arbeitszeitregelungen für Rettungsdienstpersonal so nicht ausgewertet werden. Vertretungsstunden für erkrankte KollegInnen können zum Beispiel kurzfristig zu Überstunden führen, die später durch Freischichten wieder ausgeglichen oder als Mehrarbeitsstunden ausgezahlt werden. Tatsächlich fallen immer dann Überstunden an, wenn es zu Stellenvakanzen kommt, da die Nachbesetzung in der Regel erst mit einer deutlichen Verzögerung (Stellenbesetzungsverfahren) erfolgen kann.“

Emdens Stadtrat Volker Grendel auf Nachfrage (Auszüge): „Zunächst müssen wir den Begriff Überstunden zum besseren Verständnis konkretisieren. Bei Überstunden handelt es sich formell um begründete und nach Beteiligung der Personalvertretung angeordnete Stunden, die zusätzlich zur arbeitsvertraglich vereinbarten Arbeitszeit wahrgenommen werden müssen, also vom Mitarbeitenden auch nicht abgelehnt werden können. Solche Überstunden sind in den letzten Jahren im Rettungsdienst nicht angefallen. Mehrarbeitsstunden sind Stunden, die Mitarbeitende freiwillig zusätzlich zu ihrer arbeitsvertraglich vereinbarten Arbeitszeit wahrnehmen und die durch Bezahlung oder Freizeitausgleich abgegolten werden. Mehrarbeitsstunden fallen regelmäßig in der Urlaubszeit, bei Stellenvakanzen und Krankheit von Mitarbeitenden an, um die Fahrzeuge zu besetzen, wenn zum Beispiel nicht ausreichend Bedarfsmitarbeiter akquiriert werden können. Vorrangig vor den Mehrarbeitsstunden werden bei planmäßigen Ausfällen Bedarfsmitarbeiter eingesetzt. Auf dieses bewährte Instrument greifen alle Rettungsdienste zurück. Im ersten Quartal 2023 sind nachstehenden Stundenzahlen durch Bedarfsmitarbeiter abgedeckt worden: Januar 2023: 108 Stunden, Februar 2023: 96 Stunden, März 2023: 228 Stunden. Tatsächlich sind im ersten Quartal 2023 folgende Mehrarbeitsstunden angefallen: Januar 2023: 180 Stunden, Februar 2023: 144 Stunden, März 2023: 84 Stunden. Bei 30 Mitarbeitenden sind das pro Mitarbeitenden (MA) bezogen auf die monatliche (sich aus Voll- und Bereitschaftsarbeitszeit zusammensetzende) Regelarbeitszeit von circa 200 Stunden im Januar 6 Stunden pro Mitarbeitendem, im Februar 4,8 Stunden pro Mitarbeitendem und im März 2,8 Stunden pro Mitarbeitendem im Monat. Wenn beides nicht möglich war und die Nichtbesetzung eines Fahrzeuges nicht anders abzuwenden war, wurde im Einzelfall auf Mitarbeitende der Rettungsdienst-Börse zurückgegriffen. In diesem Segment sind im ersten Quartal folgende Stunden angefallen. Januar 2023: 36 Stunden, Februar 2023: 12 Stunden, März 2023: 24 Stunden. Diese stehen der monatlichen Gesamtarbeitsleistung aller Mitarbeitenden in einer Größenordnung von circa 5800 Stunden gegenüber.“

Kreisverwaltung Wittmund am 17. Mai: „Es haben sich, seit Diensteintritt des jeweiligen Mitarbeiters, in etwa 1000 Überstunden (Stand heute) für alle Mitarbeiter der Rettungsdienste im Landkreis aufgebaut.“

DRK-Rettungsdienst Leer: „Die Stundenkonten der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen werden wir nicht veröffentlichen. Insgesamt war es möglich, durch eine erhöhte Personalvorhaltung Überstunden weiter abzubauen.“

Kreisverwaltung Aurich: Keine Angabe. Unsere Redaktion hat nachgehakt.

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