Erdogan muss in Stichwahl  Wahlen in der Türkei auch in Ostfriesland hitzig diskutiert

Oliver Bär
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Von Oliver Bär
| 15.05.2023 17:44 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Die Wahlplakate werden in der Türkei länger hängen. Es gibt eine Stichwahl. Foto:Gurel/AP/dpa
Die Wahlplakate werden in der Türkei länger hängen. Es gibt eine Stichwahl. Foto:Gurel/AP/dpa
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Die Präsidentenwahl in der Türkei geht nun in eine zweite Runde. Diskutiert wird die Präsidentschaftswahl auch in der türkischen Gemeinschaft in Ostfriesland.

Leer/Emden/Istanbul - Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan muss in die Stichwahl. Erdogan verfehlte in der ersten Runde der Präsidentenwahl mit 49,51 Prozent der Stimmen die absolute Mehrheit, wie die Wahlbehörde am Montag in Ankara mitteilte. Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu lag nach dem vorläufigen Endergebnis bei 44,88 Prozent der Stimmen. Da keiner der beiden Bewerber mehr als 50 Prozent der Stimmen erhielt, gibt es am 28. Mai eine Stichwahl.

Anhänger des türkischen Präsidenten Erdogan verfolgen die Nachrichten auf ihren Smartphones vor dem Sitz der AKP (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) in Istanbul. Foto: Seco/AP/dpa
Anhänger des türkischen Präsidenten Erdogan verfolgen die Nachrichten auf ihren Smartphones vor dem Sitz der AKP (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) in Istanbul. Foto: Seco/AP/dpa

„Eigentlich sollte es keine Stichwahl geben. Erdogan hat doch gewonnen. Kilicdaroglu sollte sich einfach zurückziehen“, ärgert sich Mustafa Sahinler – Vorstandsmitglied der Eyüp-Sultan-Moschee in Emden, deren Trägerverein – die Türkisch Islamische Gemeinde – zur Türkisch Islamischen Union (Ditib) gehört. Sahinler ist Erdogan-Anhänger, wie er – zufrieden mit dem bisherigen Wahlausgang – bekennt.

Die türkische Gemeinschaft ist gespalten

Eine ganz andere Sicht auf das Wahlergebnis in der Türkei hat Serhat Özdemir, Geschäftsführer und Migrationsberater der Türkisch-Deutschen Freundschaftsgesellschaft (TDFG) in Leer. „Das Ergebnis macht mich traurig. Sollte Erdogan die Präsidentschaftswahl erneut für sich entscheiden, wirft das den Demokratisierungsprozess in der Türkei um Jahre zurück“, sagt Özdemir im Gespräch mit unserer Redaktion. Er selbst würde für den Oppositionskandidaten stimmen, hätte er sich nicht schon vor Jahren dafür entschieden, die türkische Staatsbürgerschaft durch die deutsche zu ersetzen.

So gegensätzlich wie diese beiden Meinungen, so gespalten zeigt sich auch die türkischstämmige Gemeinschaft in Ostfriesland. Etwa halbe-halbe dürfte das Verhältnis der glühenden Erdogan-Anhänger und der Freunde der Opposition sein, schätzen sowohl Sahinler als auch Özdemir. „Man kennt sich, man ist befreundet und führt trotzdem rege Diskussionen“, sagt Sahinler. „Das kann schon mal recht hitzig werden“, betont Özdemir. „Letztlich bleibt es aber friedlich. Und das wünsche ich mir jetzt auch für die Türkei.“ Jeder habe halt so seine Meinung, und dies müsse respektiert werden, sagt auch Sahinler.

Mängel bei Abläufen der Wahl

Dabei liegen diese Meinungen deutlich auseinander. „Ich bin für Demokratie und würde Erdogan daher nicht wählen“, sagt Özdemir, der in Leer für die SPD in Stadt- und Kreistag sitzt. „Es ist schade, dass Bildung in der Türkei noch nicht überall so weit Einzug gezogen hat, dass die Menschen verstehen, was da gerade passiert.“ Für Sahinler wird hingegen missachtet, was Erdogan in den vergangenen 20 Jahren für die Türkei geleistet habe. „Wir haben doch Demokratie, sonst gäbe es diese Wahl doch gar nicht“, bekräftigt er. „In Diktaturen wird doch nicht gewählt.“ Es seien konservative Werte, für die Erdogan stehe – und wenn die Menschen in der Türkei dies so wünschten, sei es zu respektieren.

Anhänger von Kilicdaroglu, dem 74-jährigen Vorsitzenden der Mitte-Links- und pro-säkularen Republikanischen Volkspartei (CHP), jubeln vor der Parteizentrale in Ankara. Foto: -/AP/dpa
Anhänger von Kilicdaroglu, dem 74-jährigen Vorsitzenden der Mitte-Links- und pro-säkularen Republikanischen Volkspartei (CHP), jubeln vor der Parteizentrale in Ankara. Foto: -/AP/dpa

Wahlbeobachter sehen unterdessen nach der Wahl Mängel bei den Abläufen. Die Türkei erfülle die Prinzipien einer demokratischen Wahl nicht, sagte Frank Schwabe (SPD), Leiter der Wahlbeobachtungsmission des Europarats, am Montag in Ankara. Bei der Stimmauszählung habe es an Transparenz gefehlt, hieß es von der Delegation.

Dass jüngere und gebildetere Menschen in der Folge resignierten und dem Land den Rücken kehrten, fürchtet Özdemir. Er habe in den vergangenen Monaten verstärkt Anfragen von Menschen erhalten, die sich erkundigten, wie sie eine Arbeitserlaubnis in Deutschland bekommen könnten. Einen Exodus gut ausgebildeter junger Menschen bei einer weiteren Amtszeit Erdogans, erwartet Sahinler nicht. „Unser Land ist schön und es hat sich so viel getan, da wollen doch nur wieder einige provozieren“, meint er. Und wer gehen wolle, könne dies ja tun. Mit Material von DPA

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