Hamburg  Grönemeyer-Konzert: Der eigenwillige Star und seine Fans – funktioniert das wie früher?

Dagmar Leischow
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Von Dagmar Leischow
| 19.05.2023 15:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Herbert Grönemeyer rast über die Bühne, tanzt auf die ihm eigene Art, ein breites Grinsen im Gesicht. Foto: IMAGO IMAGES/Frank Peter
Herbert Grönemeyer rast über die Bühne, tanzt auf die ihm eigene Art, ein breites Grinsen im Gesicht. Foto: IMAGO IMAGES/Frank Peter
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Herbert Grönemeyer hat am Donnerstagabend in Hamburg den zweiten Stopp seiner „Das ist los Tour“ eingelegt. So war das Konzert.

Auf den ersten Blick ist es wohl schwierig, Herbert Grönemeyer nicht sympathisch zu finden. Irgendwie scheint er immer noch eine ehrliche Haut zu sein. Der Junge aus dem Pott, der seiner Heimatstadt Bochum die gleichnamige Hymne gewidmet hat.

Wenn der 67-Jährige in der ausverkauften Hamburger Barclays Arena herumhüpft wie ein Gummiball, verströmt er einen recht schelmischen Charme. Er wirkt beinahe jungenhaft und strahlt die ganze Zeit. Kein Zweifel: Hier ist jemand mit Spaß bei der Sache.

Seine Fans feiern ihn schon wie den Messias, bevor er überhaupt den ersten Ton gesungen hat. Ziemlich schnell kristallisiert sich allerdings heraus: Der humorvoll-selbstironische Herbert ist wohl doch am populärsten. Egal, ob er im groovigen „Mambo“ beklagt, dass er einfach keinen Parkplatz findet, bei „Vollmond“ um seine Angebetete buhlt oder sich und seinen Geschlechtsgenossen passend zum Vatertag mit „Männer“ den Spiegel vorhält. Sätze wie „Männer haben‘s schwer, nehmen‘s leicht / Außen hart und innen ganz weich“ bringen einen immer noch zum Schmunzeln. Sie lassen sich prima mitsingen, folglich reißen sie die Masse zu kollektiven Begeisterungsstürmen hin.

Optimismus zu verbreiten, das hat sich Herbert Grönemeyer offenbar auch für sein aktuelles Album „Das ist los“ auf die Fahne geschrieben. Jedenfalls streckenweise. Dabei gab er auf seiner letzten Platte „Tumult“ noch den politischen Mahner, der in dem Lied „Bist du da“ fragte: „Bist du da / Wenn Seelen verwaisen / Bist du da / Wenn zu viel Gestern droht“. Diese Fragen stellt er auch bei seinem Auftritt, die Toleranzhymne „Doppelherz/Iki Gönlüm“ singt er ebenfalls – mal auf Deutsch, mal auf Türkisch.

Selbst einige neue Stücke zeichnen ein Bild der Missstände: Klimawandel oder Krieg werden durchaus abgehandelt. „Der Schlüssel“ erzählt von Migration, von Geflüchteten. Keinen Millimeter nach rechts zu rücken, dazu ruft der Sänger diesmal aber nicht auf.

Vielleicht liegt ihm noch die Kritik schwer im Magen, die er 2019 nach seinem Auftritt in Wien für diese Aufforderung bekam. Selbst politisch Linksorientierten gefiel seinerzeit sein Tonfall nicht. Mag sein, dass Herbert Grönemeyer deshalb lieber in die Rolle des Mutmachers schlüpft, statt lediglich Missstände anzuprangern.

Tatsächlich fordert er die Menge auf, ihren Kopf auszuschalten und einfach zu tanzen. Dafür zieht er bei der Nummer „Das ist los“ elektronische Beats aus dem Köcher, die mühelos eine Großraumdisko beschallen könnten. Der Text bringt dagegen mit Schlagwörtern auf den Punkt, was auf dieser Welt im Argen liegt: „Bankenkrise, Emirat / Schuldenkrise, Windradpark“.

In „Angstfrei“ rät Herbert Grönemeyer dann, man möge sich mit purer Lebenslust verbinden: „Fesch sein / Frech sein / Keiner kriegt uns jetzt klein“. „Turmhoch“ ist ein Partytrack mit House-Beats. „Die Türen fliegen auf / Für frische Utopien“ heißt es da. Wem das etwas zu simpel gedacht ist, nein, besser: wer nicht ohne Weiteres vom Katastrophenmodus zur „Alles ist möglich“-Stimmung umschalten kann, der dockt vielleicht eher beim gefühlvollen Grönemeyer an.

Natürlich setzt er sich bei seinem Konzert an sein Klavier, um „Der Weg“ zu spielen. Jene Ballade, in der er seine Trauer nach dem Tod seiner ersten Frau Anna verarbeitet hat. Dieses hochemotionale Stück kann einem durchaus Tränen in die Augen treiben. Auch heute noch.

Mit „Urverlust“ schickt der Musiker nun eine Art Fortsetzung hinterher. Sie ist nicht minder berührend. So bringt es Herbert Grönemeyer in knapp drei Stunden auf 30 Songs – unterstützt von seiner grandiosen Band. Nach drei Zugabeblöcken verabschiedet er sich endgültig. Schwer zu entscheiden, wer jetzt glücklicher ist: er selbst oder seine Fans.

Herbert Grönemeyer gibt noch ein weiteres Konzert in Norddeutschland: Am Montag, 22. Mai, tritt er in der ZAG Arena in Hannover auf.

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