Hamburg  Ich wollte auf dem OMR erfolgreich werden – und bin (fast) am Internet gescheitert

Laura-Cäcilia Wolfert
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Von Laura-Cäcilia Wolfert
| 11.05.2023 12:48 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Rund 70.000 Besucher waren am 9. und 10. Mai auf dem OMR Festival in Hamburg, eine der größten Marketing- und Digitalkonferenzen in Europa. Foto: picture alliance/dpa /Christian Charisius
Rund 70.000 Besucher waren am 9. und 10. Mai auf dem OMR Festival in Hamburg, eine der größten Marketing- und Digitalkonferenzen in Europa. Foto: picture alliance/dpa /Christian Charisius
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OMR ist die Plattform für Online-Marketing-Rockstars. Das dazugehörige „Festival“, eines der größten in Europa, findet jährlich in Hamburg statt – mit Gästen wie Ex-Tennisprofi Serena Williams. Das Ziel: Erfolgreich werden. Unsere Autorin war zwei Tage da und ist jetzt mit Investor Frank Thelen per Du.

Wäre dieser Text ein Linkedin-Beitrag, er würde mit einem Raketen-Emoji beginnen. Das macht man heute so, um seinem Erfolg in einem Post Ausdruck zu verleihen. Raketen-Emojis wurden in den vergangenen zwei Tagen viele genutzt, schließlich sind hier alle Rockstars – Online-Marketing-Rockstars, um genau zu sein, dafür steht die Abkürzung „OMR“.

Das dazugehörige Festival findet seit 2011 in Hamburg statt. Rund 200 Gäste haben damals an der Premiere der Digitalkonferenz teilgenommen, dieses Jahr waren es knapp 70.000.

Ein Ticket für zwei Tage Festival (inkusive Live-Acts wie Fettes Brot, Macklemore und KIZ) kostet 399 Euro. Das Ziel: Sich mit Leuten austauschen, von Experten lernen und den großen Investoren seine Unternehmensidee „pitchen“. Kurz: Erfolgreich(er) werden.

Schafft man das? Ich wollte es herausfinden.

Mein Weg an die Spitze beginnt nicht auf dem OMR-Messegelände (87.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche in elf Hallen – das sind über zwölf Fußballfelder), sondern zu Hause (36 Quadratmeter – passt 198 Mal in ein Fußballfeld). Genauer: Vor meinem Kleiderschrank. Wer erfolgreich sein will, muss auch so aussehen. Ich entscheide mich für einen weißen Blazer. So einen, wie ihn immer Jeremy Fragrance trägt. Das ist dieser verrückte Parfüm-Influencer, bekannt aus der Show „Promi Big Brother“.

Hier sehen Sie Jeremy Fragrance auf dem OMR:

Er ist auch der erste „Speaker“, den ich mir auf dem Festival anhöre. Wer Fragrance nicht kennt: Der 34-Jährige wirkt immer ein bisschen so, als sei er auf Drogen. Er scherzt selbst darüber: „Neulich ist ein Tiktok-Video viral gegangen, da habe ich Käse gegessen, die Leute dachten aber, da hängt Koks an meiner Nase“.

Fragrance nehme ich nicht ernst, wobei er selbst behauptet, 500 Millionen Euro reich zu sein. Einer seiner Tipps:

Ich ziehe weiter und möchte mir Frühstück besorgen, laufe zu einem Gebäck-Stand. „Kaffee gibt es nur bei Melitta oder Starbucks“, sagt die Dame. Starbucks, was für ein Klischee!

Statt Starbucks mache ich es mir im Pressebereich bequem. Hier gibt es Kaffee umsonst. Auch Kekse, Getränke, Franzbrötchen, vegetarische Salamisnacks – und Wilson Gonzales Ochsenknecht. Seit wann ist der Ex-Wilde-Kerl ein Journalist?

Was es nicht gibt, ist Internet. Ob WLAN, LAN-Kabel, Hotspot von Kollegen oder mobile Daten: nichts davon funktioniert so, wie es soll. E-Mails empfange ich nur im 10-Minuten-Takt. Soll ich mein Erfolgsexperiment abbrechen? Niemals! „Erfolg hat drei Buchstaben: TUN“ – Johann Wolfgang von Goethe. Ich tun also weiter.

Ich schlendere auf dem Festivalgelände hin und her, beobachte die Besucher. Wenn ich an ihnen vorbeilaufe, schnappe ich Sätze auf wie: „Sag nicht, du kannst nicht. Sag, du willst nicht!“ Sogar Fynn Kliemann ist (wieder) da. Alle sind überdurchschnittlich hübsch. Meine Erkenntnis: Entweder macht Erfolg schön oder Schönheit erfolgreich – oder beides. Und: Bunte Anzug-Zweiteiler sind voll im Trend.

Hier sehen Sie dazu mein (erfolgreiches) Tiktok-Video:

Kai Pflaume, der auf einer der großen Bühnen moderiert, beschreibt das OMR-Festival als „Gamescom für Erwachsene“ – weltweit größte Computermesse. Antonio-Maximilian, ein Influencer als „Coachella für Entrepreneure“ –  größtes Musikfestival in Kalifornien. Ich selbst beschreibe das OMR eher so: Stellen Sie sich vor, Berlin und Frankfurt am Main zeugen ein Kind – dann entsteht ein Ort wie das OMR-Festival. Eine Mischung aus Berghain und Börse.

Vor einem Jahr gab es noch Tickets für 99 Euro mit eingeschränktem Zutritt. Jetzt wurden die Preise vervierfacht, dafür darf jeder überall hin. Wobei, ganz richtig ist das nicht. Dürfen, ja. Können, nein. Das Messegelände ist so voll, dass mir aus Sicherheitsgründen für manche Hallen und Auftritte der Zugang verwehrt wird. Ich komme erst im Meet-And-Greet-Raum zur Ruhe: Ein schick eingerichteter Glas-Container.

Hier soll ich mit Frank Thelen sprechen, ein Investor – bekannt aus der Show „Höhle der Löwen“. Das Interview lesen Sie bald hier, stay tuned! So viel sei verraten: Thelen bestand darauf, dass ich ihn duze. Ich frage den Investor nicht, wie ich erfolgreich werde – das macht schließlich jeder. Ich suche nach dem „unique selling point“ (Alleinstellungsmerkmal) und frage, wie man es nicht wird. „Niemals kurzfristig taktisch handeln, sondern immer langfristig und ehrlich“, sagt er.

Frank, wie ich ihn jetzt nenne, und ich quatschen noch ein bisschen über meine Dr. Martens und Tennis. Dann muss Frank los. Weitere Erfolgstipps notiere ich mir bei seinen Kollegen und ihren „Keynotes“ – den Impulsvorträgen:

Auf dem OMR-Festival hört man wichtigen Leuten beim Reden zu. Kann man stattdessen Podcasts hören? Ja. Die Bücher der Speaker lesen? Ja. Ist es genauso geil? Nein. Für Ihre Lieblingsband kaufen Sie schließlich auch Konzerttickets. Es geht um das Erlebnis.

Dieses Erlebnis hat mich ziemlich platt gemacht (Ehrlich sein – Tipp Ann-Katrin Schmitz). Trotzdem war ich erfolgreich. (Immer wie ein Gewinner fühlen, selbst, wenn man physisch im Arsch – Tipp Jeremy Fragrance). Sehen Sie selbst:

Beeindruckt? Sie finden mich auf Linkedin. Raketenemoji.

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