Hamburg So bedroht ist Deutschlands maritime Infrastruktur
Seekabel, Windkraftanlagen, Verkehrswege: Die kritische maritime Infrastruktur in Nord- und Ostsee rückt nach Sabotage- und Spionagefällen zunehmend in den Fokus. Die deutschen Behörden halten sich jedoch bedeckt.
Seit dem 26. September 2022 sind Anrainerstaaten von Nord- und Ostsee in Alarmbereitschaft: Die Bilder des aus der gesprengten Nordstream-Pipeline an die Wasseroberfläche sprudelnden Erdgases haben dem Westen eindrücklich die eigene Verwundbarkeit vor Augen geführt.
Schon zuvor hatte es mutmaßliche Sabotageakte an Seekabeln gegeben, Anfang 2022 wurde eines der wichtigsten arktischen Seekabel in der Nähe von Svalbard/Norwegen durchtrennt. Die Nato registriert bereits seit 2015 gestiegene russische U-Boot-Aktivitäten entlang wichtiger maritimer Infrastruktur. Seit dem Anschlag auf Nordstream 1 häufen sich auch in den Medien die Berichte und Enthüllungen über russische Spionageaktivitäten in Nord- und Ostsee.
Allerdings gehen die europäischen Staaten unterschiedlich mit der offenbar gestiegenen Bedrohung um. Für deutsche Gewässer gibt es bislang keine Berichte über verstärkte russische Spionageaktivitäten – so zumindest äußern sich die damit befassten Behörden. „Eine signifikante Zunahme russischer Seefahrzeuge in der Nord- und Ostsee konnte die Bundespolizei bislang nicht feststellen“, sagt der Sprecher der Bundespolizei See Wulf Winterhoff auf Nachfrage unserer Redaktion.
Ansonsten gibt sich die Behörde bedeckt: Bewegungen russischer Seefahrzeuge in der Nord- und Ostsee seien seit jeher alltäglich, mit dem russischen Angriff auf die Ukraine habe die Bundespolizei ihre Aktivitäten „qualitativ und quantitativ der Lageentwicklung angepasst“.
„Regelmäßig werden russische Seefahrzeuge von der Bundespolizei identifiziert und bei der Durchfahrt durch die deutsche Außenwirtschaftszone (AWZ) in Nord- und Ostsee überwacht und begleitet“, heißt es von der Bundespolizei weiter. Nach Verlassen der deutschen Außenwirtschaftszone übergebe man sie an die dänischen Behörden.
„In bestimmten Einzelfällen werden zivile russische Seefahrzeuge und deren Besatzungen auch einer grenzpolizeilichen Überprüfung unterzogen.“ Welche Einzelfälle das sind, dazu will sich die Bundespolizei nicht weiter äußern. Es seien aber „völlig normale und reguläre Vorgänge.“
Die Schiffe sind das eine, Pipelines und Datenkabel das andere: Tatsächlich sind maritime kritische Infrastrukturen in Deutschland bislang kaum in staatliche Sicherheitskonzepte eingebunden. Ein Grund dafür: Sie werden zumeist privat betrieben. „Der Schutz kritischer Infrastrukturen (KRITIS) an Land und seewärts obliegt zunächst selbst den Betreibern dieser Anlagen vor dem Hintergrund der betrieblichen Sicherheitsvorsorge“, heißt es dazu von der Bundespolizei See.
Die Betreiberfirmen selbst sind es also, die ihre Anlagen angemessen schützen müssen, gegebenenfalls beraten und im Ernstfall unterstützt von den Behörden. Hier sind zunächst die jeweiligen Bundesländer zuständig. Das gilt sowohl für die Cybertechnik als auch ganz physisch für die Offshore-Anlagen selbst.
Klar ist: Wenn mit der Energiewende die Nordsee „das grüne Kraftwerk Europas“ werden soll, wie Bundeskanzler Olaf Scholz es kürzlich formulierte, dann bietet das eine ungleich größere Angriffsfläche für künftige Sabotageakte – Betreiber und Behörden müssen sich dazu etwas einfallen lassen.
Auf der diesjährigen Undersea Defence Technology (UDT) in Rostock – der bedeutendsten Messe für Unterwasser-Rüstung, bei der hochrangige Militärs und Industrie aufeinandertreffen – kam kaum ein Vortrag ohne Hinweis auf die Nordstream-Sabotage aus. Tatsächlich ist es schwierig bis aussichtslos, etwa ein transatlantisches Datenkabel lückenlos zu schützen. Gefährdet ist solcherlei Infrastruktur ohnehin eher in den flacheren Gewässern von Nord- und Ostsee, wo auch Sabotage-Trupps leichteres Spiel haben als in größeren Tiefen.
Von verstärkten Patrouillenfahrten bis hin zu Sensoren, mit denen nicht nur Pipelines und Seekabel, sondern auch Häfen und Windkraftanlagen überwacht werden können, reichen die Möglichkeiten.
Tatsächlich geht es bei beiden Seiten am Ende um die besseren Daten: Wenn etwa hypersensible Sensoren frühzeitig verdächtige Schiffsbewegungen ausmachen, kann das ein wichtiger Faktor im Kampf gegen Sabotage sein. Gleichzeitig brauchen Marine und Bundespolizei entsprechende Ausrüstung, um den Schutz der Küsten und Seegebiete auch physisch zu gewährleisten. Bei Behörden und privaten Betreibern wiederum muss die Cybersicherheit so ernst genommen werden, dass eine Abschöpfung wichtiger Daten wirksam verhindert werden kann.
Angriffe wie der auf die Bremer Lürssen-Werft, der seit Ostern Teile des Betriebs praktisch lahmlegt, ist auch deshalb so ernst, weil die Werft nicht nur im Luxusyachtbau, sondern auch im Marineschiffbau tätig ist. Und bei all dem kommt es auf enge Zusammenarbeit an: zwischen Behörden und Betreibern, zwischen Nord- und Ostsee-Anrainerstaaten.
„Der maritime Raum ist mit am stärksten von den Veränderungen im Sicherheitsumfeld der letzten Jahre betroffen“, heißt es in einer Analyse der Stiftung Wissenschaft und Politik. Ob in der Energiesicherheit, dem Schutz von Handelsrouten, Sabotageakten oder auch im Cyberbereich: In diesen Feldern sei „der maritime Raum instabiler und anfälliger für hybride Bedrohungen geworden“, schreiben die Autoren – und fordern, die auch in diesem Bereich nötige „Zeitenwende“ europäisch abzustimmen.