Engpässe bei Notfällen Alle ostfriesischen Intensivstationen gleichzeitig abgemeldet
Alle ostfriesischen Kliniken haben ihre Intensivstationen für die Patientenaufnahme abgemeldet. Gleichzeitig. Wie ist es vor allem um die Versorgung von Herzinfarktpatienten im Kreis Leer bestellt?
Ostfriesland - Dienstag, 16. Mai, gegen 20 Uhr: Alle ostfriesischen Krankenhäuser haben ihre internistischen Intensivstationen für die „Stationäre Versorgung“ abgemeldet – im niedersächsischen Ivena-Portal. Dort informieren sich Rettungsdienste, welche Kliniken ihre Notfälle wie beispielsweise Herzinfarktpatienten aufnehmen können.
Klickt man statt der „Stationären Versorgung“ im Bereich der internistischen Intensivstationen auf die „Notfallversorgung“, dann sind die Krankenhäuser in Leer, Aurich, Emden und Wittmund ebenfalls abgemeldet. Lediglich das Norder Klinikum, das der Klinikverbund des Landkreises Aurich und der Stadt Emden schließen will, hat im Ivena-Portal gemeldet, dass es internistische Notfälle aufnehmen könne. Zu den internistischen Notfällen zählen Herzinfarktpatienten.
Auf was kommt es im Notfall bei Herzinfarktpatienten an?
Über derartige Kapazitätsengpässe berichtet unsere Zeitung inzwischen seit Herbst 2021. Unsere Redaktion hat damals Niedersachsens Gesundheitsministerium gefragt: „Hält das Gesundheitsministerium die kardiologische Intensivversorgung in Niedersachsen, insbesondere im Nordwesten des Landes, für ausreichend?“ Die kardiologische Intensivversorgung betrifft die Versorgung der Herzinfarktpatienten.
Das Ministerium antwortete damals: „Es stehen ausreichend medizinisch-technische und räumlich Kapazitäten für die kardiologische Intensivversorgung zur Verfügung. Nicht die Anzahl der Intensivbetten ist entscheidend, sondern die Anzahl der zur Verfügung stehenden, qualifizierten Mitarbeiter. Hier herrscht deutschlandweit ein bekannter Fachkräftemangel. Trotzdem sind die Krankenhäuser im Nordwesten im Linksherzkatheter-Labor einsatzbereit und können zum Beispiel Herzinfarktpatienten schnell und qualifiziert versorgen.“
Sind die Herzkatheter-Messplätze in Ostfriesland aufnahmebereit?
Eine Führungskraft eines ostfriesischen Rettungsdienstes bestätigte gegenüber unserer Redaktion die Bedeutung der Herzkatheter-Labore: „Ein Patient mit einem akuten Herzinfarkt benötigt unter gewissen Umständen zunächst eine zügige Herzkatheteruntersuchung (Koronarangiographie). Die Koronarangiographie muss schnellstmöglich erfolgen und dauert in der Regel nicht lange. Er muss nach dieser medizinischen Intervention nicht zwingend in dem Krankenhaus bleiben, sondern könnte nach der entscheidenden Behandlung weiter verlegt werden.“
In Ostfriesland verfügen das Klinikum Leer und die Ubbo-Emmius-Klinik in Aurich über jeweils zwei Linksherzkatheter-Messplätze. Beide waren am Dienstagabend laut Meldung im Ivena-Portal einsatzbereit. Das ist meist der Fall. Vermutlich, weil sie besonders wichtig sind. Zudem „werden Herzkatheter-Labore gerne als Cash-Cow der Kliniken bezeichnet“, wie ein ostfriesischer Intensivmediziner, ebenfalls Ende 2021, unserer Redaktion erklärte. Soll heißen: Herzkatheter-Untersuchungen sind für Krankenhäuser besonders lukrativ.
Wie ist es um die Herzinfarkt-Versorgung im Kreis Leer bestellt?
Auf der Internetseite des Ivena-Portals ist immer nur die Meldungslage im aktuellen Zeitfenster sichtbar – über sieben Stunden hinweg. Bei Stichproben unserer Redaktion stellte sich am 17. April und 18. April heraus, dass das Klinikum Leer seinen Herzkatheter-Bereich jeweils über mehrere Stunden hinweg abgemeldet hat. Das wirkt – mit Blick auf eine Presseauskunft des Klinikums vom 18. Januar 2022 – außergewöhnlich: „Unsere Klinik bietet eine 24-Stunden-Bereitschaft für Herzinfarktpatienten und verfügt über zwei Linksherzkatheter-Messplätze. Das heißt, dass auch im Falle von Wartungsarbeiten oder Ausfällen, ein Herzkatheter-Messplatz zur Verfügung steht.“
Unsere Redaktion hat noch am 18. April 2023 beim Klinikum Leer angefragt: „Was sind die Gründe für die Abmeldungen?“ Keine Reaktion. Am 27. April wurde das Klinikum Leer an die Anfrage erinnert. Keine Reaktion. Am 11. Mai wurde das Klinikum abermals an die Anfrage erinnert und die Mail auch an die Leeraner Kreisverwaltung geschickt. Denn dem Landkreis Leer gehört das Klinikum Leer. Aber keine Reaktion – weder vom Klinikum noch von der Kreisverwaltung. Ist die Notfallversorgung von Herzinfarktpatienten im Kreis Leer noch sichergestellt?
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