Zürich Ob unfruchtbar, schwul oder single: Ein Baby ist heute nur noch eine Frage des Geldes
Auf Kinderwunschmessen gibt es nicht nur Fruchtbarkeits-Yoga, sondern auch Eizellenspenden und Leihmütter in jeder Preisklasse. Das Geschäft mit der Sehnsucht nach der eigenen Familie boomt, ist aber hochumstritten.
Ein Amerikaner, ein Kanadier, eine Nordzypriotin und ein Kolumbianer sitzen auf einem Podium und vergleichen. 150.000 bis 200.000 Dollar, sagt der Amerikaner. 85.000 bis 115.000 Dollar, sagt der Kanadier. 65.000 Euro, sagt die Nordzypriotin. Ab 55.000 Dollar, sagt der Kolumbianer. Das sind die Preise für ein Baby.
Es ist ein Sonntagmorgen im März, und an der Kinderwunschmesse in Berlin dreht sich alles um Kinder, die noch nicht geboren sind. Im Regenbogenseminarraum findet gerade eine Gesprächsrunde zum Thema „Leihmutterschaft weltweit“ statt. Die vier Teilnehmer geben nicht nur die Preise bekannt, sondern erläutern auch die Gesetzeslage in ihren Ländern, erklären, welche Leistungen ihr Angebot einschließt und ab welchem Zeitpunkt das Kind den „Wunscheltern“ gehört. Zur gleichen Zeit hält eine Spanierin in einem anderen Raum ein Referat zu Samenbanken, während in der Storchgeflüsterlounge fruchtbarkeitsförderndes Kinderwunsch-Yoga vorgeturnt wird; „wir machen Glück“, verspricht der Slogan.
Die zweitägige Messe im Kongresszentrum Estrel richtet sich an Menschen, die Schwierigkeiten haben, Kinder zu bekommen. Die 50 Stände und 60 Vorträge versprechen alle das gleiche: dass kein Kinderwunsch unerfüllt bleiben muss. „Wish for a baby“ ist eine Messe der Hoffnung und ein Markt für Lebensträume. Und wie bei jedem Markt dreht sich auch dieser letztlich um Geld – viel Geld.
Beim Rundgang kristallisiert sich eine Faustregel heraus: Je höher die Hürden, desto teurer die Lösung. Wird eine Frau aus unklaren Gründen nicht schwanger, kann sie am Stand 10 „in Kontakt mit ihrer weiblichen Schöpferkraft“ kommen (39 Euro für ein zweistündiges Onlineseminar). Oder sie bucht am Stand 30 das Coaching „Fruchtbarkeitsheldinnen“, bei dem ihr Mikronährstoffe empfohlen werden (239 Euro, ohne Mikronährstoffe).
Bleibt die Schwangerschaft aus, weil die Spermien des Mannes nicht gut genug sind oder es gar keinen Mann gibt, hilft das freundliche Personal der dänischen „Born Donor Bank“ weiter, mit „den besten Spendern, der besten Samenqualität und dem besten Service auf dem Markt“ (ab 575 Euro für einen halben Fingerhut, zuzüglich Versand). Liegt das Problem an den weiblichen Eizellen, steht das spanische Team des Fertilitätsinstituts „Vida“ mit einem „Eizellenspende-Garantieprogramm“ bereit. Bringt die Frau, nachdem ihr drei Mal befruchtete Eizellen eingesetzt worden sind, immer noch kein Kind zur Welt, erstattet das Institut die Kosten zurück (17.950 Euro für Frauen bis fünfzig). Nur gegen die Enttäuschung gibt es keine Versicherung.
Steffi und Jan (Namen geändert) kennen sich aus mit Enttäuschungen. Das Paar steht in der Ruheecke zwischen den zwei Hallen und atmet einen Moment lang durch. „Wish for a baby“ ist so geschäftig und anstrengend wie jede Messe. Aber diese Messe ermüdet auch emotional. All die Plakate mit Schwangerschaftsbäuchen, süßen Babys, strahlenden Familien: Die Besucherinnen und Besucher werden bei jedem Stand von neuem daran erinnert, was ihnen für ihr Glück fehlt.
Steffi und Jan versuchen seit Jahren, ein Kind zu bekommen. Dabei haben sie die Grenze dessen, was sie dafür auf sich nehmen wollten, immer weiter verschoben. Steffi ist 43 und hat mehrere künstliche Befruchtungen hinter sich. Bei der letzten wurde sie schwanger. Doch vor wenigen Wochen verlor sie das Kind. Sie hat Tränen in den Augen, als sie davon erzählt.
Was erhoffen sie sich von dieser Messe? Dass sie bei der Entscheidung helfe, sagt Steffi: Sollen sie noch einen Schritt weitergehen und es mit einer Eizellenspende versuchen, oder sollen sie Abschied nehmen vom Kinderwunsch? Allerdings kommt ihnen dieser Anlass surreal vor. All die Werbegeschenke etwa: Wer läuft mit einem Jutebeutel herum, auf dem der Name einer Fruchtbarkeitsklinik aufgedruckt ist? Wer benutzt den Kugelschreiber einer Samenbank oder trinkt aus einer Wasserflasche, die für Leihmutterschaft wirbt? „Trotzdem“, sagt Steffi. „Hier sieht man die Möglichkeiten, über die man sonst kaum etwas erfährt.“
Viele davon sind in Deutschland – wie auch in der Schweiz – verboten, die Eizellenspende etwa oder die Leihmutterschaft. Deutsche Ärzte dürfen ihren Patientinnen auch nicht Kliniken im Ausland empfehlen. Die „Beihilfe zur Eizellenspende“ ist in Deutschland strafbar, ebenso die Vermittlung von Leihmutterschaften. Der Arzt von Steffi und Jan erwähnte nur vage, sie könnten ja mal „Fruchtbarkeitsmesse“ googeln. Eine Veranstaltung wie „Wish for a baby“ darf nur stattfinden, weil sich die Organisatoren auf den Standpunkt stellen, die Aussteller würden nur informieren, aber keine Verkaufsgespräche führen.
Steffi und Jan haben sich also an mehreren Ständen informiert und Prospekte mitgenommen. Falls sie sich für eine Eizellenspende entscheiden, dann in Spanien oder Dänemark, wo ein Versuch um die 6000 Euro kostet. Es wäre ihr allerletzter, sagt Steffi. „Danach müssten wir uns fragen: Wie gestalten wir unser Leben, wenn sich unser größter Wunsch nicht erfüllt?“ Die nächste Stufe schließen sie aus. Eine Leihmutterschaft kommt für sie aus ethischen, aber auch aus finanziellen Gründen nicht in Frage.
Leihmutterschaften, hier wie im Englischen oft Surrogacy genannt, stehen an der Spitze der Preispyramide. Indien hatte lange den Ruf der billigsten Destination; ein Baby war dort für unter 20.000 Dollar zu haben. Aber seit 2019 dürfen nur noch unfruchtbare indische Ehepaare das Angebot in Anspruch nehmen. Heute gelten Georgien und die Ukraine als günstig, mit Preisen ab 35.000 Dollar. Die Ukraine war vor dem Krieg das Land mit der zweithöchsten Zahl an Leihmutterschaften, gleich hinter den USA.
Natürlich ist der Preis nicht das einzige Kriterium. Im Regenbogenseminarraum wird nun etwas anderes verglichen: Wer wird in den USA, Kanada, Kolumbien und Nordzypern – einer Republik der Türkei – als Eltern zugelassen? Das Publikum besteht aus 51 Männern und einer Frau.
Das scheint im ersten Moment erstaunlich, ist es aber nicht. Drei Viertel der Leute, die durch „Wish for a baby“ flanieren, sind Männer. Denn wo könnten die Hürden fürs Babyglück höher liegen als bei schwulen Paaren? Sie brauchen nicht nur eine Leihmutter, sondern meist auch eine gespendete Eizelle. Denn während früher die Leihmütter oft die biologischen Mütter der Babys waren, ist heute ein anderes Modell beliebt: Der Leihmutter wird ein Embryo eingesetzt, das aus der Eizelle einer anderen Frau hervorgegangen ist. Das sei zwar teurer, sagen die Anbieter. Dafür sei das emotionale und rechtliche Risiko kleiner, dass die Frau das Kind behalten will.
Mehr als die Hälfte der Aussteller bieten Dienstleistungen rund um die Surrogacy an. Das Geschäft ist lukrativ und umkämpft. Die Marktforschungsfirma Global Market Insight schätzt den weltweiten Umsatz der Surrogacy-Industrie im Jahr 2022 auf 14 Milliarden Dollar. Bis 2032 werde sich die Summe fast verzehnfachen, prognostiziert die Firma. Denn einerseits nehme die Zahl der Menschen mit Fruchtbarkeitsstörungen zu. Andererseits steige die Nachfrage bei homosexuellen Paaren – und bei Singles – stark an.
Das Publikum im Regenbogenseminarraum darf aufatmen: In den Ländern, die verglichen werden, dürfen auch gleichgeschlechtliche Paare oder Einzelpersonen Eltern werden. Der Raum heißt ja nicht zufällig so. Hier, wo bunte Luftballone einen Bogen über die Referenten schlagen, kommen nur Anbieter zu Wort, die „inklusiv“ oder „LGBT-freundlich“ sind. Wie wichtig diese Zielgruppe geworden ist, zeigt sich an den Prospekten, die oft zwei Väter mit einem Baby zeigen.
Es gibt eine weitere Faustregel bei „Wish for a baby“: Steht ein Mann hinter einem Stand, ist es meist ein schwuler Vater, der aus seinem Glück einen Beruf gemacht hat. Zum Beispiel Brett, der Chef des internationalen Kundendienstes bei „Circle Surrogacy“. Das ist eine der vielen Agenturen, die „Wunscheltern Schritt für Schritt auf ihrer Reise begleiten“: bei der Wahl der Eizellenspenderin und der Leihmutter, während der Schwangerschaft und bei allen rechtlichen Fragen. Brett scrollt durch die Fotos auf seinem Handy. „Hier“, sagt er und glüht vor Stolz, „das sind meine drei Kinder.“
Brett war Banker, bevor er mit seinem Ehemann Vater wurde. Den ersten Sohn trug eine englische Leihmutter vor 13 Jahren aus; der biologische Vater ist Bretts Partner. Die Tochter haben die beiden mit 8 Monaten adoptiert, inzwischen ist sie 10 Jahre alt. Beim dritten Kind war sich das Paar uneins: Bretts Partner plädierte für eine weitere Adoption, Brett wünschte eine weitere Leihmutterschaft, diesmal mit seinem Samen. Wobei es ihm nie um die biologische Verwandtschaft gegangen sei, sagt er.
Brett ist entwaffnend ehrlich, wenn er über seine verschiedenen Wege zur Vaterschaft spricht. Er würde heute für jedes seiner Kinder sein Leben geben, sagt er. Aber die „Reise“ sei eine ganz andere. Beim ersten Sohn hätten er und sein Partner die Schwangerschaft voller Vorfreude begleitet. Die Adoption der Tochter hingegen sei ein Prozess voller aufdringlicher Fragen gewesen. Weil die Adoptionsagentur zukünftige Eltern auf den schlechtestmöglichen Verlauf vorbereiten wollte, komme keine Vorfreude, sondern eher Sorge auf. Auch die Emotionen danach seien verschieden: In seinen Sohn verliebte sich Brett gleich nach der Geburt, bei der Tochter habe es Monate gedauert, bis er das Gefühl hatte, sie sei „sein Kind“.
Brett setzte sich durch, und er hat es nicht bereut. Die Zeit bis zur Geburt des dritten Babys, das dank einer Leihmutter in den USA auf die Welt kam, sei wieder eine „rundum freudige Erfahrung“ gewesen. Diesmal hatte das Paar auch das Geschlecht des Kindes gewählt. Weil es in Bretts Familie Fälle von Brust- und Gebärmutterkrebs gibt, wollten sie einen Buben.
Brett scrollt weiter, bis er noch ein Familienfoto findet: Die beiden Väter, die zwei Söhne und die Tochter in einem Restaurant in Dallas, mittendrin sitzt eine lachende Frau. „Die Leihmutter unseres Jüngsten“, sagt Brett; das Foto sei kürzlich bei einem Besuch entstanden. „Und“, fragt er rhetorisch, „sieht so eine ausgebeutete Frau aus?“ Brett hat seinen Beruf als Banker aufgegeben, weil er Sinn darin sieht, anderen Menschen zu Babys zu verhelfen. Aber er weiß, wie umstritten das Business ist. „Alle sollten sich ihren Kinderwunsch erfüllen können. Aber sie sollten darauf achten, dass es ein Fair Trade ist.“
In diesem Geschäft gibt es einige große Fragen: Gibt es ein Recht auf ein Kind? Und: Gründet das Glück der einen im Unglück von anderen? An der Kreuzung vor dem Kongresszentrum schreit eine Gruppe Frauen gegen den Verkehrslärm an: „Frauen sind nicht eure Sklaven, Kinder sind nicht eure Ware“, rufen sie und halten Transparente, auf denen steht: „There is no fair trade in Surrogacy“.
Zum Protest aufgerufen hat die Organisation „Terre des femmes“, die sich gegen Menschenrechtsverletzungen an Frauen einsetzt. Als sich ein paar der Demonstrantinnen die Messe angucken wollten, stellten sie Sicherheitsleute vor die Tür. Was man hier draußen vom Geschäftsmodell drinnen hält, zeigt sich schon an der Wortwahl: „Kaufeltern“, „Mietmütter“. Es sei eine Form von Prostitution und Menschenhandel: Frauen aus prekären Verhältnissen stellen ihren Körper gegen Bezahlung zur Verfügung, das große Geld aber verdienen andere. „Wie beim Nutzvieh“, sagt eine Demonstrantin.
Tatsächlich ist das Geschäft mit den Leihmüttern oft dubios, etwa bei den vielbeworbenen „Garantieprogrammen“. Die Wunscheltern zahlen einen höheren Fixpreis und bekommen dafür ein Kind auf sicher. Es werden einfach so oft Embryonen eingesetzt, bis ein Baby geboren wird, wenn nötig auch bei einer zweiten oder dritten Leihmutter. Das Problem: Solche Garantieprogramme sind für die Anbieter besonders lukrativ, wenn es beim ersten Versuch klappt. Um die Chance dafür zu erhöhen, setzen manche Kliniken den Leihmüttern nicht einen Embryo ein, sondern gleich vier oder fünf. Überleben dann mehrere, werden die überzähligen abgetrieben; schließlich haben sich die Eltern ein Baby gewünscht, nicht fünf davon.
Von weiteren zweifelhaften Geschäftspraktiken berichten Ukrainerinnen im Radiobeitrag „Babys für die Welt“ des Deutschlandfunks, der kurz vor dem Krieg entstanden ist. Darin kommt eine Leihmutter zu Wort, die ein Frühchen zur Welt brachte. Weil seine chinesischen Wunscheltern befürchteten, der Bub könnte behindert sein, weigerten sie sich, ihn abzuholen. Die Mutter bekam viel weniger Geld, das Kind landete vermutlich im Heim, die Eltern bestellten ein neues Baby. Eine andere Leihmutter wurde zu einer Spätabtreibung gezwungen, weil sie mit einem Jungen schwanger war – der Kunde hatte sich eine Tochter gewünscht.
Als alleinstehender Mann hätte er in der Ukraine gar nicht zu einem Leihmutterprogramm zugelassen werden dürfen; Wunscheltern müssen hier verheiratet und heterosexuell sein. Aber die Agenturen haben Möglichkeiten gefunden, das Gesetz zu umgehen. Sie verfrachten Leihmütter für das Einsetzen des Embryos und später für die Geburt in Kliniken im Ausland, in Tschechien etwa. Der Gründer der ukrainischen „Feskov Human Reproduction Group“ wurde 2021 aufgrund eines solchen „Remote-Programms“ wegen Menschenhandels angeklagt; seine Firma soll über Prag mehr als 30 Babys verkauft und damit 1,2 Millionen Euro verdient haben.
Feskov hat auch einen Stand an der Messe in Berlin, 18.000 Kindern hätten sie auf die Welt geholfen, verkündet ein Plakat. Zu Beginn des Krieges hatten die Medien von Babys berichtet, die nicht abgeholt werden konnten. Das Problem sei gelöst, sagt die Feskov-Vertreterin und wirbt für das „Remote-Programm“, bei dem die Geburt in andern Ländern stattfinden könne. „Die Wunscheltern müssen die Ukraine also gar nie betreten.“
Unbestritten ist: Das Geschäft mit den Leihmüttern basiert auf Ungleichheit. Wohlhabende Menschen bezahlen weniger wohlhabende Frauen dafür, ihr Kind auszutragen. Zwar gibt es auch Leihmütter, deren wichtigster Antrieb es ist, anderen Leuten zu helfen. Aber mit ihnen könnte die Nachfrage niemals gedeckt werden.
Im Regenbogenseminarraum werden nun die Wartezeiten in den verschiedenen Ländern verglichen, sie hängen direkt von der Vergütung ab. In Kanada ist nur die altruistische Leihmutterschaft erlaubt, die Frauen erhalten bloß eine Aufwandentschädigung von 15.000 bis 25.000 Dollar. In den USA hingegen kann eine kommerzielle „Surrogate“ 50.000 bis 100.000 Dollar pro Kind verdienen. Das führt dazu, dass sich Wunscheltern in Kanada zwei bis drei Jahre gedulden müssen, bis eine Leihmutter gefunden ist, während das in den USA nur wenige Wochen dauert.
Bei der Frage, wo ein Kinderwunsch möglichst schnell und gleichzeitig preisgünstig erfüllt werden kann, liegen Kolumbien und Nordzypern vorn. In Kolumbien bekommt eine Leihmutter nur 5000 Dollar. Die Klinik in Nordzypern hat ein anderes Modell gefunden, um die Kosten zu senken: Man rekrutiert Frauen in armen Ländern wie Kasachstan oder Kirgistan, die für die Behandlung eingeflogen werden und bis zur Geburt vor Ort bleiben.
Nordzypern hat aber noch ein weiteres Argument auf seiner Seite. Manche Leihmutterschaftsprogramme schreiben vor, dass Singles beim Start höchstens 54 Jahre alt sein dürfen; bei Paaren soll die Summe ihrer Lebensjahre 110 nicht übersteigen. Die nordzypriotische Klinik wirbt explizit damit, bei ihr gebe es keine Altersgrenze für Wunscheltern.
So offen die Anbieter gegenüber Kunden sind, so misstrauisch werden sie, wenn ihnen eine Journalistin gegenübersteht. Auf die Frage nach den Lebensbedingungen der kasachischen und kirgisischen Leihmütter antwortet die Vertreterin der nordzypriotischen Klinik, sie kenne sich da nicht aus, sie sei nur hier, um Prospekte zu verteilen. Der Kanadier, der eine Agentur namens „Babies come true“ gegründet hat, will zuerst wissen, ob es ein Text für oder gegen Leihmutterschaft werde. Für negative Artikel dürfe er keine Auskunft geben, das habe die kanadische Regierung verboten, behauptet er.
Auch ein griechischer Arzt wird plötzlich einsilbig. In seinem Referat hatte er damit geworben, in seiner Klinik kämen alle Kinder per Kaiserschnitt zur Welt, damit der Geburtstermin für die Eltern besser planbar sei. Jetzt sagt er, man habe ihn falsch verstanden, ein Kaiserschnitt sei natürlich stets eine rein medizinische Entscheidung.
Ralf denkt seit Jahren darüber nach, ob kommerzielle Leihmutterschaften ethisch vertretbar seien. Aber was, fragt der IT-Fachmann, wäre die Alternative bei einem so unüberwindbaren Kinderwunsch wie dem seinen? „Die Alternative wäre, eine Frau zu betrügen und ihr eine romantische Beziehung vorzutäuschen, um Vater zu werden. Oder kein Kind zu bekommen und aus Verzweiflung darüber Selbstmord zu begehen.“
Ralf ist seit 13 Jahren mit seinem Partner zusammen. Vor wenigen Monaten hat er seinen Entscheid gefällt: Mit spätestens 45 will er Vater sein; jetzt ist er 43. Seither geht er seinen Kinderwunsch an wie ein Projekt, das wichtigste seines Lebens. Vor der Messe hat er mit allen Anbietern telefoniert, die in Frage kommen. Nun hat er die Vertreter an den Ständen getroffen. „Das war gut, menschlicher irgendwie. Es fühlte sich weniger an wie ein Sales Pitch.“
Ralf weiß, dass er das moralische Dilemma nicht auflösen kann, aber er versucht es mit aller Kraft. Früher habe er die naive Vorstellung gehabt, Leihmutterschaft sei eine Ausbeutung des weiblichen Körpers, sagt er. Inzwischen findet er, Selbstbestimmung beinhalte auch das Recht, den eigenen Körper zu verkaufen. Und überhaupt: Die Feministinnen draußen vor dem Kongresszentrum sollten besser gegen viel gefährlichere Entwicklungen ankämpfen. Dagegen, dass Männer plötzlich Frauen sein dürften und in Umkleidekabinen oder im Frauensport auftauchten: „Das ist doch die wirkliche Auslöschung der Frau.“
Ralf hat sich entschieden, Leihmutterschaft als „Zelebrierung der Weiblichkeit“ zu verstehen. Nun hält er Ausschau nach einer Agentur, die ihre Frauen gut behandelt und bezahlt. Wobei: Die wirklich gut bezahlten, jene in den USA, kann er sich nicht leisten. Dafür sei die Ernährung in Kolumbien oder Osteuropa natürlicher, „das ist mir auch wichtig für unser Kind“. Ralf hat einen Traum: Am liebsten wäre es ihm, die Leihmutter zöge während der Schwangerschaft zu ihm und seinem Partner; dann würden sie sie bekochen, verwöhnen und ins Theater einladen. Das geht natürlich nicht. Aber er will auf jeden Fall eine ganz enge Beziehung zur Leihmutter aufbauen, eine, die nach der Geburt ein Leben lang hält. „Sie wird die wichtigste Frau im Leben von mir und meinem Partner sein – außer vielleicht unseren Müttern.“
Die letzte Frage in der Gesprächsrunde zur Leihmutterschaft dreht sich um die gleiche Frage: Wie viel Kontakt haben werdende Eltern zur Leihmutter? Der Kanadier bringt das Thema auf, er glaubt, es sei ein Argument zu seinen Gunsten. In Kanada, sagt er triumphierend, stünden Wunscheltern und „Surrogate Mothers“ in dauerndem Austausch; die Frauen, die aus altruistischen Gründen Leihmütter werden, wünschten das so. „Bei uns ist das keine Pflicht“, wirft die Nordzypriotin ebenso siegessicher ein. Eltern können dort ein Baby bestellen, ohne je mit der Frau in Kontakt zu kommen, die es zur Welt bringt. Schließlich sind sie Kunden, und ihr Kinderwunsch ist Befehl.
Dieser Artikel erschien zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung.