Bielefeld/Boston Wenn ein Krebsforscher selber zum Patienten wird
Seit 20 Jahren forscht Wolfgang Gössling in den USA zu Krebs. Dass er einmal selbst erkranken würde, konnte er sich nicht vorstellen. Nach der Diagnose beginnt für ihn eine aufwendige Therapie voller Strapazen.
Als Onkologe und Krebsforscher hilft Wolfram Gössling seit 20 Jahren Krebspatienten in Boston in den USA. Den Krebs zu bekämpfen, hat sich der gebürtige Bielefelder zur Lebensaufgabe gemacht. „Ich bin immer davon ausgegangen, dass ich weiß, wie es meinen Patienten geht.“ Doch das stimmte nur bedingt.
Erst, als Gössling selber zum Krebspatienten wird und eine Diagnose erhält, die einem Todesurteil gleicht, versteht er viel besser, was das bedeutet und welche Sorgen, Ängste und Schmerzen Krebspatienten auf ihrem Weg begleiten. „Ich weiß nicht, ob mich diese Erfahrungen zu einem besseren Arzt gemacht haben, aber ich weiß, dass ich ein anderer Arzt geworden bin.“ Und Gössling weiß auch, dass Krebspatienten Hoffnung brauchen, weshalb er seine Geschichte aufgeschrieben hat.
Als Gössling seine erste Krebsdiagnose erhält, ist er 45 Jahre alt und Vater von vier Kindern. „Ich hatte zwar schon jüngere Krebspatienten behandelt, aber ich war darauf überhaupt nicht vorbereitet, weil es mir sehr gut ging.“ Seine Sehschwäche hält Gössling damals für sein größtes gesundheitliches Problem. Doch 2013 ändert sich alles.
Gössling unterrichtet an der Harvard Medical School Medizinstudenten und erklärt ihnen in einer Vorlesung, wie wichtig ein sensibler Umgang mit Patienten und das Überbringen schlechter Nachrichten sind, als sein Klinikpager klingelt. „Bitte ruf Deinen Hautarzt an. Es ist dringend“, steht auf dem Pager. Gössling beginnt zu zittern, denn eine Woche zuvor wurde ihm eine Gewebeprobe im Gesicht entnommen. „Sie war zwar nicht größer als ein Zwei-Cent-Stück, doch mein Dermatologe empfahl die Biopsie, um Krebs auszuschließen.“
Angsterfüllt ruft Gössling seinen Arzt an, der ihm schluchzend schlechte Nachrichten überbringt. „Ich erfuhr am Telefon, dass ich ein Angiosarkom habe, einen sehr seltenen bösartigen Tumor, der sich auf meiner rechten Gesichtshälfte ausgebreitet hatte.“
Trotz dieser Nachricht kehrt Gössling nach dem Telefonat zu seinen Studenten zurück. „Es erschien mir in diesem Moment als das einzig Sinnvolle“, sagt der 55-Jährige. „Ich klickte mich durch meine vorbereiteten Folien und brachte die Vorlesung Schritt für Schritt zu Ende. Was hätte ich sonst machen sollen?“ Klar ist ihm jedoch sofort, dass der Krebs, den zu bekämpfen er sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, nun sein eigenes Leben bestimmen wird.
Trotz der ungünstigen Prognose überlebt Gössling. Dafür ist allerdings eine aggressive Behandlung mit Chemotherapien, Operationen und Bestrahlungen nötig, die er in seinem Buch sehr genau beschreibt. Durch die Lektüre wird auch Nicht-Betroffenen bewusst, wie schmerzhaft und entbehrungsvoll diese Zeit war und was es bedeutet, wenn Krebspatienten sagen, dass sie am Abgrund stehen. „Bis ich es selbst erlebte, konnte ich nur ahnen, aber nicht wirklich erfassen, wie sich meine Patienten fühlen. Mir war das Ausmaß bis dahin nicht völlig klar gewesen.“
Die größte Angst ist für Gössling lange die vor dem Verlust seines Gesichts, denn seine Ärzte müssen große Teile von Haut, Nerven und Muskeln entfernen, praktisch seine gesamte rechte Gesichtshälfte. „Ich hatte Angst davor, mit dem Gesichtsverlust auch meine Identität zu verlieren.“ Auch die Angst, dass ihn seine Kinder nicht mehr erkennen, macht ihm zu schaffen. „Wie sollen sie mich noch lieb haben, wenn sie mich nicht mehr erkennen?“, fragt sich Gössling. Doch die Angst ist unbegründet. „Die Kinder haben sich am wenigsten beeindrucken lassen und waren froh, dass ich noch da war.“
Mit seiner persönlichen Geschichte möchte Gössling anderen Menschen Mut machen, weshalb er 2019 mit dem Schreiben beginnt. Doch dann passiert etwas, mit dem Gössling nicht rechnet – der Krebs kehrt zurück. „Das war ein Schock, der noch größer war, als bei meiner ersten Diagnose.“ Erneut steht dem Onkologen eine aggressive Therapie bevor. „Ich wusste also, was auf mich zukam, aber es war völlig ungewiss, ob sie wieder zum Erfolg führen würden. Deshalb war an eine Fortsetzung des Schreibens nicht mehr zu denken, denn ich wollte meinen Lesern ja Hoffnung schenken.“
Doch auch die zweite Therapie überlebt Gössling trotz der schlechten Prognose. „Mit der Hilfe meiner Ärzte, aber auch mit der meiner Frau Helle und unseren Kindern.“ Außerdem profitiert Gössling von den Fortschritten in der Medizin. „Mittlerweile gibt es die Möglichkeit einer Immuntherapie, die bei meiner ersten Diagnose noch gar nicht zur Verfügung stand.“ Für Gössling sind diese Erfolge Gründe dafür, sein Buch fortzusetzen. „Meine Geschichte zeigt, dass es natürlich Rückschläge im Kampf gegen den Krebs gibt, sie aber nicht zwingend das Ende bedeuten müssen.“
Den Begriff Heilung vermeidet man in der Onkologie oft. „Doch dieses Label brauche ich auch nicht, um glücklich zu sein. Denn ich weiß als Onkologe, dass sich ein Arzt nie zu 100 Prozent sicher sein kann. Ich nehme deshalb jeden Tag, wie er kommt.“ Und auch, wenn ihm die Auswirkungen seiner beiden Krebsbehandlungen im wahrsten Sinn des Wortes ins Gesicht geschrieben sind, denkt er nicht jeden Tag an die Möglichkeit, dass der Krebs zurückkehren könnte.
Dieser Artikel erschien zuerst in der Neuen Westfälischen in Bielefeld.